Das Netz, Der Alltag
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Das Klima wird rauer

Ich fuhr letztens mit dem Auto durch meine Heimatstadt und obwohl ich mich eigentlich gut auskenne, nahm ich die falsche Abbiegung. Ein paar Parkbuchten erleichterten mir das Wenden und ich bog erneut in die Straße ein. Dem Autofahrer, der sich näherte, war ich allerdings nicht schnell genug. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, sein Tempo kurz zu drosseln und wir wären mehr als geschmeidig aneinander vorbei gekommen. Dies tat er aber nicht, obwohl er mich bereits mehr als fünfzig Meter vorher sah. Es war ihm scheinbar ein inneres Bedürfnis mir neben seiner Hupe auch noch eine drohende Faust und ein paar verbale Entgleisungen entgegen zu schmettern. Beim Vorbeifahren schaute ich in eine Fratze voller Zorn und fragte mich, ob der Fahrer mich auch körperlich angegangen hätte, wenn ich vielleicht ebenfalls mit einer Verbalattacke anstatt eines schuldbewussten Lächelns geantwortet hätte.

Das Klima wird rauer

Jetzt könnte man von einem Einzelfall sprechen, vielleicht hatte der Mann einfach einen schlechten Tag, aber so einfach ist die Lage nicht (und meines Erachtes auch keine Entschuldigung). Das zwischenmenschliche Klima ist rauer geworden in den letzten Jahren, das entdecke ich leider überall – und nicht nur im Netz, wobei es da häuftig noch hemmungsloser zugeht.

Wann haben wir verlernt, das richtige Augenmaß zu beweisen?- Und ich spreche bewusst von wir, weil sich vermutlich niemand von uns freisprechen kann, bisweilen völlig unangemessen zu reagieren.

Da finden sich völlig enthemmte verbale Entgleisungen im Netz, weil eine Frau ein Europameisterschaftsspiel im Fernsehen kommentiert. Meinen diese Schreiberlinge eigentlich, dass sie einen Deut besser sind als die Hooligans, die sich mit gegnerischen „Fans“ kloppen? Da bejubeln unzählige Anhänger einen Präsidentschaftskandidaten, dessen Parolen durchweg Minderheiten, Schwächere und Andersdenkende angreifen und der selbst nicht vor dem Aufruf zur Gewalt zurückschreckt. Die ältere Dame am Marktstand verliert ebenfalls jegliche Contenance , weil sich jemand vorgedrängelt hat und beim aus Versehen Anrempeln muss man mittlerweile auch auf der Hut sein, nicht eine geklatscht zu bekommen.

Woher diese ganze Wut?

Aber woher kommt diese ganze Wut, dieser Zorn, der Menschen zu tickenden Zeitbomben werden lässt? Wie kann es sein, dass wir, die wir in relativem Wohlstand und Sicherheit leben (und ja, das tun wir so ziemlich alle in den Erste Welt Ländern – besagter Autofahrer von oben fuhr übrigens BMW) mit einer solchen Grund-Unzufriedenheit ausgestattet zu sein scheinen, dass wir Kleinigkeiten zum Anlass nehmen, allen angestauten Frust an anderen auszulassen?

Ein Lächeln als erster Schritt

Haltet mich für naiv, aber dennoch bin ich der Meinung, dass ein Lächeln oder ein nettes Wort ebenso ansteckend sein kann wie der Zorn. Jede Veränderung beginnt mit einem ersten kleinen Schritt und den kann ich direkt vor meiner eigenen Haustür machen. Egal ob in der eigenen Familie, bei den Nachbarn, den Arbeitskollegen, der Postbotin oder dem Müllmann, verschenkt doch einfach mal wieder ein fröhliches Lächeln und ein paar freundliche Worte. Vielleicht hat der Beschenkte danach selbst gute Laune und das lächelnde Schneeballprinzip kann seinen Lauf nehmen. Und am Ende kann unser aller Freundlichkeit vielleicht ja doch etwas Großes bewirken. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Foto: Pixabay

 

8 Kommentare

  1. Maren sagt

    Du Liebe, da hast Du einen Nerv getroffen. Ich erwische mich im Moment auch bei einem immer ruppigeren Umgangston mit anderen oder mahnend hochgezogenen Augenbrauen, wenn andere mir im Straßenverkehr blöd begegnen. Und jedesmal merke ich eine Schrecksekunde zu spät, dass ich ein doofes Gesicht gezogen habe. NOCH bin ich mir dessen zum Glück bewusst, und es sind Texte, wie der Deine, die mir zeigen, dass es ein Leichtes sein kann, sich mal wieder etwas zurückzunehmen. Dafür danke ich Dir!!!

    • Stefanie Leo sagt

      Sehr gerne geschehen. Irgendwie hofft man ja immer, mit Blogbeiträgen einen Anstoß – zu was auch immer – zu liefern.

  2. Ich teile die Beobachtung und finde das überhaupt nicht naiv. Mit einem Lächeln fängt es an… Man kann sich schon durch Nicht-Zornig-Sein von anderen wohltuen abheben, umso mehr durch ein Lächeln. Und wenn jeman ein Lächeln belächelt… nun ja, da steckt auch ein Lächeln drin. Der Lächelnde gewinnt auf ganzer Linie.

    • Stefanie Leo sagt

      „Der Lächelnde gewinnt auf ganzer Linie.“ – das gefällt mir sehr 🙂

  3. …und während ich diesen Beitrag (der mir übrigens aus der Seele spricht) lese, wollen sich direkt vor mir zwei Autofahrer wegen einer Parklücke an die Gurgel gehen…

  4. Leider ist das auch meine Beobachtung, auch an mir selbst. Vielleicht liegt es daran, dass wir zeitlich immer Getriebene sind und die Schuld so bequem anderen zuweisen können. Wenn meine Tochter bei mir im Auto sitzt, dann bin ich relaxter, da muss man ja Vorbild sein. Ein Lächeln kommt mir auf alle Fälle viel öfter über die Lippen, wie ein Grummeln. Tut mir selbst auch viel besser. Viele Grüße, Susanne

  5. Schöner Artikel (der gut tut… man fühlt sich nicht mehr so alleine). Ja, woher diese Wut?
    Ich halte es mit John Lennon „Love is the answer“

    Lg,
    Werner

  6. Man müsste kleine Kärtchen machen, denke ich manchmal, und sie den Menschen in die Hand drücken (oder hinter die Scheibenwischer klemmen):

    DANKE, DASS SIE LÄCHELN!

    LG, Kathrin

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