Buch und Web, Die Arbeit
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Keine halben Sachen! Keine Buchmesse.

Ich mache keine ungern halbe Sachen. Ich brauche Struktur und Ordnung, und das gilt für mein privates Leben ebenso wie für mein berufliches.

Als ich mich 2005 aufgrund der anstehenden Kinderbuchausstellungen in den Kitas entschied, das drei Jahre zuvor geborene Projekt Buecherkinder aus dem Hobby-Dasein in die Selbstständigkeit zu führen, tat ich auch dies nicht halbherzig. Ich nahm am Crashkurs Buchhandel im Mediacampus Frankfurt teil, wurde Mitglied im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und besorgte mir für meinen Computer eine anständige Warenwirtschaft. Über 10 Jahre wickelte ich Büchertische in Schulen, Kitas und bei Wohnzimmerlesungen über das Barsortiment Könemann ab, ebenso wie private Buchbestellungen der Nachbarn und Freunde.

Dass die Webseite über Jahre hinweg weiterhin zu Amazon verlinkte, ist nicht Thema dieses Beitrags und wurde schon ausreichend hier und hier besprochen. Vermutlich gehört aber eben auch dieser Umstand zu den Dingen, bei denen ich letztlich keine halben Sachen mache.

Das verflixte 7. Jahr

Ich erinnere mich, dass mir meine Mutter schon als Kind erzählte, dass sich der Mensch alle sieben Jahre irgendwie verändert. Und wenn man davon ausgeht, dass die Buecherkinder 2002 geboren wurden, erging es mir mit ihnen ähnlich. Vor sieben Jahren überkam mich das erste Tief. Ein Arbeitstag glich dem anderen, lediglich die Bücher wechselten sich brav im Vorschau-Rhythmus ab. So entschied ich mich, im Herbst 2009 nicht zur Buchmesse nach Frankfurt zu fahren. Mir graute einfach davor, die Frage: „Hallo Frau Leo, was gibt es denn Neues?“ mit „Nichts!“ beantworten zu müssen.

Tatsächlich wurde mir nur einen Monat später ein Rettungsring in Form eines Mikro-Blogging-Dienstes zugeworfen, oder anders ausgedrückt: Twitter trat in mein Leben. Und neben Twitter ab 2010 zahlreiche weitere Soziale Netzwerke und mit ihnen zahlreiche Menschen, die mit mir dieselbe Leidenschaft teilen: Das Lesen.

Rückblickend kann ich die zahllosen Veränderungen, die Facebook, Twitter und Co. für mein (Arbeits-)Leben mit sich brachten, kaum aufzählen. Tatsächlich waren sie lange durchweg positiv. Ich liebte mein virtuelles Großraumbüro, begann zu bloggen und immer wieder neue Ideen (Wohnzimmerlesung, Vorgartenbibliothek, #bookupDE, Rotation Curation) zu „spinnen“ und umzusetzen. Höhepunkt war sicherlich auch der Relaunch der Webseite in 2014 (auch wenn mir Google den Umbau und die damit verbundene Vergabe neuer URLs bis heute nicht verziehen hat).

2015 – ein Jahr mit vielen Veränderungen

Das vergangene Jahr war in vielerlei Hinsicht ein denkwürdiges Jahr. Ich musste feststellen, dass das Bücherverkaufen zunehmend mühseliger wurde und wird. Umsätze, die ich fünf Jahre zuvor bei den Buchausstellungen in den Kitas erzielte, hatten sich halbiert. Es hieß doppelt so viel arbeiten, um in den schwarzen Zahlen zu bleiben. Dieser Abwärtstrend setzte sich auch auf der Webseite fort, denn leider musste ich feststellen, dass der geneigte Onliner sich zwar gerne Buchtipps bei den Buecherkindern holt, dann aber vorzugsweise doch beim großen „A“ bestellt und nicht bei der kleinen aber ebenso kompetenten Buchhandlung vor Ort, mit der ich seit dem Relaunch zusammen arbeite.

Auch der Ton in meinem virtuellen Großraumbüro hat sich 2015 verändert. Feuilletonisten angesehener Printmedien zogen plötzlich über Buchblogger her, Buchblogger untereinander waren sich teilweise auch nicht mehr grün und überhaupt erhält man neuerdings für einen ausgeprägten Rant ungleich mehr „Daumen hoch“ als für einen gut recherchierten und zeitintensiven Beitrag.

Warum also noch die ganze Arbeit?

Die nächsten sieben Jahre sind um. Es ist an der Zeit, das eigene Tun erneut auf den Prüfstand zu stellen. Als Teil des Literaturbetriebs ist auch mein Motor die Leidenschaft. Ich glaube eh, dass es kaum eine Sparte wie die unsere gibt, in der die Menschen – allen voran die Blogger – derart von Leidenschaft angetrieben werden wie in der Buchbranche. Das führt nur unweigerlich dazu, dass dies gelegentlich und besonders im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur ausgenutzt wird. Es geht schließlich um unsere Kinder und um das Kulturgut Buch, da kann man doch kein nicht viel Geld verlangen, wenn es Ruhm, Ehre und ein paar Verlosungsexemplare auch tun. Glücklicherweise ist in der letzten Zeit zumindest bei vielen Publikumsverlagen ein Umdenken zu bemerken und gute Arbeit wird wieder gewünscht, gesehen und honoriert.

Und wie geht es jetzt für mich im zweiten verflixten 7. Jahr weiter? Ich werde mich an Pareto halten oder besser gesagt an die amüsante Interpretation des Harvard-Dozenten Michael Gartner, der sagt, dass es oft nur 20 Prozent Jobmüll sind, die uns 80 Prozent des Spaßes an der Arbeit rauben. Seien es unproduktive Meetings, chaotische Chefs oder  ungeliebte Kollegen. Aber es sind eben nur 20 Prozent. Was zählt, sind aber letztlich die anderen 80 Prozent echte Leidenschaft! – an seiner Aussage werde ich mich orientieren, entscheiden, was mir Spaß bereitet, wofür ich brenne und herausfinden, was sich als Zeitfresser und Leidenschaftskiller ins tägliche Arbeiten eingeschlichen hat. Und ich streiche dieses Jahr meinen Buchmesse-Besuch, damit ich im nächsten Jahr auf die Frage: „Hallo Frau Leo, was gibt es denn Neues?“ mit „Ich hoffe, Sie haben genügend Zeit mitgebracht!“ antworten kann.

 

 

7 Kommentare

  1. Jetzt ist es raus: die Messe ist um eine Attraktion ärmer.

    Doch im Ernst: ich wünsche Dir ein prächtiges Jahr zur Konsolidierung, viele praktikable Ideen, jede Menge leidenschaftliche Begleiter, spannende Begegnungen und was sonst Du noch alles brauchst.

  2. Guten Abend Frau Leo,

    ich habe mir gerade ihren Text zu gemüte geführt. Und muss sagen das alles kommt mir doch sehr bekannt vor. Ich Drücke Ihnen von ganzem Herzen die Daumen, dass Sie es doch wieder schaffen sich selbst neu zu erfinden.

    Manchmal ist etwas weniger auch mehr, also wenn man sich auf eine Sache richtig konzentriert. Wobei ich sagen muss. dass ich denke das Sie mit allem was sie tun es auch wirklich von Herzen tun.

    Ich wünsche mir auf jedenfall immer wieder die roten Schuhe zu sehen, wenn ich Twitter öffne. Und dann bitte wieder mit neuem Elan und größerem Erfolg.

    Es ist Ihre Herzensangelegenheit und genau deswegen wird sich alles so zusammenfügen wie Sie es sich wünschen.

    Alles Liebe und ich hoffe das alles gut wird.

  3. Liebe Steffi, ich finde es toll, was du in den letzten Jahren alles auf die Beine gestellt hast, und großartig, wie enthusiastisch du dich für Kinderbücher und für Geflüchtete engagierst! Vielleicht lässt sich das in Zukunft verbinden? Fröhlich bunte deutsch-arabische Kinderbücher könnte es beispielsweise noch viel mehr geben und die Buecherkinder könnten wunderbare Lotsen sein. Bin jedenfalls sehr gespannt, wie es bei dir weitergeht 🙂

  4. Stefanie Mergehenn sagt

    Liebe Steffi, klare Worte – und die entsprechenden Konsequenzen… Hut ab! Auch ich wünsche Dir die Zeit, Deinen Leidenschaften zu fröhnen, statt Zeit mit etwas zu vergeuden, das nur Leiden schafft… 😉
    Raphael und ich planen indes, in diesem Jahr zur Frankfurter Buchmesse zu fahren. Wenn Du (D)eine Karte für einen entsprechenden Obolus loswerden möchtest, mail’d Dich gern!
    Liebe Grüße von Deiner Namensvetterin

  5. Pingback: DU fährst für mich zur Buchmesse! - Buecherkinder-Blog

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