interju Solingen: internationale Jugendbegegnung und Flüchtlingshilfe
Eine Disco mit Kleiderstangen statt Tanzfläche: So sah im August 2015 ein Raum im Stadtteilzentrum der interju in Solingen-Ohligs aus. Wo sonst Jugendliche feierten, stapelten sich Tüten mit Hosen, Jacken und Kinderschuhen. Die Stadt Solingen erwartete in jenen Tagen weitere 300 Geflüchtete, und viele Menschen im Stadtteil wollten helfen, bevor die offiziellen Strukturen überhaupt so weit waren, Ehrenamtliche einzusetzen.
Die interju war dafür kein zufälliger Ort. Der Verein zur Förderung der internationalen Jugendbegegnung hat sein Haus an der Nippesstraße 2, schräg gegenüber dem Solinger Hauptbahnhof, mitten im Zentrum von Ohligs. Wer mit dem Zug ankommt, sieht das Gebäude fast als Erstes.
Ein Verein, der aus einem Anschlag entstand
Solingen trägt seit 1993 eine schwere Erinnerung. Im Mai jenes Jahres setzten junge Männer aus rassistischen Motiven das Haus der Familie Genç in Brand, fünf Menschen starben. Zwei Jahre später wurde die interju gegründet, ausdrücklich als „lebendiges Mahnmal“. Statt einer Gedenktafel sollte ein Haus entstehen, in dem sich Kinder und Jugendliche unterschiedlicher nationaler, religiöser und kultureller Herkunft regelmäßig begegnen, zusammen lernen, basteln, Hausaufgaben machen und Zeit verbringen.
Im Jahr 2015 feierte der Verein sein zwanzigjähriges Bestehen. Die Bezeichnung „Internationale Begegnungsstätte“ war zu diesem Zeitpunkt längst mehr als ein Etikett: Das Haus hatte ein Café, Räume für Kreativangebote und für die Hausaufgabenbetreuung, dazu den Discoraum, der für Jugendliche ein wichtiger Treffpunkt war. Geleitet wurde die Einrichtung damals von Martine Rossi.
Sommer 2015: Wenn Spenden schneller kommen als Helfer
Die Monate zwischen Sommer und Winter 2015 stellten viele Städte vor dieselbe Aufgabe. Geflüchtete kamen in großer Zahl an, Notunterkünfte wurden eingerichtet, und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung war enorm. In Solingen wurden Schulungen für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit angeboten, doch zwischen Schulung und tatsächlichem Einsatz lagen oft Wochen. Wer helfen wollte, stand nicht selten mit Zertifikat, aber ohne Aufgabe da.
Die interju reagierte pragmatisch. Weil so viele Sachspenden eintrafen, wurde die Disco kurzerhand zur Kleidersammelstelle. Das klingt nach einer einfachen Lösung, bedeutete aber viel Arbeit: Kleidung musste angenommen, gesichtet, nach Größen und Jahreszeit sortiert und schließlich an die richtigen Menschen weitergegeben werden. Das fest angestellte Team konnte diese Menge neben dem regulären Betrieb nicht bewältigen. Genau hier lag die Lücke, die Freiwillige aus dem Stadtteil schließen konnten.
Was pragmatische Hilfe im Stadtteil ausmacht
Große Hilfsorganisationen sind wichtig, doch in der Anfangszeit zeigte sich, dass kleine, gut vernetzte Einrichtungen oft schneller handeln. Sie kennen die Nachbarschaft, haben Räume, Schlüssel und Telefonlisten, und sie wissen, welche Familien gerade Unterstützung brauchen. Wer dort mitarbeitete, musste keine langen Wege gehen und sah unmittelbar, wofür die eigene Zeit verwendet wurde.
Typische Aufgaben waren unspektakulär. Kisten schleppen, Spenden sortieren, Ausgabezeiten betreuen, Kinder bei den Hausaufgaben begleiten, Formulare gemeinsam ausfüllen. Für Menschen, die gerade erst angekommen waren, wurde außerdem die deutsche Sprache schnell zur wichtigsten Hürde. Einfache Gesprächsrunden, Vokabelhilfe beim Einkaufen oder das gemeinsame Lesen eines Kinderbuchs halfen oft mehr als jede weitere Tüte Kleidung.
Ehrlich gesagt: Nicht jede Spende war hilfreich. Abgetragene Sommerkleider im Spätherbst oder kaputtes Spielzeug kosteten die Helfer Zeit, weil sie aussortiert und entsorgt werden mussten. Einrichtungen wie die interju veröffentlichten deshalb Listen mit dem, was gerade tatsächlich gebraucht wurde. Wer vorher nachfragte, half doppelt.
Die Verbindung zur Jugendarbeit
Für eine Begegnungsstätte war die neue Aufgabe keine Abkehr vom eigentlichen Auftrag, sondern eine logische Fortsetzung. Unter den Geflüchteten waren viele Kinder und Jugendliche, die einen Ort brauchten, an dem sie einfach Kind sein konnten: spielen, malen, Gleichaltrige treffen. Die Räume für Basteln und Hausaufgaben, die es ohnehin gab, bekamen damit neue Gäste. Die Idee von 1995, junge Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenzubringen, erhielt zwanzig Jahre später eine sehr konkrete Gestalt.
Für die Ehrenamtlichen bedeutete das auch, dass Geduld und Verlässlichkeit wichtiger waren als Fachwissen. Wer jede Woche zur gleichen Zeit kam, wurde zur vertrauten Person. Gerade Kinder, die eine Flucht hinter sich hatten, profitierten von solchen festen Bezugspunkten.
Beim Deutschlernen zeigte sich derselbe Effekt. Kinder schnappten beim Basteln, bei den Hausaufgaben oder am Cafétisch Wörter auf, die in keinem Lehrbuch am Anfang stehen, und brachten sie abends ihren Eltern mit nach Hause. Für Erwachsene war die Schwelle höher, doch auch hier half ein Ort, an dem man ohne Termin und ohne Formular vorbeikommen konnte. Ein Haus, das zwanzig Jahre lang auf Begegnung ausgelegt war, bot dafür bessere Voraussetzungen als jede eilig eingerichtete Turnhalle.
Kontakt und Informationen
Aktuelle Angebote, Öffnungszeiten und Möglichkeiten zur Mitarbeit veröffentlicht der Verein auf seiner Seite interju.de. Die Zahl von 300 erwarteten Geflüchteten im August 2015 stammte aus einer Mitteilung der Stadt Solingen aus jenen Tagen. Wer sich heute engagieren möchte, sollte vorab anrufen oder schreiben, denn der Bedarf von 2015 lässt sich nicht auf heute übertragen.
Eine Frage blieb in Ohligs damals offen und stellt sich bei jeder Welle der Hilfsbereitschaft neu: Wie viele der Menschen, die im Sommer spontan Kleidung sortierten, waren im Frühjahr darauf noch dabei, als es nicht mehr um Spenden ging, sondern um Sprachkurse, Wohnungssuche und den langen Alltag danach?
Häufige Fragen
Was ist die interju in Solingen?
Die interju ist ein Verein zur Förderung der internationalen Jugendbegegnung mit Sitz im Stadtteil Ohligs, an der Nippesstraße 2, schräg gegenüber dem Solinger Hauptbahnhof. Gegründet wurde er zwei Jahre nach dem Brandanschlag von 1993 als lebendiges Mahnmal: ein Ort, an dem sich Kinder und Jugendliche unterschiedlicher nationaler, religiöser und kultureller Herkunft begegnen. 2015 feierte der Verein sein zwanzigjähriges Bestehen.
Welche Angebote gab es im Haus der interju?
Zum Stadtteilzentrum gehörten 2015 ein Café, Räume zum Basteln und für die Hausaufgabenbetreuung sowie ein Discoraum. Im Sommer 2015 wurde die Disco zur Kleidersammelstelle umfunktioniert, weil die Spendenbereitschaft für ankommende Geflüchtete groß war. Welche Angebote heute bestehen, lässt sich am zuverlässigsten direkt beim Verein erfragen, da sich Programme über die Jahre verändern.
Wie kann man in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich mithelfen, ohne auf eine offizielle Vermittlung zu warten?
Ein pragmatischer Weg führt über Einrichtungen im eigenen Stadtteil, die ohnehin mit Kindern, Jugendlichen und Familien arbeiten. Dort fällt Arbeit an, die ein kleines festes Team kaum allein schafft: Spenden annehmen und sortieren, Kleidung ausgeben, bei Hausaufgaben helfen oder beim Deutschlernen unterstützen. Ein persönliches Gespräch vor Ort klärt schnell, welche Hilfe gerade gebraucht wird und welche nicht.
Warum gilt die interju als Mahnmal?
Im Mai 1993 starben bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag auf das Haus einer türkischen Familie in Solingen fünf Menschen. Die interju entstand zwei Jahre danach mit dem Anspruch, nicht an einem Denkmal zu erinnern, sondern im Alltag etwas entgegenzusetzen: regelmäßige Begegnung junger Menschen verschiedener Herkunft. Darum wird sie als lebendiges Mahnmal bezeichnet.
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