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„Je tiefer das Wasser“ von Katya Apekina: Schwestern, Mutter und Vater

Ein Klappentext, der eine komplizierte, aber am Ende versöhnliche Familiengeschichte verspricht, und ein Roman, der dieses Versprechen nicht einlöst, sondern etwas viel Dunkleres erzählt: So lässt sich die Erfahrung mit „Je tiefer das Wasser“ beschreiben, dem Debütroman der Autorin Katya Apekina. Die deutsche Ausgabe erschien 2020 bei Suhrkamp in der Übersetzung von Brigitte Jakobeit. Wer das Buch beendet und den Klappentext noch einmal liest, versteht, warum wenige Sätze an dieser Geschichte scheitern müssen.

Die Geschichte

Edie und Mae sind Schwestern. Ihre Mutter, eine labile, fantasievolle Frau, hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Mädchen werden aus ihrem kleinen Heimatort in Louisiana weggebracht, nach New York, zu ihrem Vater. Er ist ein weltberühmter Schriftsteller und hat die Familie vor Jahren verlassen.

Für die beiden bedeutet der Umzug etwas völlig Verschiedenes. Edie, die Ältere, empfindet ihn als unverzeihlichen Verrat an der Mutter. Mae, die Jüngere, sieht darin die lang ersehnte Chance, sich zu befreien. Der Bruch zwischen den Schwestern kommt schnell. Während Edie einen verzweifelten Versuch unternimmt, die Mutter zu retten, lässt sich Mae auf die Zuneigung des Vaters ein und willigt ein, ihm beim Schreiben seines neuen Romans zu helfen. Das Thema dieses Romans: die Mutter.

Alle Figuren treibt dieselbe Obsession. Sie wollen verstehen, was zwischen ihnen und was tief in ihnen vor sich geht, und sie greifen dabei auf die Menschen zurück, die ihnen am nächsten stehen.

Beim Verlag: Suhrkamp

Viele Stimmen, verschiedene Zeiten

Apekina baut ihren Roman aus zahlreichen Ich-Erzählern. Die Schwestern sind die wichtigsten Stimmen, aber neben ihnen kommen weitere Figuren zu Wort, jede aus einem anderen Blickwinkel und oft zu einer anderen Zeit.

Besonders geschickt ist die Unterscheidung zwischen Edie und Mae. Edie erzählt im Präsens, unmittelbar, beginnend mit dem Moment, in dem sie und ihre Schwester beim Vater einziehen. Mae erzählt in der Vergangenheitsform. Ihre Erzählung setzt ungefähr zur selben Zeit ein, doch schnell wird deutlich, dass sie rückblickend spricht, mit dem Wissen um Dinge, die noch kommen werden. Dieser Unterschied erzeugt eine Spannung, die über das ganze Buch trägt: Die Leserin weiß mit Mae mehr als Edie und ahnt früh, dass es nicht gut ausgehen kann.

Die vielen Perspektiven verlangen Aufmerksamkeit. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem Bild belohnt, das kein einzelner Erzähler liefern könnte.

Was der Titel weglässt

Im Original heißt das Buch „The Deeper the Water the Uglier the Fish“. Der deutsche Titel kappt die zweite Hälfte, und das stört zunächst, weil gerade der Vergleich die Pointe trägt. Beim Lesen erweist sich die Auslassung aber als passend. Die Figuren dieses Romans sind unvollständig, Suchende, und sie bedienen sich rücksichtslos und zerstörerisch an den Menschen, die sie am meisten lieben. Je tiefer der Blick in ihre Seelen geht, desto hässlicher wird, was er dort findet. Der fehlende Fisch ist im Buch überall.

Das macht den Roman nicht zu einer leichten Lektüre. Themen wie Suizid, psychische Krankheit und die Frage, wie weit ein Vater seine Tochter für die eigene Kunst benutzen darf, ziehen sich durch die Handlung. Wer mit diesen Themen gerade selbst ringt, sollte das wissen.

Die Figur des Vaters

Der Vater ist die vielleicht unbequemste Figur des Buches. Er ist charmant, gebildet und berühmt, und er hat die Familie verlassen, als die Mädchen noch klein waren. Als sie plötzlich bei ihm vor der Tür stehen, reagiert er nicht mit Schuld, sondern mit Neugier, und diese Neugier gilt vor allem der Frau, die er zurückgelassen hat. Dass er ausgerechnet die jüngere Tochter bittet, ihm bei einem Roman über ihre Mutter zu helfen, zeigt, wie sehr bei ihm Leben und Stoff ineinanderfließen.

Apekina verzichtet darauf, ihn zu verurteilen. Sie lässt ihn und andere erzählen, wie er sich selbst sieht und wie andere ihn sehen, und überlässt das Urteil der Leserin. Genau das macht die Lektüre so beklemmend: Man versteht ihn manchmal, und das ist schwerer auszuhalten als offene Ablehnung.

Die Mutter dagegen bleibt über weite Strecken eine Leerstelle, über die alle sprechen und die selbst kaum zu Wort kommt.

Die Übersetzung

Ein Wort zur Übersetzung ist angebracht. Brigitte Jakobeit hatte eine schwierige Aufgabe: viele Erzähler, unterschiedliche Zeitebenen, unterschiedliche Tonlagen, vom kindlichen bis zum abgeklärten. Die deutsche Fassung liest sich an keiner Stelle wie eine Übertragung. Jede Stimme behält ihren eigenen Klang, und das ist bei einem so vielstimmigen Buch eine eigene Kunst.

Für wen sich der Roman eignet

„Je tiefer das Wasser“ ist ein Buch für Leserinnen und Leser, die Familienromane mit Abgründen schätzen und keine Angst vor offenen, schmerzhaften Enden haben. Wer Romane mag, in denen sich die Wahrheit erst aus vielen Teilen zusammensetzt, wird hier fündig. Wer Trost oder Versöhnung sucht, eher nicht.

Der Verlag veröffentlichte zur deutschen Ausgabe auch Lesungstermine der Autorin.

Eine Frage, die nach dem Lesen hängen bleibt, betrifft den Vater: Wie viel von dem Roman, den er über die Mutter schreibt, ist wirklich seiner?

Häufige Fragen

Worum geht es in „Je tiefer das Wasser“?

Nach dem Suizidversuch ihrer Mutter werden die Schwestern Edie und Mae aus einem kleinen Ort in Louisiana zu ihrem Vater nach New York gebracht, einem berühmten Schriftsteller, der die Familie Jahre zuvor verlassen hat. Edie empfindet den Umzug als Verrat an der Mutter, Mae als Befreiung. Während die eine versucht, die Mutter zu retten, lässt sich die andere auf den Vater ein und hilft ihm bei einem Roman über die Mutter.

Wie heißt „Je tiefer das Wasser“ im Original?

Der englische Originaltitel lautet „The Deeper the Water the Uglier the Fish“, also sinngemäß: Je tiefer das Wasser, desto hässlicher der Fisch. Die deutsche Ausgabe lässt den zweiten Teil weg. Das wirkt zunächst wie ein Verlust, passt aber zur Geschichte, denn auch die Figuren sind unvollständig und Suchende. Die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch stammt von Brigitte Jakobeit.

Aus welcher Perspektive ist „Je tiefer das Wasser“ erzählt?

Der Roman hat viele Ich-Erzähler. Die wichtigsten sind die Schwestern: Edie erzählt im Präsens, beginnend mit dem Umzug nach New York, Mae dagegen in der Vergangenheit und mit dem Wissen um spätere Ereignisse. Dazu kommen weitere Stimmen aus dem Umfeld der Familie, die aus anderen Blickwinkeln und zu anderen Zeitpunkten auf das Geschehen schauen.

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