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Eine Heldengeschichte über einen stillen Retter: Hackls „Am Seil“

Knapp 120 Seiten Text, eine nüchterne Chronik, kein einziges Pathoswort: So sieht das Buch aus, das Erich Hackl 2018 bei Diogenes veröffentlichte. Der Untertitel verspricht eine Heldengeschichte, und wer dabei an Draufgänger, Explosionen oder große Reden denkt, liegt gründlich falsch. Der Held von „Am Seil“ ist ein Wiener Kunsthandwerker namens Reinhold Duschka, ein Mann, der sich kaum von seinen Nachbarn unterschied.

Die Geschichte hinter „Am Seil“

Mitte der 1920er-Jahre lernen sich zwei Männer beim Bergsteigen kennen, Reinhold Duschka und der Vater der späteren Lucia Heilman. Aus der Seilschaft wird eine Freundschaft. Jahre später, nach dem Anschluss Österreichs 1938, werden jüdische Familien in Wien entrechtet, enteignet und schließlich deportiert. Duschka entscheidet sich, Lucia und ihre Mutter bei sich aufzunehmen. Vier Jahre lang versteckt er die beiden in seiner Werkstatt, teilt Essen, Wohnraum und Gefahr mit ihnen.

Hackl erzählt das nicht als Abenteuer. Er stützt sich auf Lucia Heilmans Kindheitserinnerungen und auf weiterführende Recherchen und reiht die Ereignisse in fast protokollarischem Ton aneinander. Am Ende kommt Duschkas Enkel Gerald Janous zu Wort, der wie viele andere erst spät und eher zufällig erfuhr, dass sein Großvater ein Held gewesen war.

Warum der nüchterne Ton passt

Wer Hackl noch nicht kennt, braucht ein paar Seiten, um sich an den Stil zu gewöhnen. Die Sätze sind kurz, Gefühle werden selten benannt, Szenen enden oft abrupt. Schnell wird klar, dass es für diese Geschichte keine passendere Erzählweise geben kann. Jede Ausschmückung würde vom Eigentlichen ablenken, und jede Dramatisierung würde aus Duschka jemanden machen, der er nicht war.

Dieses Vorgehen ist typisch für den österreichischen Autor. Bekannt wurde Hackl unter anderem mit „Abschied von Sidonie“, der Geschichte eines Romamädchens aus Oberösterreich, das in Auschwitz ermordet wurde. Auch dort schreibt er dokumentarisch, dicht an Zeugnissen und Akten, ohne sich selbst in den Vordergrund zu schieben.

Die Schlichtheit hat eine Wirkung, der man sich kaum entziehen kann, denn gerade weil der Text nicht drängt, bleibt er haften.

Auch der Titel ist genau gewählt. Das Seil verbindet die beiden Männer beim Klettern, es sichert, und es verlangt Vertrauen: Wer am Seil hängt, ist auf den anderen angewiesen. Als die Verfolgung beginnt, bekommt dieses Bild eine zweite Bedeutung. Mutter und Tochter hängen nun buchstäblich am Seil eines Freundes, der sie jederzeit fallen lassen könnte und es nicht tut.

Stille Helden statt Täter und Opfer

Das Besondere an diesem Buch ist die Perspektive. Die meisten Bücher über den Nationalsozialismus erzählen von Tätern oder von Opfern. Hackl erzählt von einem Menschen dazwischen, der in unbarmherzigen Zeiten einfach menschlich blieb und danach handelte. Davon gab es zu wenige, und genau deshalb verdienen die wenigen, die es gab, erzählt zu werden.

Für solche Menschen hat sich der Begriff der stillen Helden eingebürgert. In Berlin erinnert die Gedenkstätte Stille Helden an Frauen und Männer, die verfolgten Jüdinnen und Juden halfen, ohne dafür Anerkennung zu suchen. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem ehrt nichtjüdische Retter als Gerechte unter den Völkern. Hinter jeder dieser Ehrungen steht eine Geschichte wie die von Duschka: kein Plan, keine Organisation, sondern eine Entscheidung, die sich jeden Tag neu bewähren musste.

Wahre Heldinnen und Helden sind oft weder waghalsig noch furchtlos. Sie leben ein normales, unaufgeregtes Leben mit Höhen und Tiefen und zeigen im richtigen Moment Mut und Menschlichkeit. Das macht solche Geschichten unbequem, denn sie werfen die Frage auf, wie man selbst gehandelt hätte.

Was eine gute Heldengeschichte ausmacht

Der Begriff Heldengeschichte ist in der Literatur breit. Er reicht von antiken Sagen über Ritterromane bis zu Comics und Kinofilmen, in denen jemand über sich hinauswächst. Meist gehört dazu eine Prüfung, ein Gegner und ein Sieg. „Am Seil“ unterläuft dieses Muster bewusst. Duschka besiegt niemanden. Er hält durch, versorgt, schweigt und sorgt dafür, dass zwei Menschen überleben.

Gerade im Unterricht kann das Buch deshalb eine interessante Gegenfolie sein. Wer mit Jugendlichen über Heldentum spricht, stößt schnell auf Superkräfte und Actionszenen. Die Geschichte eines Mannes, dessen größte Tat darin bestand, jahrelang nicht aufzufallen, verschiebt den Blick. Heldentum erscheint hier als Alltag unter Lebensgefahr.

Warum solche Bücher weiter gebraucht werden

Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der NS-Zeit werden immer weniger. Umso wichtiger sind Autoren wie Erich Hackl, die Erinnerungen aufschreiben, solange es noch jemanden gibt, der sie erzählen kann. Seine schlichte Sprache verleiht der wahren Begebenheit eine Eindringlichkeit, der man sich angesichts aktueller politischer Entwicklungen auch nicht entziehen sollte.

„Am Seil. Eine Heldengeschichte“ erschien 2018 bei Diogenes, umfasst 128 Seiten und ist in jeder Buchhandlung bestellbar. Es lässt sich an einem Abend lesen und beschäftigt einen deutlich länger.

Bleibt eine kleine Frage, die das Buch nicht beantwortet: Wie viele Enkel wissen bis heute nicht, dass ihre Großeltern jemanden versteckt haben, weil diese nie darüber sprachen? Der Fall von Gerald Janous legt nahe, dass es mehr sind, als man denkt.

Häufige Fragen

Worum geht es in „Am Seil. Eine Heldengeschichte“?

Erich Hackl erzählt die wahre Geschichte des Wiener Kunsthandwerkers Reinhold Duschka, der Lucia Heilman und ihre Mutter während der NS-Zeit vier Jahre lang in seiner Werkstatt vor der Deportation versteckte. Das Buch beginnt Mitte der 1920er-Jahre mit der Freundschaft zwischen Duschka und Lucias Vater, die sich beim Bergsteigen kennenlernten, und endet mit Erinnerungen von Duschkas Enkel.

Beruht das Buch auf einer wahren Begebenheit?

Ja. Grundlage sind die Kindheitserinnerungen von Lucia Heilman sowie weitere Recherchen des Autors. Hackl ist für diese Arbeitsweise bekannt: Er schreibt über reale Menschen und Ereignisse, meist aus der Zeit des Nationalsozialismus oder der lateinamerikanischen Diktaturen, und hält sich eng an Dokumente und Zeugenaussagen. Erfundene Dialoge oder Figuren gibt es in seinen Erzählungen kaum.

Für wen eignet sich „Am Seil“?

Das Buch umfasst 128 Seiten und lässt sich an einem Abend lesen. Es eignet sich für Erwachsene und ältere Jugendliche, die sich für Zeitgeschichte interessieren, und wegen der klaren, nüchternen Sprache auch gut als Schullektüre ab der Oberstufe. Wer Erzählungen über Täter und Opfer bisher als belastend empfand, findet hier einen anderen Zugang: die Geschichte eines Helfers.

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