Das kurze Leben der Sophie Scholl: Bücher, Hörbücher für junge Leser
Fritz Hartnagel war zwanzig und Sophie Scholl sechzehn, als sich die beiden im November 1937 kennenlernten. Aus der Begegnung wurde eine Beziehung, die über Jahre, über Frontbriefe und über politische Gegensätze hinweg hielt, und Hartnagels Stimme gehört zu den eindrücklichsten Momenten in Hermann Vinkes Hörfeature „Das kurze Leben der Sophie Scholl“. Das Feature erschien im Februar 2013, zum 70. Todestag der Widerstandskämpferin, und es ergänzt ein Buch, das seit Jahrzehnten Schülerinnen und Schüler begleitet.
Hermann Vinke und „Das kurze Leben der Sophie Scholl“
Hermann Vinke veröffentlichte seine Lebensgeschichte Sophie Scholls 1980 und erhielt dafür 1981 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Das Buch richtet sich gezielt an junge Leser und beruht auf Gesprächen, die Vinke seit den 1970er-Jahren mit Angehörigen und Zeitzeugen führte.
Für das Hörfeature, das bei Silberfisch erschien, kehrte Vinke zu diesem Material zurück. Die Schwestern Inge und Elisabeth Scholl kommen darin zu Wort, ebenso Otl Aicher, der später Inge heiratete, und Fritz Hartnagel, der nach dem Krieg Elisabeth Scholl heiratete. Die Erzählung setzt 1937 mit dem Kennenlernen von Sophie und Fritz ein und endet mit der Hinrichtung. Gerade Hartnagels Erinnerungen machen deutlich, wie schwierig diese Beziehung war: Er war Berufsoffizier der Wehrmacht, sie wurde zur Gegnerin des Regimes.
Das Feature dauert 72 Minuten und wird ab zwölf Jahren empfohlen. Diese Altersangabe ist ehrgeizig. Ohne Vorwissen über die Weiße Rose und die Familie Scholl verliert man bei den vielen Namen und Zeitsprüngen leicht den Faden. Als Ergänzung zu einer Biografie dagegen entfaltet es eine Wirkung, die ein Buch allein nicht hat, weil man die Menschen, von denen man gelesen hat, plötzlich sprechen hört.
Vinke erklärte seine Rückkehr zu dem Thema mit dem Satz, er wolle „dazu beitragen, dass Sophie Scholl in unserer Mitte bleibt“.
Maren Gottschalk: „Schluss. Jetzt werde ich etwas tun“
Eine andere Perspektive bietet die Biografie der Journalistin Maren Gottschalk, erschienen bei Beltz & Gelberg und empfohlen ab 14 Jahren. Sie umfasst die Jahre von 1921 bis 1943 und stützt sich auf Tagebücher und Briefe, die erst nach dem Tod der ältesten Schwester Inge Aicher-Scholl im Jahr 1998 vollständig zugänglich wurden. Inge Scholl hatte mit ihrem Buch „Die Weiße Rose“ das Bild der Geschwister über Jahrzehnte geprägt.
Gottschalk schreibt diese Geschichte nicht um. Sie ergänzt sie um Seiten, die im Heldenbild wenig Platz hatten. Sophie Scholl erscheint als Tochter, Schwester, Freundin und Partnerin, und auch als Mitglied der nationalsozialistischen Jugendorganisationen: 1934 trat sie, wie die meisten Mädchen ihres Alters, den Jungmädeln bei, 1938 wechselte sie in den Bund Deutscher Mädel und blieb dort bis 1941. Die Frage, wie das zu der jungen Frau passt, die zwei Jahre später Flugblätter in der Münchner Universität verteilte, stellt das Buch offen und beantwortet sie mit Geduld.
Genau darin liegt sein Wert für junge Leser. Es zeigt, dass der Weg in den Widerstand kein gerader war, sondern ein langsames Abrücken, ein Zweifeln, eine Entscheidung, die reifen musste. Helden werden in dieser Erzählung nicht geboren, sie entstehen.
Für den Unterricht ist das ein Geschenk. Jugendliche, die sich fragen, was sie selbst in einer Diktatur getan hätten, finden in Gottschalks Sophie Scholl keine unerreichbare Heilige, sondern eine junge Frau, die zeichnete, wanderte, sich verliebte, lange mitmachte und irgendwann nicht mehr. Das macht die Entscheidung zum Widerstand nicht kleiner. Es macht sie begreifbar.
Wer Sophie Scholl war
Sophie Scholl wurde am 9. Mai 1921 in Forchtenberg geboren und wuchs in Ulm auf. 1942 begann sie in München ein Studium der Biologie und Philosophie und kam dort in Kontakt mit dem Freundeskreis ihres Bruders Hans, aus dem die Widerstandsgruppe Weiße Rose hervorging. Die Gruppe verfasste und verteilte sechs Flugblätter gegen das NS-Regime.
Am 18. Februar 1943 legten Hans und Sophie Scholl Flugblätter im Lichthof der Universität aus und warfen einen Stapel von der Galerie. Der Hausmeister beobachtete sie und hielt sie fest. Vier Tage später verurteilte der Volksgerichtshof unter Roland Freisler die Geschwister und Christoph Probst zum Tod. Noch am selben Nachmittag wurden sie in München-Stadelheim hingerichtet.
Weitere Wege zur Geschichte
Für viele Schulen war die Weiße Rose lange über Filme zugänglich. Michael Verhoevens „Die weiße Rose“ kam 1982 in die Kinos und wurde vielerorts in Sondervorstellungen für ganze Schülerjahrgänge gezeigt. 2005 folgte Marc Rothemunds „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ mit Julia Jentsch, der sich auf die Verhöre und den Prozess konzentriert.
Zahlreiche Schulen in Deutschland tragen den Namen der Geschwister Scholl, darunter das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Solingen. Wer dort zur Schule ging, kennt die Lebensgeschichte meist aus dem Unterricht, und oft in der Fassung, die Inge Scholl geprägt hat.
Wer Sophie Scholl heute neu kennenlernen möchte, kann mit Gottschalks Biografie beginnen und Vinkes Feature danach hören. Offen bleibt, ob ein Hörbuch mit Originaltönen in zehn Jahren noch dieselbe Kraft hat, wenn die Stimmen der letzten Zeitzeugen nur noch von Aufnahmen kommen.
Bibliografie
- Hermann Vinke: Das kurze Leben der Sophie Scholl. Feature, 1 CD, 72 Minuten, Silberfisch/Hörbuch Hamburg, ISBN 978-3-86742-699-2, ab 12 Jahren
- Maren Gottschalk: Schluss. Jetzt werde ich etwas tun. Die Lebensgeschichte der Sophie Scholl, Beltz & Gelberg, ISBN 978-3-407-81122-6, ab 14 Jahren
Häufige Fragen
Worum geht es in „Das kurze Leben der Sophie Scholl“?
Hermann Vinke erzählt in seinem Buch das Leben von Sophie Scholl von der Kindheit bis zur Hinrichtung 1943. Er stützt sich dabei auf Briefe, Tagebuchauszüge und Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten. Für das Buch erhielt Vinke 1981 den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2013 erschien zum 70. Todestag zusätzlich ein 72-minütiges Hörfeature bei Silberfisch, in dem unter anderem Fritz Hartnagel im Originalton zu hören ist.
Welches Buch über Sophie Scholl eignet sich für Jugendliche?
Für Jugendliche ab etwa 14 Jahren eignet sich Maren Gottschalks Biografie „Schluss. Jetzt werde ich etwas tun“ aus dem Verlag Beltz & Gelberg. Sie wertet Briefe und Tagebücher aus und zeigt auch die Jahre, in denen Sophie Scholl Mitglied im BDM war. Hermann Vinkes „Das kurze Leben der Sophie Scholl“ ist ebenfalls für junge Leser geschrieben und wird seit Jahrzehnten im Schulunterricht gelesen.
Wann und warum wurde Sophie Scholl hingerichtet?
Sophie Scholl wurde am 22. Februar 1943 in München-Stadelheim hingerichtet, zusammen mit ihrem Bruder Hans Scholl und Christoph Probst. Vier Tage zuvor hatten die Geschwister in der Münchner Universität Flugblätter der Widerstandsgruppe Weiße Rose verteilt und waren dabei festgenommen worden. Der Volksgerichtshof unter Roland Freisler verurteilte sie in einem Schnellverfahren wegen Hochverrats zum Tod.
Gibt es Hörbücher über Sophie Scholl für Kinder?
Ja. Das Feature „Das kurze Leben der Sophie Scholl“ von Hermann Vinke erschien 2013 als CD bei Silberfisch, empfohlen ab 12 Jahren. Es verbindet Erzählung mit Originaltönen von Zeitzeugen. Ohne Vorwissen fällt es jüngeren Hörern allerdings schwer, allen Namen und Zusammenhängen zu folgen. Am besten wirkt es in Kombination mit einer Biografie oder als Ergänzung zum Geschichtsunterricht.
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