Alles könnte anders sein von Harald Welzer: Inhalt und Kritik
„Sofortismus“ steht auf Seite 41, eingebettet in einen langen Satz über die „unverzögerte Bedürfnisbefriedigung“ in Zeiten des Hyperkonsums. Das Wort gibt es im Duden nicht. Harald Welzer hat es für sein Buch „Alles könnte anders sein“ geprägt, und es ist nicht das einzige. Für viele Leserinnen und Leser wird genau diese Sprache zum Problem eines Buches, das eigentlich Mut machen will.
Worum es geht
„Alles könnte anders sein“ erschien 2019 bei Fischer und versteht sich als Gesellschaftsutopie. Welzer, Soziologe und Direktor der Stiftung Futurzwei, setzt bei einer verbreiteten Stimmung an: Kaum jemand glaubt noch, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen wird. Muss das so sein? Welzer sagt nein. Statt zu kritisieren oder zu klagen, entwirft er in Szenarien, wie eine gute Zukunft aussehen könnte, in den Bereichen Arbeit, Mobilität, Digitalisierung, Leben in der Stadt, Wirtschaften und Umgang mit Migration.
Sein zentraler Gedanke ist eingängig. Die oft beschworene „Alternativlosigkeit“ sei in Wahrheit nur Phantasielosigkeit. Vieles, worauf sich aufbauen ließe, sei bereits erreicht, nur in Vergessenheit geraten oder von anderen Prioritäten verdrängt. Man brauche eine Vorstellung davon, wie es sein sollte, und müsse es dann machen.
Beim Verlag: Fischer
Die Erwartungen
Wer Welzers früheres Buch „Wir sind die Mehrheit“ aus dem Jahr 2017 kennt, geht mit hohen Erwartungen an den neuen Band. Jenes Buch war zugänglich geschrieben und ließ sich angenehm lesen. Auch der Klappentext von „Alles könnte anders sein“ klingt vielversprechend und scheint gut zu anderen optimistischen Sachbüchern der Zeit zu passen, etwa zu Rutger Bregmans „Im Grunde gut“, das 2020 auf Deutsch erschien und die These vertritt, dass Menschen im Kern kooperativ und freundlich sind.
Von einer Utopie, die zum Mitmachen einlädt, darf man erwarten, dass sie möglichst viele Menschen erreicht. Ein solches Buch soll überzeugen, begeistern und einen ersten Wegweiser an die Hand geben.
Bregman zeigt, wie das gelingen kann. Er erzählt Geschichten: von Jugendlichen aus Tonga, die in den 1960er-Jahren über ein Jahr lang friedlich auf einer unbewohnten Insel überlebten, als Gegenbild zu William Goldings „Herr der Fliegen“, oder von den Zweifeln am berühmten Stanford-Prison-Experiment. Seine Thesen mögen umstritten sein, aber sie bleiben im Gedächtnis, weil sie an Menschen und Orten festgemacht sind.
Die Sprache als Hürde
Hier liegt der wichtigste Kritikpunkt. Welzers Text ist über weite Strecken sehr abstrakt und mit Wortneuschöpfungen und bildungssprachlichem Vokabular durchsetzt. Ein Beispiel aus dem Buch: „Inzwischen ist dieser Sound verklungen, und die Gegenwart hat sich nach vorn gedrängt – in einer Verschränkung von auf den ersten Blick sehr disparaten Gründen: Zum einen wurden in Zeiten des Hyperkonsums künftige individuelle und gesellschaftliche Ziele durch einen Sofortismus der unverzögerten Bedürfnisbefriedigung ersetzt …“ (S. 41).
Wortschöpfungen sind nicht grundsätzlich schlecht. Manchmal beschreibt ein neues Wort einen Zustand treffender als jede Umschreibung, und viele Autorinnen und Autoren greifen aus demselben Grund zu englischen Ausdrücken. Wenn solche Kreationen wie „Sofortismus“ oder „Zukünftigkeit“ aber gehäuft auftreten und mit weiteren Fachwörtern kombiniert werden, stellt sich die Frage, ob das Buch sich bewusst an einen kleinen, akademisch geschulten Kreis richtet oder ob Autor, Lektorat und Verlag sprachlich schlicht über das Ziel hinausgeschossen sind.
Selbst geübte Leser, die sich durch anspruchsvolle Texte beißen, können nach hundert Seiten feststellen, dass erstaunlich wenig hängen geblieben ist. Das ist bei einem Buch mit diesem Anspruch mehr als ein Schönheitsfehler.
Weglegen erlaubt
Der französische Schriftsteller Daniel Pennac hat in seinem Essay „Wie ein Roman“ zehn unantastbare Rechte des Lesers formuliert. Das dritte davon ist das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Für Romane mag man einwenden, dass eine Geschichte nach schwachem Beginn noch in Fahrt kommen kann und dass eine Kritik ohne das Ende unvollständig bleibt. Bei einem Sachbuch sieht es anders aus: Wer nach hundert Seiten den Argumenten nicht mehr folgen mag, darf das sagen, solange klar ist, worauf sich das Urteil stützt.
Eine praktische Konsequenz lässt sich daraus ziehen. Viele Verlage bieten auf ihren Websites Leseproben an, und bei Sachbüchern lohnt sich der Blick hinein ganz besonders, gerade wenn man den Autor von einem früheren, zugänglicheren Werk kennt. Stil kann sich von Buch zu Buch stark unterscheiden.
Für wen sich das Buch eignet
„Alles könnte anders sein“ ist ein Buch für Leserinnen und Leser, die akademische Sprache gewohnt sind und Freude an Denkexperimenten haben. Wer sich beruflich oder im Studium mit Soziologie, Nachhaltigkeit oder Zukunftsforschung beschäftigt, findet darin anregende Szenarien und einen Autor, der den Mut hat, positiv zu denken. Wer dagegen einen leicht lesbaren Einstieg in die Frage sucht, wie Gesellschaft anders funktionieren könnte, ist mit „Wir sind die Mehrheit“ oder mit Bregmans „Im Grunde gut“ vermutlich besser beraten.
Die große Kunst bei einem solchen Thema besteht darin, kluge und wissenschaftlich fundierte Ideen in klarer, prägnanter Sprache einem großen Publikum zugänglich zu machen. Welzers Anliegen hätte diese Sprache verdient.
Ob „Sofortismus“ es irgendwann doch in den Duden schafft, bleibt abzuwarten; Wörter wie „entschleunigen“ haben den Weg dorthin schließlich auch gefunden.
Häufige Fragen
Worum geht es in „Alles könnte anders sein“ von Harald Welzer?
Harald Welzer entwirft in „Alles könnte anders sein“, erschienen 2019 bei Fischer, eine positive Utopie für die Gesellschaft. In Szenarien zu Arbeit, Mobilität, Digitalisierung, Leben in der Stadt, Wirtschaften und Migration beschreibt er, wie eine lebenswerte Zukunft aussehen könnte. Seine These: Die viel beschworene Alternativlosigkeit sei in Wahrheit Phantasielosigkeit. Es komme darauf an, eine Vorstellung davon zu haben, wie es sein sollte, und dann danach zu handeln.
Wer ist Harald Welzer?
Harald Welzer ist ein deutscher Soziologe und Sozialpsychologe. Er ist Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung Futurzwei, die sich mit zukunftsfähigen Lebensstilen beschäftigt, und hat zahlreiche Sachbücher veröffentlicht, darunter „Wir sind die Mehrheit“ (2017). In seinen Büchern und öffentlichen Auftritten setzt er sich mit Fragen der Nachhaltigkeit, der Demokratie und des gesellschaftlichen Wandels auseinander und plädiert für mehr gestalterischen Mut.
Worum geht es in „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman?
Der niederländische Historiker Rutger Bregman vertritt in „Im Grunde gut“ die These, dass Menschen im Kern kooperativ und freundlich sind, und stellt bekannte Belege für das Gegenteil infrage, etwa das Stanford-Prison-Experiment. Als Gegenbild zu „Herr der Fliegen“ erzählt er die wahre Geschichte von Jugendlichen aus Tonga, die in den 1960er-Jahren über ein Jahr lang friedlich auf einer unbewohnten Insel überlebten. Das Buch erschien auf Deutsch 2020 bei Rowohlt.
Darf man ein Buch rezensieren, das man nicht zu Ende gelesen hat?
Bei Romanen gilt das als problematisch, weil manche Geschichte erst spät in Fahrt kommt oder am Ende enttäuscht. Bei Sachbüchern und Ratgebern ist es eher vertretbar, sofern offen gesagt wird, wie viel gelesen wurde und worauf sich die Kritik bezieht. Der französische Autor Daniel Pennac hat in „Wie ein Roman“ zudem das Recht des Lesers formuliert, ein Buch nicht zu Ende zu lesen. Transparenz ist in beiden Fällen das Entscheidende.
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