Bücher über Glücksspiel: Romane, Reportagen und Sachbücher über Zufall
Im Herbst 1866 hatte Fjodor Dostojewski ein Problem. Sein Verleger Stellowski hatte ihm einen Vertrag abgerungen, nach dem er bis zum 1. November einen neuen Roman liefern musste, sonst fielen die Rechte an seinen Werken für neun Jahre an den Verleger. Dostojewski engagierte die junge Stenografin Anna Snitkina und diktierte ihr in weniger als einem Monat „Der Spieler“. Er hielt die Frist ein, heiratete Anna im folgenden Jahr, und das Thema des Buches kannte er aus eigener Erfahrung: Er hatte in deutschen Kurorten wie Wiesbaden und Baden-Baden immer wieder am Roulettetisch verloren.
Diese Nähe zwischen Autor und Stoff zieht sich durch viele Bücher zum Thema Glücksspiel. Romane, Reportagen und Sachbücher kreisen um dieselben Fragen: Was treibt Menschen dazu, alles auf eine Karte zu setzen? Wo endet Können, wo beginnt Zufall? Und wie erzählt man von einer Leidenschaft, die so leicht ins Verderben führt?
Romane: Spielleidenschaft als Literatur
„Der Spieler“ spielt in Roulettenburg, einem erfundenen deutschen Kurort, der unverkennbar nach Wiesbaden oder Bad Homburg aussieht. Der Ich-Erzähler Alexej Iwanowitsch ist Hauslehrer bei einem russischen General, der auf das Erbe einer reichen Tante wartet. Dann reist die Tante selbst an, setzt sich an den Roulettetisch und verspielt ein Vermögen. Alexej verfällt dem Spiel ebenfalls. Der Roman ist kurz, fiebrig und von bitterem Humor. Er zeigt die Sucht nicht als moralisches Versagen, sondern als Zustand, in dem Gewinn und Verlust ihre Bedeutung verlieren und nur noch das Spiel selbst zählt.
Arthur Schnitzlers Novelle „Spiel im Morgengrauen“ erschien 1927, zunächst in Fortsetzungen in der Berliner Illustrirten Zeitung. Leutnant Wilhelm Kasda will einem in Not geratenen Kameraden helfen, der tausend Gulden braucht. Er fährt nach Baden bei Wien, um das Geld beim Kartenspiel zu gewinnen, und verliert bis zum Morgen elftausend Gulden an einen Konsul. Spielschulden gelten als Ehrenschulden und müssen binnen 24 Stunden beglichen werden. Was folgt, ist eine der dichtesten Erzählungen Schnitzlers, eine Studie über Ehre, Abhängigkeit und eine Gesellschaft, die ihre Regeln über das Leben ihrer Mitglieder stellt.
Älter als beide ist Alexander Puschkins Erzählung „Pique Dame“ von 1834. Der junge Offizier Hermann, der selbst nie spielt, hört von einer alten Gräfin, die angeblich das Geheimnis dreier Karten kennt, die nacheinander gewinnen. Er erzwingt sich Zugang zu ihr, sie stirbt vor Schreck, und ihr Geist verrät ihm die Karten doch noch: Drei, Sieben, Ass. Zweimal gewinnt Hermann, beim dritten Mal liegt statt des Asses die Pique Dame auf dem Tisch. Puschkin erzählt die Geschichte auf wenigen Seiten und lässt offen, ob Hermann einem Spuk erliegt oder dem eigenen Wahn. Tschaikowsky machte daraus 1890 eine Oper.
Ian Flemings „Casino Royale“ von 1953 ist der erste James-Bond-Roman, und im Zentrum steht keine Verfolgungsjagd, sondern eine Partie Baccara. Bond soll den sowjetischen Agenten Le Chiffre am Spieltisch ruinieren, der Gelder seiner Auftraggeber veruntreut hat und sie im Casino zurückgewinnen will. Fleming beschreibt das Spiel mit großer Genauigkeit, bis hin zu der Frage, bei welchem Punktestand eine dritte Karte gezogen wird. Wer die Filme kennt, ist oft überrascht, wie viel Raum der Roman dem Warten, Rechnen und Nervenbehalten gibt.
Reportagen: die Pokerszene von innen
Mit „The Biggest Game in Town“ schrieb der britische Dichter und Essayist Al Alvarez 1983 ein Buch, das bis heute als eine der besten Reportagen über Poker gilt. Alvarez verbrachte Zeit bei der World Series of Poker in Las Vegas und porträtiert Spieler, die in den 1970er- und 1980er-Jahren die Szene prägten. Er interessiert sich weniger für einzelne Hände als für die Menschen: ihre Disziplin, ihren Aberglauben, ihre seltsame Mischung aus Mathematik und Instinkt.
James McManus fuhr im Jahr 2000 nach Las Vegas, um für das Harper’s Magazine über den Mordprozess um den Tod des Casinoerben Ted Binion zu berichten, und über die World Series, die im Casino der Familie Binion stattfand. Mit einem Teil seines Honorars setzte er sich selbst an den Tisch und erreichte den Finaltisch des Main Events. „Positively Fifth Street“ erschien 2003 und verbindet beide Stränge: Kriminalfall und Turnierbericht, Reportage und Selbstbeobachtung.
Michael Craigs „The Professor, the Banker, and the Suicide King“ von 2005 erzählt von einer ungewöhnlichen Serie von Partien. Der texanische Bankier Andy Beal forderte in den frühen 2000er-Jahren eine Gruppe von Spitzenprofis zu Heads-up-Duellen mit extrem hohen Einsätzen heraus. Die Profis, darunter Doyle Brunson und Jennifer Harman, legten ihr Geld zusammen, um überhaupt mithalten zu können. Das Buch zeigt, wie sehr Poker auch ein Kampf um Kapital und Ausdauer ist.
Ben Mezrichs „Bringing Down the House“ von 2003 handelt von einer Gruppe Studierender des Massachusetts Institute of Technology, die mit Kartenzählen beim Blackjack große Summen gewannen. Das Buch wurde 2008 unter dem Titel „21“ verfilmt. Mezrich erzählt eher wie ein Thriller als wie ein Chronist, und spätere Recherchen zeigten, dass er Figuren zusammengelegt und Ereignisse zugespitzt hat. Als Einführung in die Idee, dass Casinospiele mathematisch angreifbar sind, bleibt es dennoch spannend.
Molly Blooms Erinnerungen „Molly’s Game“ von 2014 zeigen die Szene aus einer anderen Perspektive. Bloom organisierte in Los Angeles und New York private Pokerrunden mit sehr hohen Einsätzen, an denen Prominente und Geschäftsleute teilnahmen, bis die Bundesbehörden eingriffen. Aaron Sorkin verfilmte das Buch 2017.
Ein Titel taucht in Listen dieser Art immer wieder auf und gehört eigentlich nicht hinein: Stefan Zweigs „Schachnovelle“. Sie erzählt von Besessenheit und von einem Spiel auf Leben und Tod, aber Schach kennt keinen Zufall. Jede Stellung ergibt sich allein aus den Zügen der Spieler, und gerade deshalb ist die Novelle ein gutes Gegenstück zu den Büchern hier. Wo bei Dostojewski die Kugel entscheidet, entscheidet bei Zweig der Kopf, und beide Male ist es der Kopf, der zerbricht.
Sachbücher: Zufall, Wahrscheinlichkeit, Geschichte
Wer verstehen will, warum das Haus auf lange Sicht immer gewinnt, braucht keine Formeln, aber ein gutes Gespür für Wahrscheinlichkeit. Leonard Mlodinow, Physiker am California Institute of Technology, erzählt in „Wenn Gott würfelt oder Wie der Zufall unser Leben bestimmt“ die Geschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung, von Cardano und Pascal bis zur Statistik der Gegenwart. Das Buch zeigt, wie oft Menschen Muster sehen, wo keine sind, und warum eine Glückssträhne kein Zeichen von Können ist.
Nassim Nicholas Taleb überträgt dieselbe Frage in „Narren des Zufalls“ auf Börse und Beruf. Der ehemalige Derivatehändler beschreibt, wie Erfolg im Nachhinein als Verdienst gedeutet wird, obwohl er oft auf Glück beruht. Glücksspiel ist bei ihm ein wiederkehrendes Bild, etwa das russische Roulette, das auch dann eine schlechte Wette bleibt, wenn es fünfmal gut ausgeht.
David G. Schwartz, Historiker an der University of Nevada in Las Vegas, verfolgt in „Roll the Bones“ von 2006 die Geschichte des Glücksspiels von Knochenwürfeln der Antike über die Spielbanken Europas bis zu den Kasinostädten der Gegenwart. Das Buch ist auf Englisch erschienen und eignet sich für Leser mit Interesse an Kulturgeschichte. Einen Überblick über die Begriffe und die rechtliche Einordnung bietet der Wikipedia-Artikel Glücksspiel.
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Diese Auswahl ist bewusst schmal gehalten. Falls Sie eine längere Liste suchen: Es gibt noch mehr Glücksspielbücher in einer eigenen Zusammenstellung. Als Nachschlagewerk zu Regeln und Gewinnchancen fast aller Spiele gilt seit 1961 „Scarne’s Complete Guide to Gambling“ von John Scarne, der sich zeitlebens als Aufklärer über Falschspieler verstand. Für Pokerstrategie im engeren Sinn gibt es eine eigene Übersicht mit fünf Standardwerken von Doyle Brunson bis Stephan Kalhamer: Poker Buch: die besten Pokerbücher.
Auffällig bleibt, wie viele dieser Bücher von Verlust handeln. Dostojewskis Held endet mittellos, Schnitzlers Leutnant zahlt mit dem Leben, und selbst die Gewinner bei Alvarez und McManus wirken am Ende eher erschöpft als triumphierend. Dostojewski selbst hörte 1871 in Wiesbaden mit dem Roulette auf. In einem Brief an Anna beschrieb er das Ende einer Fantasie, die ihn fast zehn Jahre lang gequält habe. Er hat danach nie wieder gespielt, jedenfalls nicht am Roulettetisch.
Häufige Fragen
Welcher Roman über Glücksspiel gilt als Klassiker?
Fjodor Dostojewskis „Der Spieler“ von 1866 ist der bekannteste. Der Roman spielt in einem fiktiven deutschen Kurort namens Roulettenburg und beschreibt, wie ein junger Hauslehrer dem Roulette verfällt. Dostojewski kannte die Sucht aus eigener Erfahrung, was dem Buch seine Genauigkeit gibt. Im deutschsprachigen Raum gehört Arthur Schnitzlers Novelle „Spiel im Morgengrauen“ von 1927 in dieselbe Reihe.
Gibt es Sachbücher, die Zufall und Wahrscheinlichkeit verständlich erklären?
Ja. Leonard Mlodinows „Wenn Gott würfelt oder Wie der Zufall unser Leben bestimmt“ erzählt die Geschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung und zeigt, wie oft Menschen Zufall mit Können verwechseln. Nassim Nicholas Talebs „Narren des Zufalls“ überträgt dieselbe Frage auf Finanzmärkte und Karrieren. Beide Bücher kommen ohne Formeln aus.
Welche Bücher über Poker sind eher Erzählung als Lehrbuch?
Al Alvarez' „The Biggest Game in Town“ von 1983 porträtiert die Pokerszene von Las Vegas, James McManus' „Positively Fifth Street“ verbindet einen Mordprozess mit dem Turnier, in dem der Autor selbst weit kam. Michael Craigs „The Professor, the Banker, and the Suicide King“ erzählt von den Partien des Bankiers Andy Beal gegen eine Gruppe von Profis.
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