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Ich lese. Nicht.

Buchtunnel Prag

Als Buchmensch einen Beitrag mit „Ich lese. Nicht.“ zu betiteln, das ist sicher gewagt. Aber ich bin schon immer für ehrliche Worte gewesen und außerdem steht da ja auch noch ein Punkt, streng genommen sogar zwei, aber der hinter der Aussage „Ich lese.“ ist schon nicht ganz unwichtig. Aber von vorne …

Ich lese gerne

Ich lese gerne. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel. Doch auch wenn sich mein berufliches Leben um die Bücher dreht, hat es tatsächlich nur im Nebensatz mit dem Lesen zu tun. Denn der Hauptsatz besteht aus ganz banalen Dingen wie Vorschauen sichten, Bücher bestellen, Titel – viele Titel – in die Datenbank einpflegen, Bücher an die Redaktion (derzeit 40 Redakteure) verschicken, Rezensionen überprüfen und freischalten, Belege selbiger an die Verlage schicken und so weiter und so fort. Jetzt mag der eine oder andere auch besser verstehen, warum ich mich ungern als Kinderbuchexpertin bezeichnen lasse, denn während ich noch mit den schnöden Dingen im Hintergrund beschäftigt bin, sind die Kinder und Jugendlichen diejenigen, die fleißig lesen. Sie sind die wahren Expertinnen und Experten!

Ich lese wenig

Menschen, in deren Lebensläufen Sätze stehen wie „liest bis zu 100 Bücher im Jahr“ machen mir Angst. Was sind das für Menschen, deren Tag 24 Stunden hat, die einem meist buchfernen Job nachgehen, essen, schlafen, ganz normale Dinge tun, und es dann schaffen, zwei Bücher pro Woche zu lesen und über selbige womöglich auch noch ausführlich zu bloggen? Versteht mich nicht falsch, ich möchte diesen Leserinnen und Lesern keinesfalls unterstellen, nicht sorgfältig zu lesen. Ich selbst gehöre zu den äußerst schnellen Schnelllesern. Dennoch benötige ich Zeit. Bisweilen ist es das Buch selbst, das mir besondere Aufmerksamkeit abverlangt, da muss ich Absätze beispielsweise mehrfach lesen. Manchmal ist es aber auch die Zeit nach einem Buch, die ich brauche, um Inhalte sacken zu lassen. Da kann es eine Weile dauern bis ich zum nächsten Buch greife. Und ehrlich gesagt habe ich auch ein wenig Angst vom inflationären Lesen. Was ist, wenn mich bei jedem Buch irgendwann das Gefühl beschleicht, diese Geschichte bereits zu kennen? Irgendwie versuche ich mir, meine kindliche Neugierde und Begeisterungsfähigkeit zu erhalten, was als bald 47-Jährige im Bereich Kinder- und Jugendbuch eh schon Herausforderung genug ist.

Ich lese nicht

Und dann gibt es Zeiten, in denen lese ich nicht – jedenfalls keine Bücher. Witzigerweise sind das oft die Zeiten, in denen ich die meisten Bücher kaufe. Vielleicht weil ich dann endlich mal Zeit habe, die Buchempfehlungen der anderen zu lesen. Tatsächlich fällt mir in diesem Zusammenhang immer ein Satz aus der Bibel ein: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Das gilt für viele Dinge im Leben – auch für das Lesen. Schon lange spreche ich in diesem Zusammenhang nicht mehr von „Leseflaute“, einem Zustand, für den sich Vielleser gerne entschuldigen und bei Gleichgesinnten auf Hilfe hoffen. Ganz so als seien sie krank. Ich nutze die buchfreie Zeit für andere Dinge, die ich ebenso leidenschaftlich betreibe, die genauso zu mir gehören wie zu anderen Zeiten das Buch unterm Arm. All diese Dinge machen mich aus, machen mich zu dem Menschen und eben der Leserin, die ich bin.

Ich lese. Nicht.

Ich lese. Und manchmal lese ich nicht. Das ist ganz normal. Derzeit findet man mich halt eher mit Erdkrumen als mit einem Buch in den Händen. Es hat eben doch alles seine Zeit.

Foto: Büchertunnel Prag – CC0 Pixabay

2 Kommentare

  1. Ein wohltuender Beitrag … weil mir es sehr ähnlich geht – manchmal, beispielsweise in diesen Tagen in denen es nach draußen ruft, lese ich auch nicht. Und dann lese ich wieder. Es soll mir Freude machen. Dem Druck, eine Neuerscheinung nach der anderen abzunudeln, will ich mich nicht aussetzen.

  2. Schöner Beitrag !!!
    „Witzigerweise sind das oft die Zeiten, in denen ich die meisten Bücher kaufe.“ => Das kenne ich 🙂

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