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Marianengraben: Jasmin Schreibers Buch über Trauer, Humor, eine Urne

Elftausend Meter. So tief reicht der Marianengraben, die tiefste Stelle der Weltmeere, und in dieser Tiefe herrscht vollkommene Dunkelheit. Jasmin Schreiber macht den Graben in ihrem Roman „Marianengraben“ zum Bild für eine Trauer, die kein Licht mehr durchlässt. Die Zahl 11.000 ist zugleich die Überschrift des ersten Kapitels.

Die Geschichte

Die Ich-Erzählerin Paula ist Biologin und trauert seit zwei Jahren um ihren kleinen Bruder Tim, der mit zehn Jahren gestorben ist. Seitdem lebt sie wie auf dem Grund des Meeres. Alltag, Arbeit, Freundschaften, alles scheint weit weg und ohne Bedeutung.

Dann kommt eine Nacht auf dem Friedhof. Paula trifft dort auf Helmut, einen schrulligen älteren Mann, der mit einer Urne unterwegs ist. Die Begegnung ist so absurd, dass sie zum Wendepunkt wird. Aus dem ungleichen Paar wird eine Reisegemeinschaft, die Asche verstreuen will und dabei, ohne es zu planen, auch die eigene Trauer bearbeitet.

Beim Verlag: Eichborn

Trauer und Situationskomik

Was nach einer schwermütigen Geschichte klingt, ist alles andere. Schreiber gelingt ein bemerkenswerter Spagat zwischen tief empfundener Trauer und einer Situationskomik, die weder albern noch unpassend wirkt. Schon nach gut 25 Seiten, beim nächtlichen Zusammenstoß von Paula, Helmut und der Urne, dürfte vielen Lesern das erste Mal das Lachen kommen.

So geht es weiter: lustige und tieftraurige Momente wechseln sich ab, oft auf derselben Seite. Das ist die eigentliche Kunst des Buches. Es nimmt den Schmerz ernst und erlaubt trotzdem das Lachen, ohne dass eines das andere entwertet.

Die Kapitel als Tiefenmesser

Schon das Inhaltsverzeichnis erzählt mit.

Eine schöne Idee ist die Gliederung. Jedes Kapitel trägt eine Zahl, die eine Tiefe in Metern angibt. Beginnt der Roman bei 11.000, werden die Zahlen im Lauf der Handlung immer kleiner. Wer nur das Inhaltsverzeichnis betrachtet, sieht bereits, wie Paula langsam aus der Dunkelheit auftaucht.

Diese Struktur gibt dem Buch einen Rhythmus, ohne das Ende vorwegzunehmen. Denn aufzutauchen heißt nicht, dass die Trauer verschwindet. Es heißt, dass wieder Licht hinkommt.

Ein Satz über die Sprache der Trauer

Etwa nach einem Drittel des Romans bemerkt Paula über ihre Begegnung mit Helmut: „Wenn Trauer eine Sprache wäre, hatte ich jetzt zum ersten Mal jemanden getroffen, der sie genau so flüssig sprach wie ich, nur mit einem anderen Dialekt.“ Der Satz fasst zusammen, warum dieses ungleiche Duo funktioniert. Beide haben einen Verlust erlitten, beide gehen anders damit um, und gerade deshalb verstehen sie einander.

Auch die Autorin spricht diese Sprache fließend. Jasmin Schreiber engagiert sich ehrenamtlich in der Sterbebegleitung, und das merkt man dem Roman an. Er feiert das Leben, ohne das Sterben auszuklammern, und beschreibt Trauer so genau, wie es nur jemand kann, der ihr oft begegnet ist.

Für wen sich der Roman eignet

„Marianengraben“ ist ein Buch für Menschen, die selbst jemanden verloren haben und eine Geschichte suchen, die ihnen nicht schwer im Magen liegt. Es eignet sich aber ebenso für alle, die gern warmherzige Romane mit schrägen Figuren lesen. Wer Geschichten über ungleiche Freundschaften mag, findet hier eine Mischung aus Ernst und Komik – mit einer Urne als stillem Mitreisenden.

Vorsicht ist angebracht, wenn ein eigener Verlust noch sehr frisch ist. Dann kann es helfen, das Buch in kleinen Etappen zu lesen oder es gemeinsam mit jemandem zu lesen, mit dem sich über die eigenen Gedanken sprechen lässt. Manche Szenen treffen dann womöglich härter, als der humorvolle Ton vermuten lässt.

Der echte Marianengraben

Der Titel verweist auf einen realen Ort. Der Marianengraben liegt im westlichen Pazifik östlich der Marianeninseln und erstreckt sich über rund 2.500 Kilometer. Seine tiefste Stelle, das Challengertief, ist nach dem britischen Forschungsschiff HMS Challenger benannt, dessen Expedition in den 1870er-Jahren dort die ersten Tiefenmessungen vornahm. Nach heutigen Messungen liegt der Grund knapp 11.000 Meter unter dem Meeresspiegel.

In dieser Tiefe lastet ein Wasserdruck, der mehr als tausendmal so hoch ist wie an der Oberfläche. Sonnenlicht dringt nicht einmal annähernd so weit vor. Dass dort trotzdem Leben existiert, etwa winzige Flohkrebse und Einzeller, gehört zu den Entdeckungen, die Biologinnen wie Paula faszinieren dürften. 2012 tauchte der Filmregisseur James Cameron allein in einem Tauchboot bis zum Grund.

Für den Roman ist diese Welt mehr als Kulisse. Sie liefert das genaue Maß für einen Zustand, für den die Alltagssprache kaum Worte hat. Wer einmal versucht hat, einem anderen Menschen die eigene Trauer zu erklären, versteht, warum Paula zu einer Zahl greift, statt nach Adjektiven zu suchen.

Zum Buch

Der Roman erschien im Februar 2020 im Eichborn Verlag und hat 254 Seiten. Er war Jasmin Schreibers erster Roman und wurde schnell zum Bestseller. Die Autorin ist zudem selbst Biologin, was gut zu einer Heldin passt, die ihre Trauer in Bildern aus der Tiefsee beschreibt.

Ein kleines Detail am Rand: Den Grund des echten Marianengrabens erreichten Menschen zum ersten Mal 1960, als Jacques Piccard und Don Walsh im Tauchboot Trieste ins Challengertief hinabfuhren. Sie blieben nur rund zwanzig Minuten unten – ein Bruchteil der zwei Jahre, die Paula in ihrer eigenen Tiefe verbringt.

Häufige Fragen

Worum geht es im Buch „Marianengraben“?

Die Biologin Paula trauert seit zwei Jahren um ihren kleinen Bruder Tim, der mit zehn Jahren gestorben ist. Ihre Depression vergleicht sie mit dem Marianengraben, der tiefsten Stelle des Weltmeeres. Auf einem nächtlichen Friedhof trifft sie auf den schrulligen älteren Helmut, der mit einer Urne unterwegs ist. Gemeinsam brechen die beiden zu einer Fahrt auf, um Asche zu verstreuen, und Paula findet dabei allmählich zurück ins Leben.

Wer ist Jasmin Schreiber?

Jasmin Schreiber ist eine deutsche Autorin, Biologin und Fotografin. „Marianengraben“ erschien im Februar 2020 im Eichborn Verlag und war ihr erster Roman. Das Buch wurde zu einem Bestseller. Schreiber engagiert sich ehrenamtlich in der Sterbebegleitung, was man der Genauigkeit anmerkt, mit der sie über Trauer schreibt. Später folgte unter anderem der Roman „Der Mauersegler“.

Warum zählen die Kapitelüberschriften rückwärts?

Die Kapitel tragen Zahlen, die Meter angeben. Das erste Kapitel heißt 11.000 und steht für die Tiefe des Marianengrabens und damit für die Tiefe von Paulas Trauer. Im Laufe der Handlung werden die Zahlen immer kleiner. So zeigt schon das Inhaltsverzeichnis, wie Paula Schritt für Schritt aus der Dunkelheit wieder an die Oberfläche kommt.

Wie tief ist der Marianengraben wirklich?

Der Marianengraben im westlichen Pazifik ist die tiefste bekannte Stelle der Weltmeere. Seine tiefste Senke, das Challengertief, reicht nach heutigen Messungen knapp 11.000 Meter unter den Meeresspiegel; die genauen Angaben schwanken je nach Messung um einige Dutzend Meter. Dort herrschen völlige Dunkelheit und ein enormer Wasserdruck. Bis heute haben nur wenige Menschen den Grund in einem Tauchboot erreicht.

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