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Was ist Literatur? Bedeutung des Begriffs, Gattungen und offene Fragen

Auf einem Einkaufszettel stehen Wörter, in einem Gedicht auch. Trotzdem würde niemand den Zettel in eine Bibliothek stellen. Die Frage, was Literatur ist, beginnt genau an dieser Stelle – und sie ist schwerer zu beantworten, als es der Schulunterricht vermuten lässt.

Was bedeutet Literatur? Die Herkunft des Wortes

Das Wort stammt aus dem Lateinischen. „Littera“ ist der Buchstabe, „litteratura“ bezeichnete zunächst die Buchstabenschrift und die Kenntnis des Schreibens, später alles Geschriebene. Im Deutschen meinte es lange schlicht Gelehrsamkeit, das Wissen der Gebildeten.

Diese alte Bedeutung lebt bis heute weiter. Wer in einer Hausarbeit die „Literatur zum Thema“ zusammenstellt, meint Fachbücher und Aufsätze, keine Romane. Wer dagegen von der „Literatur des 19. Jahrhunderts“ spricht, denkt an Fontane, Droste-Hülshoff oder Büchner. Welche Bedeutung Literatur hat, hängt also davon ab, in welchem Zusammenhang das Wort fällt.

Der weite und der enge Literaturbegriff

Die Literaturwissenschaft unterscheidet deshalb zwei Begriffe. Der weite Literaturbegriff umfasst jeden schriftlich festgehaltenen Text: Gesetze, Briefe, Bedienungsanleitungen, Zeitungsartikel. Der enge Literaturbegriff meint die sprachliche Kunst, die man auch Belletristik oder schöne Literatur nennt.

Was einen Text in diesem engen Sinn zur Literatur macht, ist umstritten. Drei Merkmale werden häufig genannt. Literarische Texte sind fiktional, sie erfinden Figuren und Handlungen, die es so nicht gegeben hat. Ihre Sprache ist geformt, sie arbeitet mit Rhythmus, Bildern und Mehrdeutigkeit. Und sie lassen sich nicht auf eine Botschaft zurückführen: Ein Roman, dessen Inhalt sich in einem Satz vollständig zusammenfassen ließe, hätte kaum etwas zu sagen.

Keines dieser Merkmale reicht allein. Ein Werbeslogan ist geformt, ein Tagebuch ist nicht erfunden und kann trotzdem Literatur sein – Anne Franks Tagebuch ist dafür das bekannteste Beispiel.

Was ist eine Literatur? Nationale und fremdsprachige Literaturen

Neben dem Begriff „die Literatur“ gibt es den Plural. Man spricht von der deutschen, der russischen oder der lateinamerikanischen Literatur und meint die Gesamtheit der Werke einer Sprache oder Region. Diese Einteilung ist praktisch, aber nicht selbstverständlich. Franz Kafka schrieb Deutsch und lebte in Prag, Herta Müller wuchs im rumänischen Banat auf, Emine Sevgi Özdamar schreibt Deutsch mit türkischen Bildern im Hintergrund. Zu welcher Literatur ihre Bücher gehören, lässt sich nicht an einer Landesgrenze festmachen.

Die drei Gattungen: Epik, Lyrik, Dramatik

Seit Goethe, der von drei „Naturformen der Dichtung“ sprach, teilt man die Literatur im Deutschen meist in drei Gattungen ein.

Die Epik erzählt. Zu ihr gehören der Roman, die Novelle, die Erzählung, die Kurzgeschichte und das Märchen. Typisch ist eine Erzählinstanz, die zwischen Geschichte und Leser steht.

Die Lyrik verdichtet. Gedichte arbeiten mit Vers, Klang und Bild, oft auf engem Raum. Ein Sonett hat vierzehn Zeilen, ein Haiku noch weniger.

Die Dramatik zeigt. Dramen sind für die Bühne geschrieben, die Figuren sprechen selbst, eine Erzählstimme fehlt.

Viele Formen des 20. und 21. Jahrhunderts passen in dieses Schema nicht hinein. Der Essay, die literarische Reportage, das Hörspiel, die Graphic Novel oder Texte, die nur im Netz existieren, stehen zwischen den Gattungen. Das ist kein Mangel der Texte, sondern ein Hinweis darauf, dass die Einteilung aus einer Zeit stammt, in der es sie noch nicht gab.

Literatur, was ist das für den Leser?

Theorien beantworten die Frage nur zum Teil. Für viele Leserinnen und Leser ist Literatur das, was etwas mit ihnen macht: ein Buch, nach dem sie die Welt für eine Weile anders sehen, eine Zeile, die sich festsetzt, eine Figur, die ihnen näher ist als manche Bekannte.

Diese Wirkung ist schwer zu messen, aber sie ist der Grund, warum Menschen Bücher weiterempfehlen, Lesekreise gründen und Lesungen besuchen. Wer an einem Abend Harper Lees „Wer die Nachtigall stört“ liest, lernt nichts, was in einem Lexikon fehlen würde. Er erlebt Ungerechtigkeit aber aus der Sicht eines Kindes, und das bleibt.

Wer bestimmt, was bleibt?

Welche Bücher als bedeutend gelten, entscheiden viele mit: Kritik, Literaturpreise, Verlage, Lehrpläne, Bibliotheken. Die Liste dieser Werke nennt man Kanon, und sie verändert sich ständig. Irmgard Keun war nach 1933 in Deutschland verboten, geriet danach lange in Vergessenheit und wurde erst Jahrzehnte später neu entdeckt. Andere Autoren, die zu Lebzeiten Bestsellerlisten anführten, kennt heute kaum jemand.

Ob ein Text Literatur ist, entscheidet sich also nicht ein für alle Mal. Es entscheidet sich jedes Mal neu, wenn jemand ihn liest – und manchmal erst Jahrzehnte später.

Die Frage, ob ein Einkaufszettel Literatur werden kann, ist übrigens nicht ganz abwegig. Sammlungen gefundener Zettel und Notizen sind mehrfach als Bücher erschienen. Es kommt offenbar darauf an, wer hinschaut.

Häufige Fragen

Was bedeutet das Wort Literatur?

Das Wort geht auf das lateinische „litteratura“ zurück, abgeleitet von „littera“, dem Buchstaben. Ursprünglich bezeichnete es die Kenntnis des Schreibens und alles Geschriebene. Heute gibt es zwei Verwendungen: im weiten Sinn jede Art von Text, etwa die Fachliteratur zu einem Thema, im engen Sinn die sprachliche Kunst, also Romane, Gedichte und Dramen.

Welche Gattungen der Literatur gibt es?

Die klassische Einteilung kennt drei Gattungen: Epik, also erzählende Texte wie Roman, Novelle oder Kurzgeschichte; Lyrik, die Gedichte in gebundener oder freier Form umfasst; und Dramatik, Texte, die für die Aufführung auf der Bühne geschrieben sind. Viele moderne Formen wie Essay, Reportage oder Graphic Novel lassen sich nur mit Mühe einer dieser drei zuordnen.

Was ist der Unterschied zwischen Literatur und Sachbuch?

Ein Sachbuch will vor allem informieren und erklären; es wird daran gemessen, ob seine Aussagen stimmen. Literatur im engeren Sinn erfindet oder gestaltet, und ihre Sprache ist selbst ein Teil dessen, was sie sagt. Die Grenze ist durchlässig: Biografien, Essays oder erzählende Sachbücher werden oft als literarisch bezeichnet, wenn ihre Form mehr leistet als die Weitergabe von Wissen.

Wer entscheidet, was gute Literatur ist?

Kein einzelnes Gremium. Kritik, Literaturpreise, Schullehrpläne und Verlage prägen den Kanon, also die Liste der Werke, die als bedeutend gelten. Dieser Kanon ändert sich: Autorinnen, die lange übersehen wurden, werden neu entdeckt, einst gefeierte Bücher geraten in Vergessenheit. Am Ende stimmen auch Leserinnen und Leser ab, indem sie ein Buch weiterempfehlen oder nicht.

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