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Sungs Laden von Karin Kalisa: kleine Gesten mit großer Wirkung

Eine alte vietnamesische Holzpuppe wird in einer Schulklasse vorgeführt, und nach einer Vorstellung von wenigen Minuten ist nichts mehr ganz so wie vorher. Mit dieser Szene beginnt die Bewegung, von der Karin Kalisa in „Sungs Laden“ erzählt. Der Roman erschien 2015 und kam später als Taschenbuch bei Droemer heraus.

Ein Laden, ein Kiez, ein Jahr

Sung führt einen kleinen Laden in einem Berliner Viertel, in dem Alteingesessene und Zugezogene nebeneinander leben, ohne viel voneinander zu wissen. Seine Familie stammt aus Vietnam, und in ihrer Geschichte steckt ein Stück deutsch-deutscher Vergangenheit, das in der Öffentlichkeit oft übersehen wird. Die Puppe, die in der Schule auftaucht, gehört zu diesem Erbe.

Aus der kurzen Aufführung wird mehr. Menschen, die jahrelang aneinander vorbeigelaufen sind, beginnen zu reden. Vietnamesische Traditionen, von Essen über Kleidung bis zum Theater, finden ihren Weg in den Alltag des Viertels. Innerhalb eines Jahres verändert sich der ganze Stadtteil, und zwar nicht durch einen großen Plan, sondern durch viele kleine Entscheidungen einzelner Figuren.

Kalisa erzählt das mit leichter Hand und viel Sympathie für ihr Personal. Ladenbesitzer, Lehrerin und Standesbeamter bekommen gleichermaßen ihren Moment. Niemand muss ein Held sein, damit sich etwas bewegt. Die Veränderung entsteht, weil einer den ersten Schritt macht und andere neugierig genug sind, sich anzuschließen, statt abzuwarten, ob die Sache gut ausgeht.

Die Frage nach der Utopie

Der Klappentext nennt das Buch eine Utopie, die von der Gegenwart gar nicht weit entfernt sei. Über dieses Etikett lässt sich trefflich streiten. Ist es utopisch, dass kleine freundliche Gesten Großes auslösen? Oder beschreibt der Roman eher, wie Veränderung in der Wirklichkeit tatsächlich beginnt, nämlich im Kleinen, zwischen Ladentheke und Schulhof?

Wer das Buch optimistisch liest, findet darin eine Art Anleitung. Hilfsbereitschaft, Neugier und der Mut, eine Idee einfach umzusetzen, statt sie ewig zu erwägen, treiben die Handlung an. Das Zaudern als menschliche Grundhaltung beschäftigt auch andere Autoren; die NZZ widmete dem Thema etwa einen Essay unter dem Titel „Die Kunst des guten Lebens – Wir Zauderer“. „Sungs Laden“ lässt sich als erzählerische Antwort darauf lesen.

Wer skeptischer veranlagt ist, wird manche Wendung zu glatt finden. Doch gerade die Zuversicht, mit der Kalisa erzählt, macht den besonderen Ton des Romans aus.

Vietnam in Berlin

Neben der Kiezgeschichte vermittelt das Buch erstaunlich viel Wissen, ohne belehrend zu wirken. Es geht um die vietnamesischen Vertragsarbeiter, die in den 1980er Jahren in großer Zahl in die DDR kamen, um das, was nach dem Ende der DDR aus ihnen wurde, und um die Generation ihrer Kinder, die längst in Berlin zu Hause ist. Dieser Hintergrund ist historisch gut belegt. 1980 schlossen die DDR und Vietnam ein Abkommen, auf dessen Grundlage Zehntausende junge Vietnamesinnen und Vietnamesen in ostdeutschen Betrieben arbeiteten. Sie lebten meist in Wohnheimen, unter strengen Regeln und mit wenig Kontakt zur übrigen Bevölkerung. Nach 1990 verloren viele von ihnen ihre Stelle und ihr Aufenthaltsrecht stand lange auf unsicherem Grund.

Wer bleiben konnte, machte sich oft selbstständig, mit Imbissen, Blumenläden, Textilgeschäften oder kleinen Lebensmittelläden. Ein Laden wie der von Sung ist deshalb mehr als eine Kulisse. Er steht für eine ganze Generation, die sich unter schwierigen Bedingungen eine Existenz aufgebaut hat und deren Kinder heute selbstverständlich Berlinerinnen und Berliner sind.

Auch kulturelle Details fließen ein. Da sind die Affenbrücken, auf Vietnamesisch cầu khỉ, schmale Stege aus Bambus, die im Mekong-Delta über Kanäle führen. Und da ist das Wasserpuppentheater, eine jahrhundertealte Kunstform aus Nordvietnam, bei der Holzfiguren scheinbar schwerelos über eine Wasserfläche gleiten. Die Tradition lässt sich als Bild dafür lesen, wie Unsichtbares an der Oberfläche Wirkung entfaltet: Die Spieler bleiben verborgen, doch ohne sie bewegt sich nichts.

Solche Einschübe verlangsamen die Handlung nicht. Sie geben ihr Farbe.

Wem das Buch gefallen dürfte

„Sungs Laden“ ist ein Roman für Menschen, die sich für Nachbarschaft und Zusammenleben interessieren und dabei keine düstere Großstadtstudie suchen. Der warme Ton und der Sog der Geschichte machen ihn zu einem Buch, das sich gut in einem Zug lesen lässt. Es ist zudem ein typischer Fall für die Empfehlung an der Buchhandelstheke: ein Titel, nach dem kaum jemand gezielt sucht und den man nach einem guten Gespräch trotzdem mitnimmt.

Für Lesekreise ist der Roman besonders ergiebig. Die Frage, ob das Erzählte utopisch sei oder nur ungewöhnlich optimistisch, führt fast immer zu einer Diskussion über den eigenen Stadtteil. Wer wohnt eigentlich nebenan? Welche Geschichten stecken hinter den Läden, an denen man täglich vorbeigeht?

Auch als Geschenk funktioniert das Buch gut, besonders für Menschen, die selbst über eine Veränderung nachdenken. Eine Gastfamilie, die überlegt, einen Austauschschüler aus Vietnam aufzunehmen, wird in Sungs Laden jedenfalls mehr über dessen Heimat finden als in so manchem Reiseführer.

Offen bleibt am Ende eine sehr praktische Frage: Wie viele Minuten müsste die Vorführung in der eigenen Nachbarschaft dauern, damit etwas in Gang kommt?

Häufige Fragen

Worum geht es in „Sungs Laden“?

Im Zentrum steht Sung, der in einem Berliner Kiez einen kleinen Laden betreibt. Eine kurze Vorführung mit einer alten vietnamesischen Holzpuppe in der Schule seines Sohnes setzt eine Kette von Ereignissen in Gang. Innerhalb eines Jahres verändert sich das Viertel: Nachbarn kommen ins Gespräch, vietnamesische Traditionen tauchen im Straßenbild auf, und viele Menschen entdecken, dass sie selbst etwas bewegen können.

Ist „Sungs Laden“ eine Utopie?

Der Klappentext spricht von einer Utopie, die von der Gegenwart gar nicht so weit entfernt sei. Wie man das Buch liest, hängt vom eigenen Blick ab. Wer Veränderungen für realistisch hält, die mit kleinen freundlichen Gesten beginnen, wird den Roman eher als Ermutigung verstehen. Wer skeptischer ist, sieht darin ein Gedankenspiel darüber, wie ein Stadtteil aussehen könnte, wenn Menschen einander mehr Aufmerksamkeit schenken.

Was ist Wasserpuppentheater?

Wasserpuppentheater ist eine traditionelle Theaterform aus dem Norden Vietnams. Die Bühne ist eine Wasserfläche, die Spieler stehen verborgen hinter einem Vorhang im Wasser und führen die lackierten Holzfiguren über lange Stangen unter der Oberfläche. So scheinen die Puppen über das Wasser zu gleiten. Die Stücke erzählen häufig vom Leben auf dem Land, von Legenden und Festen und werden von Live-Musik begleitet.

Für wen eignet sich der Roman?

Das Buch eignet sich für Leserinnen und Leser, die Gegenwartsromane mit warmem Grundton mögen und sich für Berlin, Nachbarschaft und Zusammenleben interessieren. Wer mehr über Vietnam und über die Geschichte der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR erfahren möchte, findet darin viele Anknüpfungspunkte. Auch für Lesekreise ist es geeignet, weil die Frage nach dem Utopischen fast automatisch eine Diskussion auslöst.

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