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Flüchtlingshilfe in Solingen: wie das Ehrenamt im Sommer 2015 anlief

Zwanzig Plätze, vier Stunden, ein Samstag in der Stadtbibliothek: So sah im Sommer 2015 der Einstieg für Menschen aus, die sich in Solingen ehrenamtlich für Geflüchtete engagieren wollten. Die Einführungsschulung war schnell ausgebucht, und wer einen Platz bekam, ging mit Adressen, Ansprechpartnern und einer ersten Vorstellung davon nach Hause, was Hilfe vor Ort bedeuten kann. Viele praktische Fragen blieben trotzdem offen – wohin mit gespendeter Kleidung, wer ein freies Zimmer vermittelt, welche Unterstützung gerade am dringendsten fehlt.

Wer die Hilfe koordinieren sollte

Hinter der Schulung stand eine Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe, die drei Wohlfahrtsverbände gemeinsam mit der Stadt ins Leben gerufen hatten: die AWO Arbeit & Qualifizierung gGmbH Solingen, der Caritasverband Solingen/Wuppertal e.V. und das Diakonische Werk Solingen. Ihr Auftrag klang übersichtlich. Die Stelle sollte erfassen, welche Initiativen und Einzelpersonen bereits aktiv waren, und neue Freiwillige gewinnen, damit die Neuankömmlinge angemessen betreut würden. Auf der Internetseite der Stadt lief das Angebot unter dem Motto „Solinger helfen!“.

Der Plan war richtig, nur die personelle Ausstattung passte von Anfang an nicht dazu.

Den beiden Mitarbeiterinnen der Verbände standen für die gesamte Flüchtlingsarbeit anfangs gerade einmal 30 Stunden im Monat zur Verfügung – nicht pro Woche, sondern pro Monat. Wer in diesen Wochen per Mail oder Telefon nach einem Einsatzort fragte, landete zwangsläufig in einem Stapel, der schneller wuchs, als er abgearbeitet werden konnte. Das lag nicht am Einsatz der Beschäftigten, die als freundlich, kompetent und rührig galten und manche Anfrage offenbar auch außerhalb ihrer Arbeitszeit beantworteten. Es lag an einer Rechnung, die angesichts der steigenden Zahl ankommender Menschen nicht aufgehen konnte.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Das eigentliche Risiko einer unterbesetzten Koordination ist kein Chaos an einem einzelnen Tag, sondern ein schleichender Verlust. Freiwillige, die zwei- oder dreimal nachfragen und keine Antwort bekommen, ziehen daraus den naheliegenden Schluss, dass sie nicht gebraucht werden. Ein Teil gibt auf. Ein anderer Teil gründet eigene kleine Projekte, die gut gemeint sind, sich aber mit bestehenden Angeboten überschneiden oder im ungünstigsten Fall gegenseitig im Weg stehen. Hartnäckigkeit ist im Ehrenamt eine seltene Tugend, und niemand ist verpflichtet, sie aufzubringen – schließlich geht es um unbezahlte Zeit.

Aus dieser Erfahrung heraus richteten Engagierte im Sommer 2015 einen deutlichen Appell an Stadt und Verbände, die Koordinierungsstelle personell aufzustocken. Die Vorstellung einer funktionierenden Stelle war dabei recht konkret: ein Büro mit mindestens zwei Arbeitsplätzen, Personal, das Anmeldungen entgegennimmt und sortiert, zügig Schulungen anbietet und neue Helferinnen und Helfer beim ersten Einsatz an einem unbekannten Ort kurz begleitet. Das ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass freiwillige Arbeit dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Was in Solingen daraus wurde

Ein halbes Jahr später sah die Lage anders aus. Bis Februar 2016 hatte die Koordinierungsstelle eigene Räume bezogen, die Außenstelle Flucht-Punkt! an der Konrad-Adenauer-Straße 3. Die Einführungsschulungen liefen weiter; ein zweiter Termin in der Stadtbibliothek war bereits für den 26. September 2015 angesetzt.

Parallel startete die Stadtbibliothek am 1. September 2015 das Projekt „Dialog in Deutsch“. Die Idee stammt aus Hamburg, wo die Bücherhallen sie schon erfolgreich umsetzten: Ehrenamtliche leiten offene Gesprächsgruppen, in denen Menschen mit wenig Deutschkenntnissen ohne Prüfungsdruck sprechen üben. Für eine Bibliothek ist das ein naheliegendes Format, weil Räume, Publikum und Lesestoff ohnehin vorhanden sind. Bemerkenswert war vor allem das Tempo, mit dem die Solinger Bibliothek das Konzept übernahm: Zwischen Vorstellung und erster Gesprächsrunde lagen nur wenige Wochen.

Die Formen des Engagements, die sich in der Stadt herausbildeten, zeigen, wie breit das Feld ist. Freiwillige sortierten Kleiderspenden in Kellerräumen, etwa bei der Interju in Ohligs, übernahmen Patenschaften für einzelne Familien, arbeiteten in Flüchtlingsausschüssen der Kirchengemeinden mit oder organisierten sich in Gruppen in sozialen Netzwerken. Die Solinger Freiwilligen Agentur brachte zusätzlich Menschen, die Zeit einbringen wollten, mit passenden Aufgaben zusammen.

Worauf Freiwillige achten können

Aus den Erfahrungen jener Monate lassen sich ein paar praktische Punkte ableiten, die über Solingen hinaus gelten. Eine Einführungsschulung lohnt sich fast immer, auch wenn sie einen halben Samstag kostet: Sie erklärt Zuständigkeiten und Abläufe und verhindert, dass gut gemeinte Hilfe an der falschen Stelle ankommt. Sachspenden helfen nur, wenn jemand sie gerade braucht und Lagerplatz vorhanden ist; eine kurze Nachfrage bei der Kleiderkammer erspart beiden Seiten Arbeit. Und wer ein Zimmer oder eine Wohnung anbieten will, wendet sich besser an die städtische Stelle als an private Gruppen, weil dort die Anfragen zusammenlaufen.

Bleibt eine Anfrage zunächst unbeantwortet, lohnt es sich, das nicht persönlich zu nehmen. In der Anfangszeit war fehlende Rückmeldung meist ein Zeichen von Überlastung und nicht von Desinteresse – und eine freundliche zweite Mail hat schon manche Tür geöffnet.

Aus einer Patenschaft kann mehr werden als eine Aufgabe; auch in Solingen wurde aus der Begleitung einer syrischen Familie eine Freundschaft. Offen bleibt, wie viele der Gesprächsgruppen und Patenschaften aus dem Herbst 2015 in veränderter Form bis heute weiterbestehen.

Häufige Fragen

Wer koordinierte 2015 die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe in Solingen?

Eine Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe, getragen von der AWO Arbeit & Qualifizierung gGmbH Solingen, dem Caritasverband Solingen/Wuppertal e.V. und dem Diakonischen Werk Solingen in Kooperation mit der Stadt. Sie sollte bestehende Initiativen erfassen, neue Freiwillige gewinnen und Einführungsschulungen organisieren. Anfang 2016 bezog sie eigene Räume, die Außenstelle Flucht-Punkt! an der Konrad-Adenauer-Straße 3.

Was ist das Projekt „Dialog in Deutsch“?

„Dialog in Deutsch“ ist ein Gesprächsformat, das die Bücherhallen Hamburg entwickelt haben. Ehrenamtliche leiten offene Runden, in denen Menschen mit geringen Deutschkenntnissen im Alltag gebrauchte Sprache üben, ohne Unterricht im klassischen Sinn und ohne Prüfung. Die Stadtbibliothek Solingen übernahm das Konzept und startete am 1. September 2015 mit eigenen Gruppen.

Wie steigt man als Freiwillige oder Freiwilliger in die Flüchtlingshilfe ein?

Am sinnvollsten ist der Weg über eine zentrale Anlaufstelle der Stadt oder der Wohlfahrtsverbände, die Einsatzorte kennt und Einführungsschulungen anbietet. Dort erfährt man, welche Hilfe gerade gebraucht wird: Sprachbegleitung, Patenschaften, Sortieren von Spenden oder Begleitung zu Behörden. Freiwilligenagenturen vermitteln zusätzlich zwischen Interessierten und Trägern und helfen, eine passende Aufgabe mit realistischem Zeitaufwand zu finden.

Welche Sachspenden sind in der Flüchtlingshilfe sinnvoll?

Sinnvoll ist, was vor Ort gerade fehlt, und das ändert sich oft von Woche zu Woche. Kleiderkammern und Sozialkaufhäuser haben nur begrenzten Lagerplatz und bitten deshalb häufig darum, vorher nachzufragen. Saubere, jahreszeitlich passende Kleidung und funktionierender Hausrat werden meist gern genommen, beschädigte Dinge verursachen dagegen Sortieraufwand, der ehrenamtliche Kräfte bindet.

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