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Die ungeschminkte Wahrheit hinter dem Online-Bild sozialer Netzwerke

Robert Lembke hätte mit diesem Fall seine Freude gehabt. In seinem heiteren Beruferaten „Was bin ich?“ musste ein Rateteam aus ein paar Gesten und Ja-Nein-Antworten herausfinden, womit ein Gast sein Geld verdient. Wer heute in der Buchszene vor allem über soziale Netzwerke sichtbar ist, wird ständig so geraten, nur ohne Auflösung am Ende der Sendung.

Ein anderes Bild passt ebenso gut: Stille Post. Aus ein paar Fotos von Bücherstapeln, vielen gut gelaunten Tweets und einer Messe-Begegnung setzt sich im Kopf anderer eine Person zusammen, die mit der echten nur noch lose verwandt ist.

Der Grund liegt weniger in bewusster Inszenierung als in der Auswahl. Gepostet wird das Paket mit den schönsten Neuerscheinungen, nicht der Nachmittag an der Paketwaage; die gelungene Lesung, nicht die abgesagte; der Messestand, nicht die Zugfahrt dorthin. Wer nur diese Ausschnitte kennt, ergänzt den Rest aus der eigenen Vorstellung, und die fällt fast immer glamouröser aus als die Wirklichkeit. Auf Buchmessen und bei Lesungen, wo sich die Szene dann tatsächlich trifft, verstärkt sich der Effekt noch, weil dort alle im Ausnahmezustand sind: gut angezogen, gut gelaunt, ständig im Gespräch.

Das Netz zeigt die Höhepunkte, den Dienstagvormittag zeigt es nicht.

Größer, jünger, belesener

Eine der häufigsten Überraschungen bei ersten Treffen ist banal: die Körpergröße. Menschen, die online quirlig, umtriebig und laut wirken, werden fast automatisch größer geschätzt, als sie sind. Die Bemerkung, man habe sich das Gegenüber viel größer vorgestellt, fällt auf Buchmessen erstaunlich oft, wenn sich Leute zum ersten Mal außerhalb des Bildschirms gegenüberstehen.

Ähnlich unzuverlässig ist das geschätzte Alter. Profilfotos sind oft Jahre alt, der Ton ist jugendlich, und wer sich beruflich mit Kinderbüchern beschäftigt, bleibt ohnehin gewissermaßen in der Kinderbuchabteilung hängen. Dass die Lesebrille längst zur Ausrüstung gehört und das Twittern auf dem Tablet leichter fällt als auf dem Smartphone, sieht niemand.

Die folgenreichste Verzerrung betrifft die Kompetenz. Wer viel über Bücher postet, gilt schnell als die Fachfrau schlechthin. Das schmeichelt, erzeugt aber Erwartungen, die niemand erfüllen kann, der nebenbei noch einen Haushalt führt.

Hinter den Bücherbergen

Ein Beispiel für diese Lücke zwischen Bild und Alltag ist die Arbeit mit einer Leserredaktion aus Kindern und Jugendlichen, wie sie etwa die Rezensionsseite Bücherkinder betreibt. Dort lesen junge Leserinnen und Leser aktuelle Kinder- und Jugendliteratur und veröffentlichen ihre Besprechungen. 2014 gehörten rund sechzig Kinder und Jugendliche zur Redaktion.

Online sichtbar werden davon vor allem die Bücherberge: Pakete voller Neuerscheinungen, fotografiert und geteilt. Was diese Berge tatsächlich bedeuten, ist weniger fotogen. Jedes Buch muss erfasst, einer passenden Leserin oder einem passenden Leser zugeordnet, verpackt und verschickt werden. Die Rezensionen kommen zurück, wollen gelesen, freundlich redigiert und eingestellt werden. Dazu kommen die Absprachen mit Verlagen und Eltern.

Und wie jede Selbstständigkeit, auch eine nebenberufliche, bringt diese Arbeit Kassenbuch, Belege und Steuererklärung mit sich. Das Lesen, das von außen wie der eigentliche Beruf aussieht, passiert zu einem guten Teil am Abend. Mit dem Bild von der Frau, die den ganzen Tag liest, hat das wenig zu tun.

Immer online, aber nicht rund um die Uhr

Die Kunst in sozialen Netzwerken besteht darin, präsent zu wirken, ohne es ununterbrochen zu sein. Wer den Arbeitstag am Rechner verbringt, hat Facebook und Twitter ohnehin im Hintergrund offen, schaut zwischendurch hinein, teilt, kommentiert, antwortet. Bewährt hat sich bei vielen eine einfache Regel: ein Timer, etwa zwanzig Minuten, und wenn er klingelt, wird das Fenster geschlossen.

Hinzu kommt, dass Arbeit und Freizeit in solchen Berufen verschwimmen. Kinderbücher sind für viele in der Szene Beruf und Berufung zugleich, und die Grenze zwischen dem, was man aus Interesse liest, und dem, was man für die Arbeit liest, lässt sich kaum ziehen.

Wie nennt man das eigentlich?

Die Frage, wie man das eigentlich nennt, was jemand da macht, hören Menschen mit zusammengesetzten Tätigkeiten oft. Onlinerin, Netzwerkerin, die gern die richtigen Leute zusammenbringt, Kinderbuchhändlerin ohne Ladenlokal, die auf Büchertischen in Kitas verkauft und dafür eine buchhändlerische Verkehrsnummer besitzt, Leseförderin, Rezensentin. Keine dieser Bezeichnungen trifft allein, zusammen ergeben sie kein Berufsbild, das in einem Formular Platz hätte.

Pippi Langstrumpf, die sich die Welt bekanntlich so macht, wie sie ihr gefällt, wäre dafür das passende Vorbild. Das funktioniert allerdings nur, solange niemand allein von diesem Mosaik leben muss. Ehrlich betrachtet ist das die ungeschminkteste Wahrheit an vielen Tätigkeiten rund ums Kinderbuch: Sie werden geliebt und schlecht bezahlt.

Immer gut gelaunt?

Bleibt das Bild vom Menschen, der immer fröhlich ist. Soziale Netzwerke belohnen gute Laune, und wer schlechte Tage hat, postet an ihnen meist einfach nichts. Die Ausbrüche bekommt dann die Familie ab, nicht die Timeline.

Ein letzter Hinweis für alle, die auf Twitter freitags das Kürzel #ff lesen: Gemeint ist in der Regel der Follow Friday, die Empfehlung lesenswerter Accounts. Es soll aber auch Haushalte geben, in denen es für Feudelfreitag steht, den Tag, an dem nicht gelesen, sondern geputzt wird.

Häufige Fragen

Was bedeutet „die ungeschminkte Wahrheit“?

Die ungeschminkte Wahrheit ist die Wahrheit ohne Beschönigung, so wie ein Gesicht ohne Schminke. Wer sie ausspricht, verzichtet auf höfliche Umschreibungen, Weichzeichner und geschönte Details. Die Wendung wird oft leicht ironisch benutzt, etwa wenn jemand ankündigt, mit einem Missverständnis aufzuräumen. Im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken meint sie meist den Unterschied zwischen dem sorgfältig ausgewählten Bild, das jemand online zeigt, und dem gewöhnlichen Alltag dahinter.

Was war die Sendung „Was bin ich?“ mit Robert Lembke?

„Was bin ich?“ war ein heiteres Beruferaten, das Robert Lembke über viele Jahre im deutschen Fernsehen moderierte, bis 1989. Ein Rateteam musste den Beruf eines Gastes herausfinden und durfte dazu nur Fragen stellen, die mit Ja oder Nein zu beantworten waren. Berühmt wurde die Frage an den Gast, welches Sparschwein er sich aussuchen wolle, und die typische Handbewegung, mit der er seinen Beruf pantomimisch andeutete. Die Sendung gilt als Klassiker der frühen Fernsehunterhaltung.

Was ist eine buchhändlerische Verkehrsnummer?

Die Verkehrsnummer ist eine Kennnummer, unter der Buchhandlungen und andere Wiederverkäufer im deutschen Buchhandel geführt werden. Mit ihr bestellen sie bei Verlagen und beim Zwischenbuchhandel zu Händlerkonditionen und werden in den Verzeichnissen der Branche gefunden. Eine solche Nummer haben nicht nur klassische Ladengeschäfte, sondern auch kleinere Anbieter, die etwa auf Büchertischen in Kitas oder bei Lesungen Bücher verkaufen.

Wie arbeitet eine Leserredaktion aus Kindern und Jugendlichen?

Eine solche Redaktion erhält von der Betreuerin oder dem Betreuer Rezensionsexemplare aus den aktuellen Programmen der Verlage. Die jungen Leserinnen und Leser lesen die Bücher zu Hause, schreiben eine Besprechung und schicken sie zurück, anschließend wird sie online veröffentlicht. Für die Betreuung heißt das vor allem Verwaltungsarbeit: Neuerscheinungen sichten, Titel den passenden Lesern zuordnen, Pakete verschicken, Eingänge in einer Datenbank pflegen und Texte redigieren.

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