Mehr Menschlichkeit: wie Solingen 2014 Flüchtlingsfamilien aufnahm
Eine Jugendherberge ist für Klassenfahrten gebaut, für Etagenbetten, Lunchpakete und eine Woche Ausnahmezustand. Im November 2014 zogen in die Jugendherberge in Solingen-Gräfrath andere Gäste ein. Die ersten 50 von insgesamt 140 Flüchtlingen wurden dort erwartet, durchweg Familien, die meisten aus Nord- und Ostafrika und aus den Krisengebieten des Nahen Ostens. Sie sollten vorübergehend bleiben. Neben ihnen betreute die Stadt Solingen zu diesem Zeitpunkt rund 800 weitere Geflüchtete.
Die Weltlage im Herbst 2014
Die Zahlen, die das UN-Flüchtlingshilfswerk damals veröffentlichte, waren erschütternd. Nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe mussten täglich mehr als 30.000 Menschen ihr Zuhause verlassen, aus Angst vor Verfolgung, Krieg und Tod, und rund die Hälfte der Flüchtlinge waren Kinder. Es war die höchste Flüchtlingszahl seit dem Zweiten Weltkrieg.
Solche Zahlen lassen sich kaum begreifen. Leichter fällt es, sich eine einzelne Familie vorzustellen, die ihre Heimat, Verwandte und fast ihren ganzen Besitz zurückgelassen hat, die vermutlich Schreckliches gesehen hat und nun in einer fremden Stadt ankommt, mit einer fremden Sprache und fremden Umgangsformen. Die erste Nacht in einem Etagenbett in Gräfrath ist für sie kein Abenteuer. Sie ist der Anfang einer Wartezeit, deren Ende niemand kennt, in einem Ort, dessen Namen die meisten vor ihrer Ankunft nie gehört hatten.
Widerstand und Vorbehalte
Nicht alle empfingen die Neuankömmlinge freundlich. Rechtsextreme Gruppierungen und Parteien wie „Pro NRW“ protestierten in Nordrhein-Westfalen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Schwerer zu fassen, aber weiter verbreitet war eine andere Haltung, die sich in Sätzen zeigt, die ein „eigentlich nichts dagegen“ vorausschicken und dann mit „aber“ weitergehen. Solche Vorbehalte kommen aus der Mitte, und gerade deshalb prägen sie das Klima in einer Stadt stärker als jede Demonstration.
Die Wochenzeitung DIE ZEIT beschrieb die Lage unter dem Titel „Flüchtlinge: Bitte draußen bleiben!“. Zugleich berichtete die Rheinische Post aus Solingen, dass viele den Flüchtlingen helfen wollten. Beides stimmte gleichzeitig.
Flucht ist Teil der deutschen Geschichte
Wer in Deutschland über Flüchtlinge spricht, spricht auch über die eigene Geschichte. 1944 und 1945 flohen Millionen Menschen aus den Ostgebieten vor der herannahenden Roten Armee nach Westen, und in vielen Familien werden diese Geschichten bis heute erzählt. 1989, ein Vierteljahrhundert vor der Ankunft der Familien in Gräfrath, verließen Tausende die DDR über Ungarn und die Prager Botschaft. Die Bundesrepublik betrachtete sie nicht als Ausländer, sondern als Deutsche, und sprach meist von Übersiedlern. Ihre Angst, ihre Hoffnung und ihr Neuanfang unterschieden sich dennoch kaum von dem, was Geflüchtete heute erleben.
Niemand kann garantieren, dass ein Land, das heute als sicher gilt, es für immer bleibt. Diese Einsicht ist unbequem, aber sie ist ein guter Ausgangspunkt für Empathie.
Wie Hilfe in Solingen aussah
Im Herbst 2014 bündelten sich die Sachspenden in Solingen an einigen bekannten Stellen: bei der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes in der Burgstraße, im Sozialkaufhaus an der Schlagbaumer Straße, bei der Caritas in der Ahrstraße und bei der Heilsarmee in der Florastraße. Gut erhaltenes Spielzeug konnte direkt an der Jugendherberge in Gräfrath abgegeben werden. Wer lieber Geld geben wollte, konnte über die Spendenseite der UNO-Flüchtlingshilfe die Arbeit des UNHCR unterstützen.
Solche Anlaufstellen ändern sich mit der Zeit. Wer heute helfen möchte, erkundigt sich am besten bei der Stadt oder den Wohlfahrtsverbänden, was gerade tatsächlich gebraucht wird. Kleiderberge, die niemand sortieren kann, helfen niemandem, eine Stunde Begleitung zum Amt dagegen oft sehr viel.
Was in den ersten Wochen zählt
Für Familien, die gerade angekommen sind, stehen zunächst ganz praktische Fragen im Vordergrund. Wo ist der nächste Supermarkt, welcher Bus fährt in die Innenstadt, wie findet man einen Kinderarzt? Dazu kommen Termine, deren Bedeutung ohne Deutschkenntnisse kaum zu verstehen ist: die Registrierung, der Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Schreiben der Ausländerbehörde, die in Behördendeutsch abgefasst sind. Wer hier einfach mitgeht, übersetzt oder nur einen Brief erklärt, nimmt viel Druck heraus.
Kinder brauchen vor allem eines: Normalität. Ein Platz in Kita oder Schule, ein Fußball auf dem Hof der Jugendherberge, ein Bilderbuch ohne viel Text, das auch ohne gemeinsame Sprache funktioniert. Erwachsene wiederum wollen meist nicht nur versorgt werden, sondern etwas tun. Deutschkurse, auch einfache Gesprächsrunden mit Ehrenamtlichen, sind dafür oft der erste Schritt.
Menschlichkeit zeigt sich in dieser Phase selten in großen Gesten. Sie zeigt sich darin, dass jemand zuhört, Geduld mit einer fremden Aussprache hat und eine Frage zum dritten Mal beantwortet, ohne die Augen zu verdrehen.
Ein Buch, das die Perspektive umkehrt
Einen Zugang, der ohne Zahlen auskommt, bietet die dänische Autorin Janne Teller. In „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“ herrscht Krieg in Europa, und eine Familie flieht in den Nahen Osten. Der Junge, aus dessen Sicht erzählt wird, erlebt, was es heißt, in einem fremden Land ohne Sprache, ohne Arbeit und ohne Aussicht auf Rückkehr zu leben. Das schmale Buch ist wie ein Reisepass gestaltet und lässt sich an einem Abend lesen.
Was bleibt, ist eine schlichte Frage, die sich jeder selbst beantworten muss: Wie möchte man empfangen werden, wenn man selbst eines Tages mit einem Koffer vor einer fremden Tür steht?
Häufige Fragen
Was ist ein Binnenflüchtling?
Als Binnenflüchtlinge oder Binnenvertriebene gelten Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder Katastrophen fliehen, dabei aber innerhalb ihres eigenen Staates bleiben und keine Landesgrenze überschreiten. Sie fallen deshalb nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention, obwohl ihre Lage oft ebenso schwierig ist. Weltweit ist die Zahl der Binnenvertriebenen größer als die der Menschen, die in ein anderes Land fliehen. Häufig leben sie in Lagern nahe der Kampfgebiete und sind für Hilfsorganisationen schwer zu erreichen.
Wie viele Menschen waren 2014 weltweit auf der Flucht?
Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR waren Ende 2013 weltweit mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht oder vertrieben, so viele wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Täglich mussten mehr als 30.000 Menschen ihr Zuhause verlassen, und etwa die Hälfte der Flüchtlinge waren Kinder. Die UNO-Flüchtlingshilfe, der deutsche Partner des UNHCR, stellt aktuelle Zahlen und Hintergründe auf ihrer Website bereit.
Worum geht es in „Krieg – Stell dir vor, er wäre hier“ von Janne Teller?
Die dänische Autorin Janne Teller dreht in diesem schmalen Buch die gewohnte Perspektive um: In Europa herrscht Krieg, und ein Jugendlicher flieht mit seiner Familie in den Nahen Osten, wo er als Flüchtling ohne Sprache, Arbeit und Zukunft lebt. Das Buch ist im Format eines Reisepasses gestaltet und erschien auf Deutsch im Hanser Verlag. Es richtet sich an Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen und eignet sich auch als Lektüre im Unterricht.
Wie kann man Geflüchteten vor Ort helfen?
Der erste Schritt ist, sich bei der Stadt, bei Wohlfahrtsverbänden oder Initiativen zu erkundigen, was gerade gebraucht wird. Sachspenden sind nur sinnvoll, wenn sie dem aktuellen Bedarf entsprechen und in gutem Zustand sind. Oft wird Zeit dringender gebraucht als Dinge: Begleitung zu Ämtern, Hilfe beim Deutschlernen, Patenschaften für Familien oder Freizeitangebote für Kinder. Geldspenden an etablierte Organisationen lassen sich besonders flexibel einsetzen.
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