Filterblasen und Paralleluniversen: wie Algorithmen den Alltag formen
Am 22. Januar 2017, zwei Tage nach der Amtseinführung eines neuen US-Präsidenten, verteidigte dessen Beraterin Kellyanne Conway im Fernsehen falsche Angaben zur Zuschauerzahl mit dem Ausdruck „alternative Fakten“. Die Formulierung ging um die Welt. Für viele Menschen markierte sie den Moment, an dem die Frage, in welcher Wirklichkeit man eigentlich lebt, nicht mehr akademisch klang.
Was eine Filterblase ist
Den Begriff prägte der amerikanische Internetaktivist Eli Pariser 2011 in seinem Buch „The Filter Bubble“. Sein Befund: Suchmaschinen und soziale Netzwerke sortieren Inhalte nach dem, was jemand bereits angeklickt, geteilt oder gelikt hat. Wer häufig Artikel einer bestimmten Richtung liest, bekommt mehr davon. Was widerspricht, rutscht nach unten oder verschwindet ganz. Der Algorithmus will niemanden täuschen, er will Aufmerksamkeit halten, und bestätigte Meinungen halten Aufmerksamkeit besonders gut.
Das Ergebnis fühlt sich nicht wie eine Blase an. Es fühlt sich an wie die Welt.
Filterblasen gab es schon vor dem Internet
So neu, wie die Debatte klingt, ist das Phänomen allerdings nicht. Auch jenseits des Netzes umgeben sich Menschen gern mit Leuten aus ähnlichen gesellschaftlichen Kreisen, mit ähnlichen Berufen, Wohnvierteln und Ansichten. Im Kollegium, im Sportverein, am Küchentisch der Freunde fühlt man sich verstanden und bekommt Zustimmung für das eigene Denken. Das ist angenehm und menschlich, und es ist genau die Mechanik, die ein Algorithmus nur beschleunigt.
Soziologen sprechen in diesem Zusammenhang von Homophilie, der Neigung, Ähnliches zu suchen. Neu ist im digitalen Raum vor allem die Geschwindigkeit und die Unsichtbarkeit der Auswahl. Bei der abonnierten Tageszeitung wusste man immerhin, welches Blatt im Briefkasten lag. Im Feed weiß man nicht, was fehlt.
Paralleluniversen: vom physikalischen Begriff zum Alltagsbild
Das Wort Paralleluniversum stammt aus der Physik. Die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik, 1957 von Hugh Everett formuliert, geht davon aus, dass sich bei jeder quantenmechanischen Messung die Wirklichkeit in mehrere Zweige aufspaltet, die nebeneinander existieren, ohne einander zu berühren. Science-Fiction hat daraus unzählige Geschichten gemacht, in denen Figuren durch Türen in Welten treten, die fast genauso aussehen wie die eigene.
Als Bild für das gesellschaftliche Klima nach 2016 passt der Begriff erstaunlich gut. Zwei Nachbarn lesen am selben Morgen dieselbe Schlagzeile und leben doch in getrennten Deutungswelten. Beide halten die jeweils andere für realitätsfern. Beide haben Belege, und keiner sieht die des anderen.
Wenn die Nachrichtenflut erschöpft
Eine andere Seite der Debatte bekommt weniger Aufmerksamkeit: die Erschöpfung derer, die versuchen, alles zu verfolgen. Wer Anfang 2017 möglichst viele Artikel verschiedener Zeitungen las, um sich ein eigenes, möglichst objektives Bild zu machen, stieß schnell an Grenzen. Das Tempo der Berichterstattung war hoch, die Nachrichten oft beunruhigend, und die Zuversicht, die man für politisches Engagement braucht, nutzte sich ab.
Ein naheliegender Schritt ist die bewusste Pause. Man klickt eine Weile keine Nachrichtenartikel mehr an, und der Algorithmus des sozialen Netzwerks zieht nach wenigen Wochen seine eigenen Schlüsse: Diese Inhalte sind offenbar nicht mehr relevant. Auf Twitter wechseln manche in einen zweiten Account, in dem sie nur Kulturkonten, Buchmenschen oder Leuten folgen, die ihre politische Meinung allenfalls gelegentlich einstreuen. Mit der neuen Auswahl ändert sich der Ton des Feeds, und mit ihm die Stimmung beim Lesen.
Hier liegt das Paradox. Die Flucht aus der erschöpfenden Informationsflut führt geradewegs in eine neue, selbst gewählte Filterblase.
Wegschauen oder Kräfte sammeln?
Der naheliegende Vorwurf lautet, wer so handle, verschließe die Augen vor der Wirklichkeit. Ganz so einfach ist es nicht. Eine Nachrichtenpause verändert zunächst nur die Frequenz, nicht die Haltung. Nicht selten kehrt nach zwei oder drei Wochen die Lust zurück, zu lesen, zu kommentieren und sich auch wieder zu empören, allerdings mit mehr Bedacht als vorher.
Sinnvoll ist dabei eine Unterscheidung, die älter ist als jedes soziale Netzwerk. Das sogenannte Gelassenheitsgebet, das meist dem amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr zugeschrieben wird, bringt sie auf eine Formel: Es bittet um die Gelassenheit, hinzunehmen, was sich nicht ändern lässt, um den Mut, zu ändern, was sich ändern lässt, und um die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. In vielen Büros und Küchen hing der Spruch jahrzehntelang an der Wand, lange bevor jemand von Algorithmen sprach.
Übertragen heißt das: Kraft eher in die kleinen Schrauben der unmittelbaren Umgebung stecken, in Nachbarschaft, Schule, Verein oder Ehrenamt, und sich von Ereignissen, deren Ausgang man nicht beeinflussen kann, nicht vollständig aufzehren lassen.
Kleine Werkzeuge gegen die Blase
Wer die eigene Blase ein Stück öffnen will, ohne sich zu überfordern, kann mit wenig anfangen. Eine Tageszeitung als Ganzes zu lesen, ob gedruckt oder als App, zeigt auch die Artikel, die kein Algorithmus ausgewählt hätte. Ein bewusst abonniertes Medium, das die eigene Meinung nicht teilt, sorgt für Reibung. Und ein Gespräch mit jemandem aus einem ganz anderen Milieu, im Zug, am Spielfeldrand, bei der Elternversammlung, relativiert manchen Eindruck aus dem Netz schneller als jede Debatte in den Kommentarspalten.
Ob man damit die Filterblase tatsächlich verlässt oder nur ihre Wände etwas dünner macht, lässt sich schwer sagen. Vielleicht ist schon viel gewonnen, wenn Sie beim nächsten Blick in den Feed kurz überlegen, was dort gerade nicht zu sehen ist.
Häufige Fragen
Was ist eine Filterblase?
Der Begriff geht auf den US-Autor Eli Pariser zurück, der ihn 2011 in seinem Buch „The Filter Bubble“ prägte. Gemeint ist, dass Suchmaschinen und soziale Netzwerke Inhalte nach dem bisherigen Verhalten der Nutzer auswählen. Wer bestimmte Artikel liked oder anklickt, bekommt mehr davon zu sehen, abweichende Sichtweisen werden seltener angezeigt. So entsteht eine persönliche Informationswelt, die sich selbst bestätigt.
Was hat die Filterblase mit Paralleluniversen zu tun?
In der Physik bezeichnen Paralleluniversen hypothetische Welten, die neben der bekannten existieren, etwa in der Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik. Im Alltag wird das Wort als Bild für Gruppen verwendet, die dieselben Ereignisse völlig unterschiedlich wahrnehmen. Zwei Menschen können am selben Tag dieselbe Nachricht lesen und doch in getrennten Deutungswelten leben, weil ihre Feeds und ihr Umfeld kaum Berührungspunkte haben.
Wie kann man seine Filterblase verlassen?
Hilfreich ist es, bewusst Quellen zu abonnieren, die nicht der eigenen Meinung entsprechen, Nachrichten direkt auf den Websites von Zeitungen statt nur im Feed zu lesen und Empfehlungsfunktionen gelegentlich abzuschalten. Offline zählt dasselbe: Gespräche mit Menschen aus anderen Milieus, Vereinen oder Berufen erweitern den Blick oft mehr als jede App.
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