Keine halben Sachen: warum ein Buchmesse-Besuch auch ausfallen darf
„Hallo, was gibt es denn Neues?“ Auf der Frankfurter Buchmesse gehört dieser Satz zu den gängigsten Begrüßungen überhaupt. Für Menschen, die selbstständig im Buchbereich arbeiten, kann er zur Prüfung werden – dann nämlich, wenn die ehrliche Antwort „nichts“ wäre. Im Herbst 2016 entschied sich ein kleines Kinderbuchprojekt aus diesem Grund, die Messe auszulassen.
Ein Projekt zwischen Leidenschaft und Geschäft
Das Projekt war 2002 als Hobby entstanden und 2005 in die Selbstständigkeit gewechselt, ausgelöst durch Kinderbuchausstellungen in Kindertagesstätten. Zum Start gehörten ein Crashkurs Buchhandel am Mediacampus Frankfurt, die Mitgliedschaft im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und eine richtige Warenwirtschaft. Über zehn Jahre liefen Büchertische in Schulen und Kitas, Bestellungen für Lesungen und private Aufträge über das Barsortiment.
Das verflixte siebte Jahr
Die Vorstellung, dass sich Menschen alle sieben Jahre verändern, ist Volksweisheit, keine Wissenschaft. Doch sie passte: 2009, nach sieben Jahren, kam das erste Tief, und die Buchmesse in jenem Herbst fiel schon einmal aus. Kurz darauf veränderten Twitter und später Facebook die Arbeit grundlegend. Es entstanden neue Kontakte, neue Veranstaltungsideen und viele Gespräche mit Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilten: das Lesen.
2015: ein schwieriges Jahr
Sieben Jahre später folgte die nächste Krise. Die Umsätze bei den Kita-Buchausstellungen hatten sich gegenüber fünf Jahren zuvor halbiert. Online holten sich viele Leser zwar gern Buchtipps, bestellten dann aber beim großen Versandhändler statt bei der kleinen Buchhandlung vor Ort, mit der das Projekt inzwischen zusammenarbeitete.
Dazu kam ein rauerer Ton im Netz. Feuilletonisten angesehener Zeitungen gingen die Buchbesprechungen im Netz hart an, unter den Rezensentinnen und Rezensenten im Netz selbst wuchs der Streit, und ein zugespitzter Rant bekam oft mehr Zustimmung als ein sorgfältig recherchierter Beitrag.
Eine weitere Beobachtung teilen viele im Kinder- und Jugendbuch: Leidenschaft wird leicht ausgenutzt, weil es ja um Kinder und das Kulturgut Buch geht. Immerhin war 2016 bei vielen Publikumsverlagen ein Umdenken zu spüren, gute Arbeit wurde wieder gesehen und honoriert.
Die 80-zu-20-Regel als Kompass
Was also tun?
Als Orientierung diente das Pareto-Prinzip, genauer die Deutung des Harvard-Dozenten Michael Gartner, wie sie das Karriereportal Karrierebibel beschreibt: Oft sind es nur 20 Prozent Arbeitsmüll – unnötige Meetings, Chaos, Zeitfresser –, die einem 80 Prozent der Freude rauben. Die Konsequenz: genau hinsehen, was die Leidenschaft bremst, und es streichen.
Der Verzicht auf die Buchmesse 2016 war Teil dieses Plans. Das Ziel für das Jahr darauf formulierte sich fast von selbst: auf die Frage nach dem Neuen eine Antwort zu haben, die länger dauert als ein Händedruck.
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