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Männerspagat: Hajo Schumacher liest in der Schatzinsel Solingen

Hajo Schumacher saß an diesem Abend nicht lange hinter dem Tisch. Er stand daneben, setzte sich auf die Kante, hielt einen Zeitungsausschnitt hoch und suchte ständig den Blickkontakt mit dem Publikum. Anfang Februar 2019 stellte der Journalist und Autor in der Solinger Buchhandlung Schatzinsel sein Buch „Männerspagat“ vor, und es war bereits seine zweite Lesung in der Stadt.

Drei Arten, zu einer Lesung zu gehen

Wer eine Lesung besucht, kommt mit ganz unterschiedlichen Erwartungen. Da ist der gut vorbereitete Gast, der das Buch und womöglich weitere Werke des Autors kennt, endlich die Person dahinter erleben möchte und einen Stapel zum Signieren mitbringt. Daneben gibt es die Neugierigen, die den Titel noch nicht gelesen haben, sich aber informiert haben und glauben zu wissen, was sie erwartet. Und schließlich kommen die Überraschten, die erst am selben Abend erfahren, dass sie als Begleitung mitgehen.

Bei dieser dritten Gruppe lässt sich am wenigsten vorhersagen, wie der Abend ausgeht. Aus manchem Zufallsgast wird ein Stammbesucher, andere bleiben künftig lieber auf dem Sofa.

Gerade die zweite Gruppe erlebt allerdings oft die größte Überraschung. Wer mit einer festen Vorstellung kommt, merkt am deutlichsten, wenn ein Abend anders verläuft als gedacht.

Das Buch und sein Thema

„Männerspagat“ beschreibt den Schritt, der vielen Männern kaum zu gelingen scheint: den zwischen den Rollen, die sie in der Kindheit vorgelebt bekamen, und den vielen Möglichkeiten, die ihnen heute offenstünden. Schumacher, Jahrgang 1964, schreibt dabei aus eigener Erfahrung. Das Thema interessiert ihn nicht nur als Beobachter, es betrifft ihn unmittelbar, und diese Nähe war bei der Lesung deutlich zu spüren.

Das Cover lässt einen humorvollen, leichten Abend erwarten. Humor fehlte an diesem Abend nicht, doch Schumacher unterfütterte seine Beobachtungen mit Zitaten, Zeitungsausschnitten und gründlicher Recherche. Die Ausflüge in die Gesellschaftskritik gaben dem Abend eine Tiefe, mit der nicht jeder im Raum gerechnet hatte.

Ein zentraler Gedanke betrifft die Unterschiede innerhalb der Geschlechter. Es gibt nicht den einen Mann, ebenso wenig wie die eine Frau. Männer, die aufmerksam, einfühlsam und offen für Veränderung sind, gehen nach Schumachers Darstellung im Lärm einer toxischen Männlichkeit unter, die sich gegen alle richtet, die anders ticken. Und auch Frauen können solches Verhalten anfeuern. Der Klappentext spitzt das auf eine Formel zu: „Der Graben verläuft nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Gut und Böse.“

Dieser Satz trifft einen Nerv, weil er eine Debatte entschärft, die oft als Kampf der Geschlechter geführt wird. Wer ihn liest, erkennt auch eigene Erfahrungen wieder, unabhängig vom Geschlecht. Das Problem, mit einem Bein in alten Rollenbildern zu stecken, kennen Frauen schließlich ebenso.

Eine Generation zwischen zwei Welten

Der Jahrgang 1964 gehört zu den geburtenstarken Jahrgängen der alten Bundesrepublik. Viele Männer dieser Generation wuchsen mit Vätern auf, die als Alleinverdiener das Geld nach Hause brachten, während die Mütter Haushalt und Kinder übernahmen. Gefühle zu zeigen galt wenig, Durchhalten viel.

Als diese Söhne selbst Familien gründeten, hatten sich die Erwartungen verschoben. Partnerinnen waren berufstätig, Elternzeit für Väter wurde denkbar, und Zuwendung zu den Kindern galt plötzlich als Stärke. Das Handwerkszeug dafür hatten viele nie gelernt. Genau in diese Lücke zielt der Titel des Buches: Wer mit einem Bein im alten Modell steht und mit dem anderen im neuen, gerät leicht ins Wanken.

Was eine Lesung lebendig macht

Der Abend in der Schatzinsel zeigt, warum sich der Weg in eine Buchhandlung lohnt, obwohl das Buch selbst ja auch zu Hause gelesen werden kann. Eine gute Lesung fügt etwas hinzu, das zwischen den Buchdeckeln fehlt: die Stimme des Autors, seine Gesten, die Geschichten hinter der Recherche und das Gespräch mit dem Publikum.

Schumacher wechselte zwischen ruhigem Vorlesen und freiem Erzählen. Er untermauerte seine Thesen mit großen Gesten und band die Zuhörenden immer wieder ein. So entstand der Eindruck, dass hier jemand ein echtes Anliegen hatte, statt eine Werbetour abzuspulen.

Für Buchhandlungen wie die Schatzinsel sind solche Abende mehr als ein Verkaufsinstrument. Sie machen den Laden zu einem Treffpunkt, an dem über Themen gesprochen wird, die im Alltag oft zu kurz kommen. Dass der Autor ein zweites Mal nach Solingen kam, spricht für die Resonanz seines ersten Besuchs.

Nach dem Applaus

Am Ende gab es langen, kräftigen Applaus, und am Büchertisch wechselte das Buch den Besitzer. Das ist vielleicht der beste Beweis für eine gelungene Lesung: Der Abend macht neugierig auf mehr als das, was vorgelesen wurde. Ein Buch, das nach einer solchen Lesung gekauft wird, liest sich anders, weil beim Blättern die Stimme des Autors mitklingt und manche Passage an eine Geste oder einen Zwischenruf aus dem Publikum erinnert.

Wer selbst eine Lesung besucht, kann sich vorher fragen, zu welchem der drei Typen er gehört. Und hinterher, ob der Abend ihn in eine andere Gruppe verschoben hat.

Bleibt offen, wie sich die Debatte über Männerrollen seit 2019 verändert hat und welche Kapitel aus „Männerspagat“ heute anders geschrieben würden.

Häufige Fragen

Worum geht es in „Männerspagat“ von Hajo Schumacher?

Hajo Schumacher, Jahrgang 1964, beschreibt den Spagat zwischen den Männerbildern, die seine Generation als Kinder vorgelebt bekam, und den vielen Rollen, die ein aufgeklärter Mann heute einnehmen könnte. Das Buch verbindet persönliche Beobachtungen mit gesellschaftlicher Analyse. Es wendet sich gegen pauschale Urteile über Männer und Frauen und fragt, warum moderne Männlichkeit oft noch mit einem Fuß im vergangenen Jahrhundert steht.

Was ist die Schatzinsel in Solingen?

Die Schatzinsel ist eine Buchhandlung in Solingen, die neben dem Verkauf auch Lesungen mit Autorinnen und Autoren veranstaltet. Hajo Schumacher las dort im Februar 2019, nachdem bereits seine erste Lesung in Solingen viel positive Resonanz gefunden hatte. Aktuelle Termine und Öffnungszeiten sollten direkt bei der Buchhandlung erfragt werden, da sich Programme regelmäßig ändern.

Was unterscheidet eine gute Lesung von einer mittelmäßigen?

Eine gute Lesung bietet mehr als das Vorlesen von Passagen, die man auch zu Hause lesen könnte. Überzeugend wird sie, wenn Autorinnen oder Autoren Hintergründe zur Recherche erzählen, das Publikum einbeziehen und Raum für Fragen lassen. Auch die Bewegung im Raum, Blickkontakt und Material wie Zitate oder Zeitungsausschnitte können einen Abend lebendig machen und das Thema über das Buch hinaus öffnen.

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