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Wo die Freiheit wächst

Seit mehr als fünfzehn Jahren ist die Kinder- und Jugendliteratur (nicht nur) auf Buecherkinder.de mein ständiger Begleiter. In dieser Zeit habe ich unzählige Titel gelesen, besondere Bücher entdeckt und Autor*innen kennengelernt. Manche streifen mich nur kurz, anderen bleibt man über Jahre hinweg und bisweilen sogar freundschaftlich verbunden. Bei letzteren schaut man also genauer hin, wenn sie ein neues Buch veröffentlichen, ist gespannt, ob sie sich dieses Mal den Kindern oder den Jugendlichen zuwenden und welchem Thema sie sich widmen.

Frank Maria Reifenberg ist einer dieser Autoren. Sein Schaffen begleiten die Bücherkinder und ich schon seit seinem Jugendbuch „Landeplatz der Engel“, das 2008 erschien. In den letzten Jahren lag der Fokus des Autors auf den Titeln für 8- bis 11-Jährige. Umso mehr freute ich mich über den gerade erschienenen Roman „Wo die Freiheit wächst“, der sich an Leser*innen ab 14 aufwärts wendet und auch Erwachsene durchaus zu fesseln vermag.

Wo die Freiheit wächst

Jugendbuch ab 14
von Frank Maria Reifenberg
„Wo die Freiheit wächst“
arsEdition 2019

Köln, 1942. Lene Meister ist 16 Jahre alt und Auszubildende in einem Friseursalon. Doch der Zweite Weltkrieg raubt ihr viel von dem, was sich ein Mädchen in ihrem Alter erträumt. Ihre Heimatstadt wird seit einem Jahr regelmäßig von Bombenangriffen erschüttert. Lene lässt sich aber nicht unterkriegen und versucht tapfer, die Familie zusammenzuhalten. Mit jeder neuen Todesnachricht von der Front und mit dem allmählichen Verschwinden ihrer jüdischen Freunde beginnt sie mehr am NS-Regime zu zweifeln.

In dieser Zeit zwischen Furcht, Verzweiflung und Hoffnung lernt sie Erich kennen und verliebt sich. Bald entdeckt Lene, dass Erich ein gefährliches Spiel spielt. Er gehört zu den Jugendlichen, die nicht in Reih und Glied marschieren wollen: zu den Edelweißpiraten. Sie tragen keine Uniformen und singen ihre eigenen Lieder. Sie beschmieren die Wände mit Anti-Nazi-Parolen und teilen regimekritische Flugblätter aus. Und das alles ist der Gestapo ein großer Dorn im Auge.

Es gibt Menschen, die lesen das Ende eines Buches zuerst, um einschätzen zu können, ob sie es überhaupt lesen wollen. Für mich undenkbar. Einerseits würde ich mich so jeglicher Spannung berauben und andererseits weiß ich ja überhaupt nicht, wie es zu dem Ende kam, egal ob ich es mag oder nicht.

Warum lese ich dann ein Buch wie „Wo die Freiheit wächst“ und das nahezu in einem Rutsch, wenn ich – auch ohne die letzten Seiten gelesen zu haben – mir ungefähr vorstellen kann, wie diese Geschichte, die zwischen März 1942 und Februar 1943 in Köln spielt, ausgehen wird?

Ich glaube am meisten haben mich die jungen Ich-Erzähler in diesem in Briefform erzählten Roman fasziniert: die 16-jährige Lene aus Köln, ihre beste Freundin Rosi, die wegen des Krieges auf dem Land lebt, Erich, Mitglied der Edelweißpiraten, Franz, Lenes großer Bruder an der Ostfront und Kalli, Lenes jüngerer Bruder und Hitler-Anhänger.

Wie mag das Leben eines Jugendlichen in Zeiten von Krieg, Entbehrung, Terror und Angst ausgesehen haben? Konnte es bei alledem überhaupt so etwas wie Normalität geben?

Vier Jahre lang hat Frank Maria Reifenberg akribisch in Zeitungsberichten, Feldpostbriefen und Tagebüchern recherchiert, Filmmaterial und Berichte von Zeitzeugen gesichtet. Dennoch sind seine Charaktere fiktive Figuren, das Erlebte jedoch historisch begründet. Auch wenn es Lene, Rosi, Erich, Franz und Kalli nicht gab, so gab es doch viele Jugendliche wie sie.

Spätestens wenn man das Buch ausgelesen hat weiß man, dass es nur so erzählt werden konnte, schließlich wurden mehrere Milliarden! Feldpostbriefe während des Zweiten Weltkriegs versendet, allein im November 1942 waren es 745 Millionen Sendungen (Quelle: Wikipedia). Der Autor hat seinen Charakteren durch die Briefform Leben eingehaucht, wir erfahren Alltägliches und Grauenvolles, Gesagtes und Ungesagtes, letzteres nicht nur aus Angst vor den Nazis, sondern auch aus Rücksicht auf Freunde und Familie.

Widerstand ist männlich

Die Briefe, die überwiegend von Lene und Rosi stammen, sind aus dem Leben gegriffen, treffen den richtigen Ton, zeigen aber auch die Entwicklung, die die Jugendlichen nehmen, die Zweifel, die sie nach und nach gegenüber dem NS-Regime hegen. Dass der Autor in seinem Roman auf weibliche Figuren setzt, ist erstaunlich, vielleicht sogar mutig, aber geschichtlich gesehen auf jeden Fall richtig. Zwar tauchen weibliche Widerstandskämpferinnen in unserer Wahrnehmung viel seltener auf, aber besonders in den Reihen der sogenannten unangepassten Jugendlichen war das Geschlechterverhältnis, wie zahllose Bilddokumente beispielsweise der Edelweißpiraten zeigen, ausgewogen. Dass sie kaum namentliche Erwähnung finden, ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass Frauen im Dritten Reich nicht ernst genommen wurden. Dennoch ist davon auszugehen, dass auch sie Anteil an den Widerstandsaktionen ihrer Gruppierung hatten.

Zwischen und hinter den Zeilen lesen

Neben einem ausführlichen Nachwort, einer Zeittafel und einem umfangreichen Literaturverzeichnis, wird der Roman zusätzlich durch einen ausführlichen Blog des Autors begleitet. Dort zieht er beispielsweise Parallelen zur Geschichte seiner eigenen Familie und beleuchtet die Hintergründe verschiedener Jugendbewegungen zur damaligen Zeit. Dabei verlinkt er auf Seiten, die mir bis dato unbekannt waren. Eine davon führt zum Projekt „Erlebte Geschichte“ des NS-Dokumentationszentrums in Köln. Dort schildern Kölner Zeitzeug*innen ihre Lebensgeschichten in Interviews, die als Videos aufgerufen werden können. Das geht unter die Haut und ist unbedingt sehenswert.

Obiges Foto entstand im Keller des EL-DE-Hauses in Köln, dort wo sich das Hausgefängnis der Gestapo befand und heute als Teil des NS-Dokumentationszentraum an die Schrecken der NS-Zeit erinnert wird.

Im EL-DE-Haus, in dem der Autor sicherlich zahlreichen Stunden zur Recherche verbrachte und das auch im Roman Erwähung findet, fand am 4. Juli 2019 die Premieren-Lesung statt. An diesem geschichtsträchtigen Ort las Frank Maria Reifenberg mit seinen Kolleginnen, den Autorinnen Maren Gottschalk und Gerlis Zillgens, in verteilten Rollen aus „Wo die Freiheit wächst“. Eine eindringliche Lesung, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Wo die Freiheit wächst vermittelt eindrucksvoll, wie das Leben als junger Erwachsener in Zeiten der NS-Diktatur ausgesehen hat. Der Roman zollt denjenigen Respekt, die im Dritten Reich unangepasst waren und ermutigt auch heutige Jugendliche, sich für Frieden, Freiheit und Toleranz einzusetzen.


Wo die Freiheit wächst von Frank M. Reifenberg, arsEdition 2019 – 384 Seiten, 15 €
Online-Bestellmöglichkeit bei der Buchhandlung meines Vertrauens

1 Kommentare

  1. Danke für diesen ausführliche Beitrag und die anerkennenden Worte! Das tut sehr gut und ist ein schöner Abschluss dieser so berührenden und erschöpfenden Ersterscheinungswoche!!

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