Gabriele Hoffmann und der Streit um richtige Leseförderung für Kinder
„Warum nicht? Niemand sonst hat so viel Erfahrung mit lesenden Kindern.“ Mit dieser Antwort reagierte Gabriele Hoffmann im „Sonntagsgespräch“ des Branchenmagazins Buchmarkt vom 26. Januar 2014 auf die Frage, ob sie die „Marcellina“ der Kinderliteratur werden wolle – eine Anspielung auf Marcel Reich-Ranicki. Das Interview über den Stellenwert von „Leanders Lieblingen“ und richtige Leseförderung löste in der Kinderbuchszene deutlichen Widerspruch aus.
Wer Gabriele Hoffmann ist
Gabriele Hoffmann führte über Jahrzehnte die Kinderbuchhandlung Leanders Leseladen in Heidelberg und gehörte zu den bekanntesten Stimmen des deutschen Kinderbuchhandels. Unbestritten ist, dass sie viel dafür getan hat, Kinderbücher öffentlich wahrnehmbar zu machen. Mit „Leanders Lieblinge“ stellte sie eine Auswahl von Büchern vor, die sich aus ihrer Sicht in der Praxis bewährt hatten.
Die Positionen im Interview
Hoffmann kritisierte, in der Leseförderung werde viel falsch gemacht. Besprochen würden fast ausschließlich Bücher, die Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker oder jedenfalls Erwachsene gut fänden. Für ihre eigene Auswahl habe sie bewusst auf „modische Experimente des Kinderbuchmarktes“ verzichtet, weil Kinder keine Versuchskaninchen sein sollten.
Ähnlich deutlich hatte sie sich bereits 2011 in einem Gespräch mit der Rhein-Neckar-Zeitung über heutige Autorinnen und Autoren geäußert, denen sie oft mangelnde Substanz vorwarf. Auch das Leseverhalten von Kindern beurteilte sie skeptisch.
Der Widerspruch
Kritikerinnen und Kritiker hielten dagegen, dass es längst Angebote gebe, die sich ausdrücklich an den Lesebedürfnissen der Kinder orientieren. Genannt wurden etwa der Leipziger Lesekompass, das Kinderliteraturportal Kilifü und die Fachzeitschrift Eselsohr. Sie alle beziehen die Perspektive junger Leser ein, statt nur ein Erwachsenenurteil abzubilden.
Ein Streitpunkt war Ole Könneckes „Das große Buch der Bilder und Wörter“, dem Hoffmann bescheinigt hatte, den Kleinen nichts zu sagen. Das Buch war 2011 in der Sparte Sachbuch für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Für viele Eltern ist es gerade ein Beispiel dafür, dass ein Wimmel- und Wörterbuch ohne klassische Handlung Kinder lange beschäftigen kann.
Hinter dem Streit stand eine grundsätzliche Frage, die die Leseförderung seit Jahrzehnten begleitet: Sollen Kinder vor allem mit bewährten Klassikern an Bücher herangeführt werden, oder zählt zuerst, dass sie überhaupt lesen – auch Fantasy, Comics und Serien, die Erwachsenen weniger wertvoll erscheinen? Viele Fachleute plädieren für beides.
Offen bleibt, wie eine Kanonliste aussähe, die Kinder selbst zusammenstellen, und wie viele der „bewährten Titel“ darauf wohl stünden.
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