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Braucht es Verrisse? Über harte Kritik an Büchern und klares Urteilen

Im Juni 2013 vergab die Jury des Buxtehuder Bullen ihre Punkte für John Greens Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Die zehn Erwachsenen gaben 57 Punkte, die zehn Jugendlichen nur 41, und das bei einem Jugendbuch. Ein Jahr später war es umgekehrt: Christine Fehérs „Dann mach ich eben Schluss“ erhielt 58 Punkte von den Jugendlichen und 35 von den Erwachsenen. Dasselbe Buch, gelesen von zwei Gruppen, führt zu erstaunlich unterschiedlichen Urteilen. Genau hier beginnt die Frage, ob es Verrisse braucht.

Eine Frage, die über Bücher hinausgeht

Im März 2017 erschien ein vieldiskutierter Text unter der Überschrift „Wozu braucht es Verrisse?“. Er verteidigte die harte Kritik und stellte eine Beobachtung in den Raum, die weit über Literatur hinausreichte: dass immer mehr gebildete Menschen lavieren, wenn man von ihnen eine klare Haltung dazu verlangt, ob etwas gut oder schlecht ist, zumindest bei Kunst und Kultur. Die Antworten darauf füllten Kommentarspalten und eigene Beiträge, und sie kreisten um zwei Punkte: das Wort selbst und die Frage, was eine klare Haltung eigentlich ausmacht.

Was ein Verriss ist

Schon die Definitionen machen deutlich, warum das Wort so viel Unbehagen auslöst. Die Wikipedia spricht von „destruktive[r] Kritik bzw. Rezension, die nicht selten mit den Mitteln der Ironie oder Polemik formuliert wird“. Beim Deutschen Journalistenkolleg heißt es: „Der Verriss ist eine vernichtende Rezension, die ein künstlerisches Werk oder eine künstlerische Darbietung in jeder Hinsicht als gescheitert beurteilt.“

Destruktiv und vernichtend: Diese beiden Adjektive passen schlecht zu dem, was Kritik eigentlich leisten soll. Wer ein Buch verreißt, will es nach dieser Definition nicht einordnen, sondern zerstören, und nicht selten gleich den Ruf seines Urhebers mit. Viele, die regelmäßig Bücher besprechen, wollen genau das nicht.

Das heißt nicht, dass es keine schlechten Bücher gäbe. Die Debatte bezog sich ausdrücklich auf Literatur, die durch die Hände eines Lektorats gegangen und in einem Publikumsverlag erschienen ist. Über unlektorierte Manuskripte, die Rezensierenden unaufgefordert angeboten werden, muss niemand lange diskutieren.

Das Argument der Leserin

Ein erster Einwand gegen den Verriss kommt aus der Erfahrung mit jungen Leserinnen und Lesern. Wer Kinderbücher nicht nur selbst liest, sondern Kinder mitlesen und bewerten lässt, macht schnell eine ernüchternde Entdeckung. Die Meinungen stimmen oft nicht überein. Kinder lesen dasselbe Buch anders, abhängig von ihrer Familie, ihrem Alltag, ihrer Schulsituation, und sie empfinden das Gelesene anders als die Erwachsenen, die es ihnen gegeben haben.

Die Punkte der Buxtehuder Jury sind dafür ein gutes Beispiel, und sie sind kein Einzelfall. Viele Kinder- und Jugendbuchpreise arbeiten deshalb mit gemischten Jurys oder, wie der Deutsche Jugendliteraturpreis, mit einer eigenen Jugendjury.

Persönliche Vorlieben, Lebensumstände, Bildung und Persönlichkeit prägen jedes Urteil über ein Buch. Daraus folgt eine unbequeme Frage für jede Kritikerin: Mit welchem Recht erklärt sie ein Werk anhand ihrer eigenen Maßstäbe für vollständig gescheitert, wenn andere es womöglich mit guten Gründen ganz anders lesen?

Eine Kritik, die deutlich wird, aber eine Hintertür offenlässt, respektiert diese Möglichkeit. Ein Verriss schließt sie.

Das Argument des Gesprächs

Der zweite Einwand betrifft den Diskurs. Ein vernichtendes Machtwort beendet die Debatte, statt sie zu eröffnen. Wer ein Buch verrissen hat, kann seine Meinung kaum noch revidieren, ohne das Gesicht zu verlieren, denn zu einem Machtwort steht man. Eine abgewogene Kritik dagegen lässt Raum für neue Erkenntnisse, für die Einwände anderer und für die Möglichkeit, sich geirrt zu haben.

Das gilt weit über die Literatur hinaus. In Politik und Gesellschaft ist die Versuchung, unumstößliche Urteile zu fällen, noch größer, und die Folgen sind ernster. Wer sein Leben lang dazulernen will, wird selten zu Einschätzungen kommen, die sich nie mehr ändern müssen, und eine Kritik, die das mitdenkt, verliert dadurch nicht an Gewicht. Sie gewinnt eher an Glaubwürdigkeit, weil sie zeigt, dass ihr Urteil auf Argumenten beruht und nicht auf Autorität.

Klare Haltung ist nicht dasselbe wie Vernichtung

Der Vorwurf des Lavierens ist trotzdem nicht aus der Luft gegriffen. Es gibt eine Form der Kritik, die sich hinter Floskeln versteckt und nie sagt, was sie denkt. Rezensionen, die jedes Buch irgendwie lesenswert finden, helfen niemandem. Die großen Kritiker der Vergangenheit, allen voran Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“, waren gerade wegen ihrer scharfen Urteile berühmt, und viele Leser schätzen genau diese Klarheit.

Die Lösung liegt vermutlich nicht im Entweder-oder. Eine klare Haltung lässt sich formulieren, ohne das Werk zu vernichten: indem die Kritik benennt, was nicht funktioniert, warum es nicht funktioniert und für wen das Buch trotzdem etwas sein könnte. Das ist unbequemer als ein Verriss und unbequemer als ein Lob, aber es ist ehrlicher als beides.

Ein wenig Lavieren sorgt manchmal auch schlicht für einen menschlicheren Umgang.

Die Frage, die der Text von 2017 aufwarf, bleibt deshalb offen. Vielleicht ist die bessere Frage nicht, ob es Verrisse braucht, sondern wie viel Zweifel eine Kritik aushalten darf, bevor sie ihre Aufgabe verfehlt.

Häufige Fragen

Was ist ein Verriss?

Ein Verriss ist eine besonders negative Kritik an einem Buch, Film, Theaterstück oder einer anderen künstlerischen Arbeit. Die deutsche Wikipedia beschreibt ihn als destruktive Kritik, die nicht selten mit Ironie oder Polemik formuliert wird. Das Deutsche Journalistenkolleg definiert ihn als vernichtende Rezension, die ein Werk in jeder Hinsicht als gescheitert beurteilt. Vom einfachen Einwand unterscheidet ihn also die Absolutheit des Urteils.

Was ist der Unterschied zwischen Kritik und Verriss?

Eine Kritik wägt ab: Sie benennt Stärken und Schwächen, begründet ihr Urteil und lässt erkennen, für wen ein Werk geeignet sein könnte, auch wenn die Bewertung insgesamt negativ ausfällt. Ein Verriss dagegen erklärt ein Werk als Ganzes für gescheitert und nutzt dafür oft Zuspitzung, Spott oder Polemik. Beide können klar sein, doch nur die Kritik lässt Raum für Widerspruch und eigene Leseerfahrungen.

Wie schreibt man eine negative Rezension fair?

Hilfreich ist, konkret zu werden: Welche Szene, welche Figur, welche sprachliche Entscheidung überzeugt nicht, und warum? Ein faires Urteil trennt zwischen eigenem Geschmack und handwerklichen Mängeln und benennt, für welche Leserinnen und Leser das Buch trotzdem passen könnte. Spott über die Person des Autors gehört nicht dazu. Wer so schreibt, bleibt deutlich, ohne das Werk vernichten zu wollen.

Warum lesen Kinder Bücher anders als Erwachsene?

Kinder bringen andere Erfahrungen, Fragen und Lesegewohnheiten mit. Was Erwachsene als zu einfach oder zu laut empfinden, kann für ein Kind genau richtig sein, und umgekehrt. Deshalb setzen viele Kinder- und Jugendbuchpreise auf gemischte Jurys oder eigene Jugendjurys, etwa der Buxtehuder Bulle oder der Deutsche Jugendliteraturpreis. Ihre Ergebnisse weichen oft deutlich vom Urteil der Erwachsenen ab.

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