Der Alltag, Familie
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Das Ehrenamt oder Zu doof um NEIN zu sagen?!

Eins gleich vorweg: Ich bin ein großer Befürworter des Ehrenamts und habe bzw. hatte schon so manches Amt inne. Wenn sich dann aber an einem Wochenende wie diesem die Termine häufen und ich bisweilen neidisch auf diejenigen gucke, die sich wieder einmal clever um Mithilfe gedrückt haben, dann stelle ich mir schon die Frage, ob ich einfach zu doof bin, um NEIN zu sagen.

Ein Leben ohne Ehrenamt ist möglich aber nicht erstrebenswert!

Wenn ich mir vorstelle, was meinen Kindern in ihrem Leben bereits alles entgangen wäre, wenn sich niemand freiwillig und unbezahlt für ein bestimmtes Ehrenamt gemeldet hätte, dann ist dieser Gedanke schon sehr traurig. St. Martins-Umzüge oder Vorlesestunden im Kindergarten, Kindergottesdienst oder Kommunionunterricht, das Vorhandensein einer Schulbibliothek, Leseförderung oder das Grundschul-Sommerfest, Elternstammtische, Glühweinstand oder Kuchenbuffet an Anmelde- oder Projekttagen in der weiterführenden Schule, dies sind nur einige wenige Dinge, die ohne ehrenamtliches Mitwirken nicht möglich wären.

Leider sind immer weniger Menschen bereit, ihren Part für ein gelungenes Miteinander zu erfüllen. Sicher ist dies auch den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre geschuldet, beispielsweise waren nur wenige Mütter zur Kindergartenzeit meines ersten Sohnes (2001 – 2004) berufstätig, manche Dinge konnten beim mittäglichen Abholen auf dem kleinen Dienstweg besprochen werden und zum Basteln, Aufbauen und Abbauen fanden sich immer genügend Helfer. Heute sind viele Kinder bereits vor ihrem dritten Geburtstag im Kindergarten und das meist mit Wochenstunden, die manche Gewerkschaft für Erwachsene so nicht mehr dulden würde. Das Engagement der Eltern verhält sich dazu leider umgekehrt proportional, wie ich von vielen LeiterInnen der Kitas erfahren konnte. Da fallen dann immer wieder Veranstaltungen aus, weil es an Helfern mangelt. Die Empörung darüber jedoch ist meist groß.

Auch die Öffnungszeiten der Grundschulbücherei, die ich bis 2012 leitete und jeden Mittwoch Vormittag für etwa 250 Schüler und Schülerinnen geöffnet war, konnten wir zum Schluss nur mit großem Engagement einiger weniger Eltern (meist Mütter) und zunehmend Großeltern gewährleisten. Allerdings kannte man sich untereinander meist sogar klassenübergreifend noch recht gut, so dass Festivitäten einigermaßen ordentlich organisiert werden konnten.

Dies sieht in der weiterführenden Schule mit sechs Zügen und rund 1.400 Schülern schon ganz anders aus. Unsere Kinder sind selbstständiger, der Unterricht dauert länger, man kommt viel weniger mit den anderen Eltern in Kontakt, alles ist eben ein wenig anonymer als zu Grundschulzeiten geworden. Ein wunderbares Pflaster für Drückeberger! Standdienst für den Projekttag, Kuchen für den  Anmeldetag? Im Zweifel hat man die Mail der Klassenpflegschaft leider „übersehen“ oder wartet so lange bis die anderen den Part übernommen haben.

Man begegnet immer denselben

Ein Spruch, der mich schon seit Kindergartenzeiten begleitet ist dieser: „Es gibt immer solche und solche Eltern!“. Und tatsächlich begegnet man, wenn man mit einem gewissen Maß an ehrenamtlichem Engagement ausgestattet ist, über Jahre hinweg immer denselben Menschen, egal ob am Kuchenstand oder bei der Elternpflegschaft. Längst schon haben wir resigniert und schlimmer noch, sind oft ausgelaugt und haben keinen „Bock“ mehr, zu den ewig „Dummen“ zu gehören.

ehrenamt

Aufbau der Cafeteria für den Projekttag

Ein Beispiel: In der Schule meiner Söhne werden zur Zeit rund 1.400 Schüler in 54 Klassen unterrichtet, dazu gehören also auch etwa 1.400 Elternteile. Von diesen – runden wir mal großzügig ab – 2.000 Erwachsenen engagieren sich weniger als 20! ehrenamtlich im Schulverein. Hier lastet eindeutig zu viel Arbeit auf zu wenigen Schultern.

Aber woran liegt es? Ist unsere Gesellschaft egoistischer geworden? Fehlt den Leuten vermeintlich die Zeit? Ist die Informationspolitik der Vereine oder Gremien zu dürftig? Oder klappt mit den wenigen Leuten alles einfach noch viel zu gut, so dass der Leidensdruck der anderen nicht vorhanden ist?

Engagement ja, aber ohne weitreichende Verpflichtungen

Bei meinem siebenstündigen Dienst am gestrigen Projekttag (Der ausgedehnte Rahmen kam allerdings auch dadurch zustande,  dass meine Kollegin und ich in die Geheimnisse der Projekttag-Organisation eingeführt wurden.) sprach ich einige der helfenden (ja, es sind immer dieselben) Eltern an, ob sie sich eine aktive Mitarbeit im Schulverein vorstellen könnten. Vielen von ihnen war die Angst ins Gesicht geschrieben, die Angst aufgrund der wenigen Helfer vom Schulverein ganz vereinnahmt zu werden. Als ich ihnen dann mitteilte, dass wir lediglich Eltern für einen Helfer-Pool suchten, also für eine Liste, auf die wir in Zeiten von Engpässen zurückgreifen könnten, entspannten sie sich zusehends und zeigten sich interessiert. Es fielen Sätze wie: „Also ich kann dann auch mal absagen?“ oder „Ach, ich muss dann nicht immer helfen?“.

Die gestrige Erfahrung zeigte mir, dass wir im Schulverein – das gilt aber sicher auch für viele andere Vereine und Gremien, die auf ehrenamtliche Hilfe angewiesen sind – zum einen bessere Aufklärungsarbeit leisten müssen, zum anderen aber die Art der Mitarbeit den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst werden muss. Bleibt abzuwarten, ob sich nach meinem gestrigen Appell erste Helfer melden werden.

Alles andere als doof

Wer sich ehrenamtlich engagiert ist alles andere als doof. Er geht mit gutem Beispiel voran und macht unsere Welt ein wenig l(i)ebenswürdiger. Und mit wachem Blick auf unsere heutige Gesellschaft, ein wenig Geschick und den ein oder anderen Anpassungen sollte es möglich sein, das Ehrenamt weiterhin lebendig zu gestalten. Ich jedenfalls gebe die Hoffnung noch nicht auf!

18 Kommentare

  1. Hm, neben einer gewissen Bequemlichkeit ist es wirklich den Umstaenden geschuldet. Wenn beide Elternteile Vollzeit arbeiten, bleibt keine Zeit fuer solche Taetigkeiten. Denn oft wird am Wochenende der Haushalt erledigt, vielleicht noch hier und da ein Hobby gepflegt und es fehlt den Menschen dann einfach die Kraft bzw. natuerlich die grosse Sorge, bei einmal Zustimmung immer verpflichtet zu sein. Zudem gibt es bei so manchem Ehrenamt Dinge, die Zeit rauben und sinnlos sind, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, z. B. die tausendste Diskussion ums Bioessen….

    • Stefanie Leo sagt

      Wenn wir nun alle Vollzeit arbeiten und wir alle keine Zeit mehr für solche Tätigkeiten haben, wohin führt uns das denn? Eine solche Gesellschaft möchte ich mir in meinem schlimmsten Albträumen nicht vorstellen!
      In meinen Augen haben wir alle genügend Zeit, wir müssen nur lernen, sie sinnvoll einzusetzen und sich hin und wieder einfach mal die Zeit zu nehmen u.a. auch für das Ehrenamt!

  2. Franz sagt

    Als einfacher Arbeiter halte ich mich aus allem schon raus wegen den ganzen Rotariern und Lions-Leuten unter den Eltern mit ihrem Sendungsbewusstsein und teils auch furchtbarer Arroganz. Kann ja nicht sein, dass jemand, der nicht in so einem Club ist, weiß wie man leckeren Kuchen backt. Nur ein Beispiel.

    Da lässt man die ewig gleichen Leute dann halt machen, wenn man eh nicht wirklich erwünscht ist.

    • Stefanie Leo sagt

      Hallo Franz, ganz ehrlich, wenn solche Eltern mit solcher Arroganz und Sendungsbewusstsein alles besser können, dann sollen sie es auch selber machen und sich nicht beschweren, dass andere nicht helfen.
      Von meinen Kolleginnen und Kollegen im Schulverein allerdings ist niemand bei den Rotariern oder im Lions-Club und wir freuen uns wirklich über neue Helfer. Ich bin auch noch nicht lange dabei und fühlte mich sehr willkommen und angenommen.

      Vielen Dank für deinen Kommentar, der auch noch mal ein anderes Licht auf die Sache wirft.

    • Lieber Franz – nur Mut! Und auch nur Mut zur Abgrenzung. Manchmal können einem doch diese Rotary-Lions-Mamas leid tun, die den ganzen Tag über nicht viel anderes zu tun haben, als zu überlegen, was für Häpppchen sie zum Schulfest mitbringen. Und dies dann auch noch lauthals mit ihresgleichen besprechen. Als meine Kinder zur Schule gingen, war ich zu 2/3 berufstätig, und hab immer nur Brezeln mitgebracht, wenn ich es geschafft habe, hab ich frühmorgens dann noch schnelle Scheibenkäse drauf geklatscht, manchmal nur so trocken. Und die Kinder mochten meine Brezeln immer und immer wieder, egal ob in der 5. Klasse oder im Abijahrgang. Also weniger ist manchmal mehr und allemal besser als gar nicht mitzumachen.

  3. BiancaG81 sagt

    Ich bin keine Mutter und kann da nicht so mitreden. Nur generell zum Thema Ehrenamt: Ich war, als ich nach meinem Studium arbeitssuchend war, auf der Suche nach einem Ehrenamt. Es sollte was Sinnvolles sein, aber ganz ehrlich, die „harten“ Sachen wie die Arbeit mit Behinderten, Kranken, Sterbenden oder Senioren habe ich mir nicht zugetraut. Deshalb suchte ich mir einfachere Dinge. Ich bin im Weltladen gelandet – wo sich die flotten Bio-Rentner bereits um die Schichten geprügelt haben und selbst dann noch auftauchten, wenn wir eigentlich mit genügend Leuten besetzt waren. Ich hielt es nach ein paar Wochen für verschwendete Kapazität, mich dort neben den anderen untätigen Ehrenämtlern hinzustellen und auf Arbeit zu warten und habe dieses Ehrenamt schnell wieder aufgegeben.
    Bei anderen Stellen (z. B. mobile Bücherei für behinderte/alte Menschen) wurde lächelnd abgewunken – neee, wir haben genug Ehrenamtliche, wo sollen wir Sie denn noch hinstecken?
    Bei anderen Stellen hieß es, man muss sich auf soundsoviele Monate verpflichten mitzumachen – das konnte ich nicht, denn ich habe mich landesweit beworben und hätte jederzeit wegziehen können.
    Irgendwann hab ich frustriert aufgegeben und mich schon seit längerer Zeit nicht mehr um ein Ehrenamt bemüht. Vielleicht versuche ich es doch nochmal im Bereich Asylarbeit oder sowas, wo man vielleicht wirklich dankbar ist für Mithilfe.
    Ein Freund von mir war mal längere Zeit bei der Tafel und später nach einem Umzug kurze Zeit bei der Kulturtafel einer anderen Stadt – es fing schon damit an, dass er als Vollzeit-Erwerbstätiger nicht so gerne gesehen war, weil er „nur“ an den Wochenenden aushelfen konnte. Wenn er etwas für die Tafel gemacht hat (Er ist im Marketing tätig und hat z. B. die Internetpräsenz neu aufgezogen.), gab es immer Wichtigtuer, die an allem herummäkelten. Quasi: Was nichts kostet, kann ja nichts taugen. Dazu kamen haufenweise Zickereien und Lästereien unter den Ehrenamtlichen, jeder wollte alleine was aufziehen, es gab kein Teamwork. Irgendwann meinte mein Freund, dass die Zeit für die Treffen eigentlich nur damit verschwendet wird, unsinnig herumzudiskutieren und sich zu streiten, statt dass man sich einfach mal auf die Arbeit konzentriert. Er fand es so zermürbend (Er hatte eh schon einen sehr stressigen Job und kroch meist aus der Arbeit heraus.), dass er die Gruppe wieder verließ – nicht, ohne sich erst monatelang durchzuquälen und sich dann deshalb auch noch schlecht zu fühlen, denn er wollte ja eigentlich helfen…
    Mein persönliches Fazit: Es ist gar nicht so einfach, ehrenamtlich tätig zu sein, selbst wenn man möchte. Auch wenn es natürlich eine Tendenz dazu gibt, dass die Leute immer weniger Lust auf sowas haben, das ist nicht zu leugnen.
    Wie gesagt bin ich keine Mutter und hab nichts mit Ehrenämtern an Schulen oder Kindergärten zu tun, aber kann mir vorstellen, dass es auch dort solche stutenbissigen Mütter gibt, die andere vergraulen. Und sicherlich kommt noch erschwerend hinzu, dass heutzutage meist beide Elternteile voll berufstätig sind. Als ich noch ein Kind war, war meine Mutter hauptberuflich Mutter und daheim, da fanden sich einfach viel mehr Freiwillige, die sich engagiert haben. Und wer jetzt sagt: „Ja aber, ICH mach das doch auch noch neben meiner Arbeit!“ – na ja, nicht jeder hat so viel Power, dass er 40+ Stunden die Woche arbeitet, eine Familie managt und dann noch ehrenamtlich tätig ist. Ich kann das schon verstehen, wenn es manchen zu viel wird.

    • Stefanie Leo sagt

      Liebe Bianca, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, der mich aufhorchen lässt. Aus diesem Blickwinkel habe ich das noch gar nicht betrachtet, kann aber deine Argumentation mehr als verstehen.
      Ich habe auch Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, die nicht genügend Kraft haben, sich neben dem Beruf auch noch einer ehrenamtlichen Tätigkeit zu widmen. Allerdings sollten sich bei etwa 2.000 Erwachsenen selbst nach Abzug dieser Personen doch noch mehr als 20 Helfer finden lassen, oder?

      Aber danke, die scheinbar vorhandene Arroganz von Ehrenamtlern, so wie auch Franz sie im Kommentar beschreibt, gibt mir wirklich zu denken. Das geht natürlich gar nicht, dann darf man sich auch nicht beschweren!

  4. Sandra H. sagt

    Ich kann das Geschriebene voll und ganz unterschreiben. Im Kindergarten begann mein Ehrenamt als Elternratsvorsitzende. Habe ich gerne gemacht, war mal mehr, mal weniger Arbeit, aber man hatte das Gefühl ‚mitwirken‘ zu dürfen, am großen Ganzen.
    Jetzt sind beide Kinder in der Schule und ich bin im KiGa nur noch am 2x im Jahr stattfindenden Kleidertrödel hängengeblieben, weil ich Trödel liebe.
    Unsere Grundschule hat einen gut funktionierenden und bestens mit Helfern ausgestatteten Förderverein. Trotzdem bin ich dabei, wenn es um Auf- bzw. Abbau irgendwelcher Dinge geht oder die Kuchentheke bewirtschaftet werden muss.
    Und dann steh ich da, neben einer Mutter, die selbständige Zahnärztin und Mutter von drei quirligen Söhnen ist. Der Mann ist selbständiger RA und beide haben immer einen Haufen voller Arbeit um die Ohren. Trotzdem ist sie da.
    Wenn man aber mal die nicht arbeitende Mutter X anspricht (nein, sie ist nicht arbeitssuchend), ob sie sich vielleicht zum Martinslaternenbasteln eintragen könnte, kassiert man einen augenrollenden Blick und den Spruch, warum man denn IMMER sie frage. Ja, warum wohl?
    Natürlich kann man niemanden überreden und ich will auch gar nicht urteilen und bestimmen über die Zeit anderer. Aber es ist einfach so, wie oben geschrieben: Es sind immer die gleichen, die ihre Hilfe anbieten.
    Unserer grosse Tochter wechselt im Sommer aufs Gymnasium. Und sie haben dort eine gut funktionierende Fit-teria mit Brötchen etc. Das werde ich mir mal genauer angucken, das wäre nämlich auch was für mich… 😀

  5. Ein ganz toller Blogpost. Der trotz Kritik viel Mut machen kann, sich zu engagieren. Danke dafür. 🙂
    (Von einer dieser Mütter, die auch immer die gleichen Eltern trifft, gesendet. :))

  6. Ich empfinde es ähnlich, wie im Artikel beschrieben. Oft stöhnt man darüber, dass es immer die gleichen sind, die sich engagieren, trotzdem komme ich nir nicht blöd vor, wenn ich wieder einmal nicht nein gesagt habe. Ich übernehme gerne Aufgaben im Kindergarten oder in der Schulbücherei oder ähnlichem, denn es kommt ja unseren Kindern zu Gute!

  7. Nein, wer sich ehrenamtlich engagiert, ist keineswegs doof. Auch nicht dumm. Sondern klug. Man tut was für die Gemeinschaft, aber eigentlich hat man doch auch selber was davon.
    Ich habe sehr lange mit einigen Frauen zusammen und mit Unterstützung der Kirchengemeine bei einer Gruppe mit Flüchtlingsfrauen und deren Kindern mitgemacht. Wir kannten uns über die Grundschule unserer Kinder und mit der Zeit kamen dann auch andere Frauen dazu, Freundinnen, Bekannte. Was habe ich dabei alles gelernt! Über Krieg, über das Leben, insbesondere, über Mut, Tapferkeit und Verzweiflung. Gelernt hab ich auch dabei, wirklich zu schätzen, in was für guten Verhältnissen wir hier leben dürfen. Aber ich hab auch gelernt, wie man Blätterteig mit einem Besenstiel ganz fein ausrollt und andere tolle Rezepte. Leider wurden viele der Frauen abgeschoben oder gingen in andere Länder. Wir haben dann im kleineren Kreis noch lange Jahre bei terre des hommes mitgemacht. Und mit zweien „unserer Frauen“ haben wir immer noch Kontakt, die Kinder haben mittlerweile Abitur.
    Nun soll in unserer Gegend eine Flüchtlingsunterkunft gebaut werden und bei einem Infoabend waren wir „alten“ fast vollzählig wieder dabei. Wir haben besprochen, dass wir die beiden „ehemaligen“ Füchtlingsfrauen gerne mit einbeziehen möchten, denn sie sind ja Expertinnen was Unterkünfte, Ausländerbehörde, Traumata etc. anbelangt. Und jede macht, was sie kann und wozu sie Zeit hat. Ich sitze ja viel im Büro, kann zwischendurch Infos zusammensammeln, Kontakte herstellen, vernetzen. Einige führen Bedarfslisten, zwei halten Kontakt zur Kirchengemeinde (es ist immer ganz gut eine Institution im Rücken zu haben), zwei besuchen derzeit andere Unterkünfte zu.
    Ganz privat helfe ich derzeit ein bisschen mit zwei junge syrische Flüchtlinge, die eine Freundin von mir privat bei sich aufgenommen hat, hier einzufädeln. Der Kontakt kam über ihren Sohn, der schon seit Jahren mit dem Bruder der beiden studiert. Jetzt sind Faisal (via Türkei) und Mustafa (direkt aus einem Lager im Libanon) nacheinander gekommen. Sie sind so nette kluge höfliche wissbegierige Jungs! Faisal erzählt vom Krieg, wie er als Physiotherapeut im Keller des zerbombten Krankenhauses Verletzte behandelt hat, er kann schon gut Deutsch, nach 5 Monaten. Mustafa (grad 18) hat die letzten 4 Jahre im Libanon in einem UNHRC Camp gelebt und auf dem Bau gearbeitet. Da war nix mit Schule, abends ab 19 Uhr Ausgangssperre, Gewalt unter den verschiedenen politischen Strömungen. Jetzt ist er so begierig zu lernen, auch wenn seine Brüder noch übersetzen müssen. Eine Freundin geht mit ihnen zu Ämtern, eine andere macht mehrmals die Woche mit Faisal Deutschunterricht. Die Jungs wollen arbeiten, denn sie haben eine große Familie in Syrien, denen sie Geld schicken, damit die dort irgendwie überleben können …
    Fazit: Ehrenamt ist Geben und Nehmen . Es soll kein Opfer sein, sondern in jedem Fall auch eine Bereicherung!

    • Stefanie Leo sagt

      Danke für deinen tollen Kommentar. Tatsächlich habe ich die Erwähnung der schönen Seiten des Ehrenamtes etwas vernachlässigt. Aber so wie du es sagst, so ist es!

    • Ich finde auch, dass man selbst viel davon hat. So habe ich z.B. als Zugezogene durchs Ehrenamt einige neue Leute kennen gelernt und ich freue mich darauf, sie durch diese Aufgaben wiederzutreffen.

  8. Anja sagt

    Welch eine wunderbare Diskussion!
    Ich muss den vorigen Tenor aufnehmen:
    Ehrenamt gibt auch!
    Seit Tenniezeiten gewinne ich regelmäßig Ehrenämter : Öffentlichkeitsarbeit, Jugendarbeit, Fördervereine. …meist in Gremien mit vielen grauen Eminenzen. Und Ja, ich habe schon viel Urlaub, Freizeit und Geld eingesetzt um diese unglaublich Zeit- und gelegentlich auch kraftraubenden Diskussionsrunden mit störrischen „das haben wir schon immer gemacht“ -Senioren durchzustehen – trotz Leben und Arbeit ganz nebenbei. Klar sind einige Auseinandersetzungen ziemlich sinnlos. Aber so ist das Leben eben!
    Alles in allem hab ich nicht viele Händedrücke bekommen, zehre aber in allen Bereichen des Lebens von den Erfahrungen und den KENNTNISSEN die ich mir in dem Zuge angeeignet habe. Ein Bunter Strauß von Wissen, dass zwar für ein erfülltes Leben nicht notwendig ist aber doch weiterhilft: Buchführung, Recht (Vertretungsregelungen, Satzungen, Steuer, …), Ausbildung, Teambildung, Marketing und PR, Texten, SELBSTORGANISATION, … Kostenlos, berufsbegleitend – nebenbei.
    Ich schätze alle diese Erfahrungen, die ich machen durfte. Ich weiß mit all den „das kostet richtig Zeit – die habe ICH nicht-Leuten“ umzugehen und kurzfristig mit Ihnen zu arbeiten. Deshalb bin ich gefasst, wenn es auch beim nächsten unterbesetzten Gremium demnächst nach einer Runde Kollektiv betretenem Schweigen bei der Aufstellung der Kandidaten (5 Anwesende, 4 Posten) wieder eine völlig neue Aufgabe für mich zu bewerkstelligen gibt. Wer weiß, was ich diesmal lernen kann…..?

  9. „Man begegnet immer denselben“ — das deckt sich in etwa auch mit meiner Erfahrung. Ehrenamt ist sehr, sehr vielfältig und in vielen Bereich anzutreffen. Selbstvertständlich kostet es Zeit. Zeit, die gerade bei Berufstätigen eine knappe Resource ist. Ohne Ehrenamt aber sähe unsere Gesellschaft ganz anders aus. Und ich bezweifle, dass man sich darin dann noch wohlfühlen würde.

    Natürlich gibt es unter Ehrenamtler die gesamte Bandbreite menschlicher Eigenschaften. Sowohl die guten als auch die schlechte. Manchmal fragt man sich wirklich, ob sich die ganze Mühe lohnt. Dann wieder reicht ein einziges dankbares Lächeln aus, um alles wieder wett zu machen.

  10. Ehrenämter sind toll und sie ermöglichen ganz viel, das sonst nicht möglich wäre. Die Gesellschaft sähe arm aus, gäbe es nicht viele, die ehrenamtlich Gutes täten. Nur: Man muss sich das auch leisten können. Es gibt viele Menschen, die schon Tag und Nacht arbeiten, um ihr eigenes Überleben (und das ihrer Lieben) sichern zu können. Mit Müh und Not. Klar gibt es auch die, welche die Nase hoch tragen, weil sie Prada tragen und sonst keine weiteren Gedanken haben. Aber: Täten die jemandem gut?

    Ich fände es schade, Menschen per se vorzuwerfen, wenn sie kein Ehrenamt ausüben. Nicht jeder hat die Kraft oder Zeit oder Möglichkeit dazu. Aber ich finde, dass diese Ehrenämter gesehen werden müssten und auch wertgeschätzt. Das fehlt heute. Und dass unsere Gesellschaft ohne nicht funktionieren würde, müsste uns nachdenklich machen…. allen voran unsere Politiker.

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