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„Wer die Nachtigall stört …“

Das Lesen von Klassikern flößt mir immer gehörigen Respekt ein. Zu gering ist meine Leseerfahrung diesbezüglich. In meinem Elternhaus überwog von jeher die Unterhaltungsliteratur und auch der damalige Deutschunterricht konnte meine Begeisterung für klassische Werke leider nicht wecken.

Zunächst familiär- später dann berufsbedingt wandte ich mich hauptsächlich der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur zu. Doch gerade in den letzten Jahren wuchs der Wunsch, hin und wieder einen sogenannten Klassiker einzustreuen.

Diese Idee führte dank der sozialen Netzwerke (Fragt NIE öffentlich, welche Klassiker ihr unbedingt lesen solltet!!) zu einer unüberschaubaren Liste, die mich in meinem Bestreben eher ausbremste als beflügelte. Schließlich wagte ich mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ den Anfang und konnte feststellen, dass Klassiker gar nicht weh tun. Mit Salingers „Fänger im Roggen“ erging es mir ähnlich, obwohl man dieses Buch wohl besser zwischen zwanzig und dreißig liest.

Fünfundfünzig Jahre nach seinem Erscheinen in den USA folgte nun „Wer die Nachtigall stört …“, das 1962 in Deutschland erschien und seit Mitte Juli in einer vollständig überarbeiteten deutschen Übersetzung von Nikolaus Stingl vorliegt.

Von den bisher oben erwähnten Klassikern hat es mir am besten gefallen, vielleicht auch, weil es in meinen Augen eben durchaus ein Jugendbuch ist und trotz seines Alters nicht an Aktualität verloren hat.

In Harper Lees Werk geht es vordergründig um Recht und Unrecht in einem noch immer vom Rassismus beherrschten Alabama der 1930er Jahre. Doch nach und nach offenbart sich die Vielschichtigkeit der Geschichte. Der Leser taucht nicht nur tief in das Leben und die Gepflogenheiten der amerikanischen Südstaaten zu dieser Zeit ein, sondern lernt auch die außergewöhnliche Familie der Ich-Erzählerin Scout kennen. Sie ist – gerade für damalige Zeiten – sehr ungewöhnlich.

Atticus, Rechtsanwalt und ein Mann mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn, erzieht nach dem Tod seine Kinder alleine und lässt ihnen für die damalige Zeit einen ungeheuren Entfaltungsspielraum. Unterstützt wird er dabei von der resoluten, schwarzen Haushälterin Calpurnia.

Jem, Sohn und großer Bruder und zu Beginn der Geschichte 10 Jahre alt, verabschiedet sich im Laufe der Geschichte von seiner Kindheit und lernt die auf den ersten Blick manchmal sonderbaren Entscheidungen seines Vaters zu verstehen.

Die kindliche Ich-Erzählerin Scout nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in gemächlichem Tempo durch die Geschichte, und so lernen wir alle Orte, Protagonisten und deren Eigenarten durch ihre anfangs 6-jährigen Augen kennen. Mit ihrer quirligen und bisweilen zurecht naiven Art hält sie nicht nur den Menschen in Maycomb sondern auch dem Leser den Spiegel vor.

Und was ich beim Lesen dachte, beschreibt ein Bewohner ihres Heimatstädtchens sehr genau, als Scout ihn fragt, warum er gerade ihr ein sehr großes Geheimnis anvertraut.

Zitat Seite 320

Zitat Seite 320

Wenn mich heute jemand fragen würde, mit welchem Klassiker er denn nun beginnen solle, ich würde ihm „Wer die Nachtigall stört …“ empfehlen, ein vielschichtiges Meisterwerk, das in meinen Augen auch für jugendliche Leser ab 15 geeignet ist.

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