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„Lieber Kai, …“ – Eine Antwort von Antje Herden

Gestern veröffentlichte ich hier auf meinem Blog einen Brief von Kai Lüftner mit dem Thema „Branche ohne Wert!“. Dass Lüftner mit seinem Thema einen Nerv getroffen hat, zeigt mir meine Beitragsstatistik, denn der Brief wurde seit gestern bereits knapp 600 Mal aufgerufen.

Heute Morgen gibt die Autoren-Kollegin Antje Herden auf ihrer Facebook-Seite eine Antwort. Auch diesen Brief möchte ich euch und den Lesern, die kein Facebook-Profil haben, nicht vorenthalten:

1502502_236793453183852_7880251327305522917_nLieber Kai Lüftner,

nicht nur weil wir Kollegen sind, nicht nur, weil wir uns nahe stehen, nicht nur, weil Du mich in Deinem Wutwort namentlich erwähnst, sondern weil es mich gestern Nacht unerwartet aus dem Hinterhalt traf und nahezu in die Knie zwang, möchte ich darauf antworten.

Mein Name ist Antje und ich schreibe seit vier Jahren Kinderbücher.

Ich gebe mir verdammt viel Mühe damit: recherchiere genau, konzipiere zwar akribisch aber aus tiefstem Herzen und formuliere möglichst intelligent und komisch. Ich bin stolz auf meine Arbeit und ich liebe meine Bücher. Ich weiß, wenn mehr Kinder Zugang dazu hätten, würden meine Geschichten viele glücklich machen.

Leider haben das aber nur wenige. Meine Bücher werden in der Branche zwar hochgelobt, aber von der äußeren Welt, den Lesern, Buchkäufern und –schenkern, wenig wahrgenommen. Woran das liegt, hat viele Ursachen: Kleinverlag und Unvermögen einzelner sicher auch, aber hauptsächlich: Unwichtigkeit im großen geldregierten Ganzen und damit keine lohnende Investition.
Warum das so ist?

Wenn ich diese Frage beantworten oder gar lösen könnte, dürftet Ihr alle in meinem Geldbunker schwimmen wie Dagobert Duck.

Ein Versuch:
Wenn mich ein Veranstalter den Kids vorstellt, ist das erste und auch das am meisten beachtetste zu meiner Person: Sie arbeitete viele Jahre als Fotomodell.
“Geil”, höre ich dann. “Aber Lesen finde ich eigentlich nicht so toll.” Danke dafür.

Wir leben in der Blase eines überschaubaren Kreises. Kollegen in ähnlichen Situationen, Buchhändlerinnen, einige Bibliothekare, Blogger, Kinderbuchfans und ein paar Engagierte. Doch was bedeutet das? Letztendlich nicht viel.

Obwohl Deine Bücher einfach wunderbar sind, obwohl Du ein supersympathischer Typ bist, der zudem noch auf spezielle Art und Weise fantastisch aussieht, obwohl Du den großen Bang-Auftritt im Fernseher hattest, haben (im Moment) 1075 Menschen den Gefällt-mir Knopf Deiner Autorenseite gedrückt. Stefanie, die in der Sendung neben Dir saß und Topmodel ist, hat 580486 Fans auf ihrer Seite. Warum ich das schreibe? Weil es meiner Meinung nach genau darum geht.

Die Menschen bekommen letztendlich, was sie verdienen, wonach sie fragen. Während der Trend zum Zweitbuch im Kinderzimmer rückläufig ist, haben alle irgendein Smartphone. Dass es immer wieder heißt, Kinderbücher seien zu teuer, ist ein Witz. Wenn man die jährlichen Kosten der Unterhaltungselektronik in Kinderhänden einmal in Kinderbücher umrechnete, dann hätte selbst ein Mensch mit fotografischem Gedächtnis Probleme, diese alle zu lesen. Dass es eine Handvoll Menschen gibt, die mahnen, die auf geistige, soziale und emmotionale Verarmung hinweisen, wirkt da wie ein Pups im Sturm.
Lesen gilt zwar in einigen Kreisen als erstrebenswert, aber es ist unglamourös, unsexy und viel zu leise, um die Massen zu erreichen.

Meiner Meinung nach, erheben Verlage keinen Weltverbesserer-Anspruch. Die haben vielleicht einmal mit einer Mission oder einem Interesse am Kind und der Literatur begonnen, aber in einem kapitalistischen System handeln sie letztendlich kapitalistisch. Am Ende geht es nicht mehr um Werte, sondern um den schnöden Mammon. Ich weiß nicht, ob Schimpfen auf und über Verlage etwas ändern würde. Wenn man mit guten Kinderbüchern Geld verdienen könnte, würden sie uns hofieren. Das mag elend und klein erscheinen, aber ich befürchte, so sieht es aus.

Ich habe mir Gedanken gemacht, was nun mit Dir, der Du gebrüllt hast, passieren könnte, wenn das System tatsächlich so furchtbar ist, wie ich es vermute. Wahrscheinlich laufen heute einige Telefonstrippen heiß. Was machen wir mit diesem Aufrührer, diesem Wütenden, diesem unangepassten Autoren? Können wir damit irgendwie Geld machen? Ist das womöglich eine Supersache, die wir monitär ausnutzen könnten? Oder ist der Typ einfach schwierig, macht Ärger und Stunk und wir lassen den mal lieber in der Senke verschwinden und seine Hörbücher udn Sketche für andere schreiben?
Das wäre fatal, denn dann müssten unzählige Kids auf Deine klugen, berührenden und lustigen Geschichten, auf Deinen Humor und Deinen Spaß am Fabulieren verzichten. Denn die würden es eventuell gar nicht mitkriegen. Die Läden sind doch voll mit unzähligen anderen Büchern.

Eine echte Lösung habe ich nicht. Nach einer Lösung hat mich auch Natascha Geier im Interview mit dem NDR gefragt. Über eine Lösung haben Antje Ehmann, Jurymitglied des Deutschen Kinder- und Jugenbuchpreises, und ich gerätselt. Theoretisch gibt es eine, klar. Leseförderung. Den Spaß am Buch und am Lesen vermitteln.
Wir alle wissen, dass die meisten Eltern damit überfordert sind. Sie greifen zu Altbewährtem, das sie aus Kindertagen kennen, und meistens noch irgendwo auf dem Dachboden herumstehen haben. Die Großeltern sowieso. Wir Autoren wissen alle: Nachmittagslesungen oder Wochenendlesungen sind “voll”, wenn da 20 Leute sitzen, also etwa 10 Kinder und ihre Begleitperson, gerne mit Baby. Die einzige Ausnahme, die ich dazu bisher erleben durfte, war eine Lesung mit Andreas Steinhöfel.

Leseförderung sollte schon im Kindergarten beginnen. Auch klar. Aber geht doch mal in die Kindergärten und Grundschulen. Nicht in die mit prämierten Vorzeigemodellen oder einem potenten Förderverein, sondern in die echten, in die, von denen es die meisten gibt. Schaut Euch dort die zerfledderten ewig alten Bücher an. Fragt die Kindergärtnerin, welche Neuerscheinungen sie mag. Ich verspreche Euch, die meisten kennen nicht eine einzige der letzten Jahre. (Ich weiß, es gibt Ausnahmen, aber die Ausnahmen ändern eben nicht viel.)
Als meine ersten Bücher erschienen waren, habe ich mehrfach in der Grundschule, im Hort und in der weiterführenden Schule meiner beiden Kinder angeboten, kostenlos zu lesen. Es gab kein Interesse! Nur die wunderbare ehemalige Lehrerin meines Sohnes, Frau Wolfert, veranstalte eine Lesung mit mir in ihrer Klasse.

Sollen wir Autoren nun laut brüllen und tanzen? Uns zum Hempel machen? Damit uns jeman dsieht, hört und liest? Oder resigniert leise seufzen und Margarine statt Butter kaufen, aber weiter das schreiben, an was wir glauben? Und falls es dann doch endlich läuft, das lieber niemandem erzählen, um keinen Kollegen neidisch oder traurig zu machen?

Ja, auch ich poste Amazonrezensionen meiner Bücher in Ermangelung von professionellen Besprechungen. Ich freue mich, wenn jemand meine Bücher mag und sich die Zeit nimmt, einige Worte dazu zu schreiben. Aber ich teile das mit zusammengebissenen Zähnen und Tränen in den Augen. Genauso, wie ich jeden Tag etwa eine Stunde Zeit investriere, einen oder zwei Facebookposts zu entwickln, die ich auf meine Autorenseite stelle, um mich dann bei meinen 499 Fans dafür zu bedanken, dass etwa 300 von ihnen den Post sahen, 15 darauf positiv regierten und mich nur einer alle zwei Tage entfreundet, weil er sich zugespamt fühlt.

Das tut weh! Denn ich glaube wirklich, dass ich den Leuten mit meinen Posts und vor allem mit meinen Büchern etwas schenken kann, was sie ein wenig glücklicher, nachdenklicher, neugieriger sein lässt. Und ja, es würde mich sehr froh in mein Margarinebrot beißen lassen, wenn sich dafür einer bei mir bedanken würde und nicht umgekehrt.

Laut genug mit der Faust auf den Tisch gehauen, Herr Lüftner? Leider laufen mir zeitgleich die Tränen über die Wangen. Aber ich darf das ja, so als Frau und Kinderbuchautorin.

Ich hab Dich lieb! Und mich erst recht!

Antje

 

 

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