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Alles könnte anders sein: Eine Kritik

In Daniel Pennacs Werk „Wie ein Roman“ plädiert der Autor für die unantastbaren Rechte des Lesers. Vom 3. Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen, mache ich nun Gebrauch und beende Harald Welzers „Alles könnte anders sein“ nach nur 100 gelesenen Seiten.

Nur fertig gelesene Bücher dürfen rezensiert werden

Dies wiederum ist eine der Regeln, die ich mir und meiner Nachwuchsredaktion, den Bücherkindern, auferlegt habe. Für den erzählenden Roman gilt sie in meinen Augen auch unbedingt, denn so manche Geschichte kommt nach einem schwachen Start noch richtig in Fahrt, manch anderes Buch wiederum enttäuscht auf den letzten Seiten.

Aber gilt die Regel auch für Ratgeber? Vielleicht. Dennoch möchte ich meine Meinung zu den ersten 100 Seiten niederschreiben und meine Kritik am Buch erklären.

Alles könnte anders sein

Alles könnte anders sein
von Harald Welzer
Fischer TB 2019

Heute glaubt niemand mehr, dass es unseren Kindern mal besser gehen wird. Muss das so sein? Muss es nicht! Der Soziologe und erprobte Zukunftsarchitekt Harald Welzer entwirft uns eine gute, eine mögliche Zukunft. Anstatt nur zu kritisieren oder zu lamentieren, macht er sich Gedanken, wie eine gute Zukunft aussehen könnte: In realistischen Szenarien skizziert er konkrete Zukunftsbilder u.a. in den Bereichen Arbeit, Mobilität, Digitalisierung, Leben in der Stadt, Wirtschaften, Umgang mit Migration usw.
Erfrischend und Mut machend zeigt Welzer: Die vielbeschworene »Alternativlosigkeit« ist in Wahrheit nur Phantasielosigkeit. Wir haben auch schon viel erreicht, auf das man aufbauen kann. Es ist nur vergessen worden beziehungsweise von andere Prioritäten verdrängt. Es kann tatsächlich alles anders sein. Man braucht nur eine Vorstellung davon, wie es sein sollte. Und man muss es machen. Die Belohnung: eine lebenswerte Zukunft, auf die wir uns freuen können.

Eigentlich mache ich – soweit vorhanden – von der Möglichkeit Gebrauch, vorab ein paar Seiten eines Buches zu lesen, bevor ich es kaufe. Viele Verlage bieten das Hineinblättern in ihre Titel beispielsweise auf der Verlagswebseite an. Bei „Alles könnte anders sein“ habe ich mir das jedoch erspart, denn bereits Welzers kleines Werk „Wir sind die Mehrheit“, das 2017 erschien, ließ sich angenehm lesen und hatte mir gut gefallen.

Ein Fehler, wie sich herausstellte. Jedenfalls für mich. Dabei klang der Klappentext so vielversprechend und nach einem Werk, das sich nahtlos in meine Lesereihe der vergangenen Titel („Im Grunde gut“, „Unfog your mind“) einfügen lassen sollte. Ebendieser Klappentext beschreibt den Autor als Vordenker als Zukunftsarchitekt, in seiner Vita erfahre ich, dass er zudem Direktor der Stiftung „Futurzwei“ ist. Meine Erwartungen sind deshalb hoch, dass hier jemand eine Zukunft beschreibt, die – wie im Titel genannt – nicht nur anders, sondern auch machbar ist. Und wenn man solch eine Gesellschaftsutopie entwirft, dann sollte man doch meinen, dass es im Interesse des Autors liegt, nicht nur viele Bücher zu verkaufen, sondern ebenso viele Menschen dafür zu begeistern, mutig mitzumachen und ihnen mit diesem Werk einen ersten Wegweiser an die Hand zu geben. Oder?

Nach 100 Seiten habe ich nur wenig Klebezettel genutzt und diese hauptsächlich für meinen größten Kritikpunkt, Welzers Sprache. Ich bin sicherlich keine ungeübte Leserin und beiße mich durch manchen Text durch, aber wenn nach 100 Seiten aufgrund völlig abgehobener und verschwurbelter Sprache nichts haften bleibt, dann geht dieses Werk – in meinen Augen – einfach an sehr vielen Lesern vorbei. Ein Beispiel:

Inzwischen ist dieser Sound verklungen, und die Gegenwart hat sich nach vorn gedrängt – in einer Verschränkung von auf den ersten Blick sehr disparaten Gründen: Zum einen wurden in Zeiten des Hyperkonsums künftige individuelle und gesellschaftliche Ziele durch einen Sofortismus der unverzögerten Bedürfnisbefriedigung ersetzt …
Seite 41

Sowohl das Wort Sofortismus als auch die später genutzte Zukünftigkeit gibt es laut Duden nicht. Im Grunde habe ich nichts gegen einfallsreiche Wortkreationen, auch ich nutze hin und wieder beispielsweise englische Ausdrücke, weil sie einen Zustand passender beschreiben als ihre deutsche Übersetzung. Wenn aber solche Wortkreationen zuhauf auftreten und diese mit weiteren Wörtern kombiniert werden, die der Duden als bildungssprachliches Vokabular betitelt, dann stellt sich mir die Frage, ob sich dieses Buch bewusst nur einem besonders elitären Kreis erschließen soll oder sich Verlag, Lektorat und Autor sprachlich „vergallopiert“ haben.

Es ist eine Sache, kluge und zukunftsweisende Ideen zu entwerfen, diese wissenschaftlich zu untermauern und per Medium Buch vielen zur Verfügung zu stellen. Die große Kunst allerdings besteht in meinen Augen darin, diese Erkenntnisse in einfacher, kurzweiliger, prägnanter Sprache einem großen Publikum zugänglich zu machen. Mein Eindruck nach 100 gelesenen Seiten ist, dass „Alles könnte anders sein“ dazu leider nicht gehört.

 

2 Kommentare

  1. Ich habe das Buch noch auf meinem Lesestapel liegen
    Mir ging es wie Dir. Ich musste immer wieder von vorne anfangen, weil ich nach dem Umblättern nicht mehr wußte, was ich eigentlich gelesen hatte.

    Liebe Grüße
    Suse

  2. Jasmin sagt

    Ich habe das Buch jetzt beendet. Als ich noch im zweiten Teil feststeckte, ging es mir (wie du ja weißt) wie dir. Ich frage mich, warum man so für alle Menschen relevante Dinge so kompliziert erklären muss. Ich wollte aber weiterlesen, weil ich mir für den dritten Teil erhofft hatte, Anregungen für eine neue/bessere/alternative Gesellschaft(Utopie) zu erhalten. Vielleicht lag es daran, dass ich unbedingt den dritten Teil des Buches lesen wollte, aber dieser erschien mir deutlich leichter. Es war noch immer nicht einfach den Gedanken zu folgen, aber nicht so verkompliziert wie im zweiten Teil (den ersten fand ich auch ok). Und ich finde, das Durchhalten hat sich gelohnt. Also wenn du magst, lies doch einfach nur den dritten Teil (das dürfte auch ohne Zusammenhang funktionieren, den kann man zum zweiten Teil ohnehin kaum herstellen, wenn man ihn nicht mehrfach gelesen hat 😉 ), ich berichte aber auch gerne davon… Um die Leselust vielleicht nochmal zu entfachen, es geht um Grundeinkommen, Commons und andere durchaus interessante und denkenswerte Konzepte.

    Liebe Grüße,
    Jasmin

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