Indiebookday: Bücher unabhängiger Verlage kaufen – auch für Kinder
Im Schaufenster einer Kinderbuchhandlung in Essen-Werden standen im März 2014 keine Neuerscheinungen der großen Häuser, sondern Bücher von Verlagen, deren Namen viele Eltern noch nie gehört hatten: Kunstanstifter, Tulipan, Jacoby & Stuart. Die Dekoration hatte einen Anlass. Am Samstag darauf war Indiebookday.
Was hinter dem Indiebookday steckt
Die Aktion entstand 2013 beim Hamburger mairisch Verlag und ist bewusst einfach gehalten. Man geht an einem bestimmten Samstag im März in eine Buchhandlung und kauft ein Buch, das man ohnehin haben möchte. Die einzige Bedingung: Es muss aus einem unabhängigen, meist kleinen Verlag stammen. Danach wird ein Foto gepostet, vom Cover, vom Buch in der Hand oder von der Kasse, in einem sozialen Netzwerk oder einem Blog, versehen mit dem Hashtag #indiebookday.
Mehr braucht es nicht. Gerade diese Schlichtheit hat der Idee geholfen. Schon im ersten Jahr fand der Tag in Deutschland, Österreich und der Schweiz große Resonanz, und 2014 wurde er erstmals international beworben. Die Regeln und das jeweils aktuelle Datum stehen auf der Website der Aktion.
Warum kleine Verlage so einen Tag brauchen
Unabhängige Verlage machen einen erheblichen Teil der literarischen Vielfalt aus, verfügen aber selten über die Werbeetats der Konzernverlage. Ihre Bücher liegen in vielen Filialen gar nicht erst auf dem Tisch am Eingang. Ein Aktionstag, an dem sehr viele Menschen gleichzeitig Fotos solcher Bücher zeigen, schafft eine Sichtbarkeit, die sich mit Anzeigen kaum kaufen ließe.
Für die Buchhandlungen ist der Tag ebenfalls ein Gewinn. Sie können beraten, Tische zusammenstellen und neue Kundschaft gewinnen, die sonst vielleicht online bestellt hätte. Viele inhabergeführte Läden machen deshalb aktiv mit und gestalten eigene Schaufenster.
Und die Leserinnen und Leser? Sie entdecken Titel, die kein Algorithmus vorgeschlagen hätte.
Unabhängige Kinderbuchverlage im Überblick
Wer mit Kindern einkaufen geht, steht oft vor der Frage, welche Kinder- und Hörbuchverlage überhaupt als unabhängig gelten. Eine Übersicht aus dem Jahr 2014 nannte unter anderem diese Häuser:
- aracari, Freies Geistesleben/Urachhaus, Jungbrunnen, Kindermann
- Jacoby & Stuart, jaja Verlag, Kunstanstifter, Moritz, Tulipan
- Knesebeck, Kunstmann, mixtvision, Peter Hammer, Onkel & Onkel
- Kinderbuchverlag Wolff, Südpol Verlag, Reprodukt (Comics)
- Headroom, Hörcompany, ultramar-media (Hörbuch)
Als Grenzfälle galten damals Gerstenberg und Klett, weil sie groß und etabliert sind oder selbst eine Verlagsgruppe bilden. Solche Listen veralten allerdings, denn Verlage werden übernommen, fusionieren oder stellen den Betrieb ein. Vor dem Kauf lohnt deshalb ein kurzer Blick ins Impressum oder eine Nachfrage im Laden.
So gelingt der Einkauf im Buchladen
Am besten plant man den Besuch nicht als Pflichttermin, sondern als kleine Entdeckung. Viele Buchhandlungen stellen zum Indiebookday Tische mit Titeln aus unabhängigen Verlagen zusammen, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen die Programme oft besser als jede Übersicht. Wer mit Kindern kommt, kann sie selbst wählen lassen: Ein Bilderbuch aus einem Kunstbuchverlag sieht anders aus als die Reihe, die im Supermarkt liegt, und genau dieser Unterschied fällt Kindern erstaunlich schnell auf.
Beim Fotografieren gibt es keine Regeln. Manche zeigen das Cover, andere den ganzen Stapel oder die Tüte mit dem Logo der Buchhandlung. Wer den Laden im Beitrag nennt, macht ihn gleich mit bekannter, was ganz im Sinne der Aktion ist.
Die unabhängige Buchhandlung als zweiter Gewinner
Offiziell geht es am Indiebookday um Verlage, doch die Aktion stärkt fast automatisch auch den inhabergeführten Buchhandel. Wer den Kauf ernst nimmt, landet selten in der Bahnhofsfiliale einer Kette, sondern eher in dem Laden, in dem jemand die Programme der kleinen Häuser tatsächlich liest. Kinderbuchhandlungen sind dafür ein gutes Beispiel. Sie leben von Beratung, von Leseecken auf dem Boden, von Vorlesestunden am Nachmittag und von Buchhändlerinnen, die wissen, welches Bilderbuch für ein vierjähriges Kind mit Angst vor dem Dunkeln taugt.
Solche Läden stellen zum Aktionstag oft eigene Tische zusammen und dekorieren ihre Fenster, wie es 2014 die Werdener Kinderbuchhandlung tat. Für die Kundschaft entsteht so ein sichtbarer Einstieg in Programme, die im restlichen Jahr zwischen den Stapeln der Bestseller leicht untergehen.
Mehr als ein Tag im Jahr
Die eigentliche Wirkung des Indiebookday zeigt sich später. Wer einmal ein Buch aus einem kleinen Verlag in der Hand hatte, schaut beim nächsten Einkauf eher auf den Verlagsnamen am Buchrücken. Manche Leserinnen und Leser folgen danach einem Verlag, abonnieren den Newsletter oder besuchen seinen Stand auf der Buchmesse in Leipzig oder Frankfurt.
Gerade im Kinderbuch hat das Folgen. Einige der ungewöhnlichsten Bilderbücher im deutschsprachigen Raum erscheinen seit Jahren in kleinen Häusern, die mit wenigen Titeln pro Saison arbeiten und ihre Illustratorinnen und Illustratoren über viele Bücher hinweg begleiten. Wer ihnen am Indiebookday ein Buch abkauft, unterstützt genau diese Arbeitsweise.
Interessant ist auch die Frage, wie sich der Blick der Kinder selbst verändert. Wer mit sieben Jahren gelernt hat, dass hinter jedem Buch ein Verlag steht, liest mit zwölf vielleicht als Erstes das Impressum.
Und welches Buch soll es werden? Am schönsten ist oft das, nach dem man gar nicht gesucht hat, das aber auf dem Tisch neben der Kasse lag und von der Buchhändlerin mit zwei Sätzen empfohlen wurde. Vielleicht findet sich beim nächsten Indiebookday auch für Sie so ein Titel.
Häufige Fragen
Was ist der Indiebookday?
Der Indiebookday ist eine Mitmachaktion, die 2013 vom Hamburger mairisch Verlag ins Leben gerufen wurde. An einem Samstag im März kaufen Leserinnen und Leser in einer Buchhandlung ein Buch aus einem unabhängigen Verlag und posten ein Foto davon mit dem Hashtag #indiebookday in sozialen Netzwerken oder im eigenen Blog. So sollen kleine Verlage sichtbar werden, die kein großes Werbebudget haben.
Wann findet der Indiebookday statt?
Der Aktionstag liegt jedes Jahr auf einem Samstag im März. 2014 war es der 22. März, im zweiten Jahr der Aktion, die damals erstmals international beworben wurde. Das genaue Datum wird auf der offiziellen Website indiebookday.de bekanntgegeben, meist schon einige Wochen vorher, damit Buchhandlungen Schaufenster und Tische vorbereiten können.
Was gilt als Indie-Verlag?
Als unabhängig gelten Verlage, die keinem großen Medienkonzern oder einer Verlagsgruppe gehören und ihr Programm selbstständig bestimmen. Eine feste Umsatzgrenze gibt es für die Aktion nicht. Einige Häuser sind Grenzfälle, etwa wenn sie groß und traditionsreich sind, aber weiterhin in Familienbesitz. Im Zweifel hilft ein Blick ins Impressum oder eine Frage an die Buchhändlerin.
Muss das Buch neu sein, und wo muss es gekauft werden?
Die Idee lebt davon, dass das Buch neu in einer Buchhandlung gekauft wird, am liebsten in einer unabhängigen am Ort. Welches Buch es ist, bleibt völlig offen: Roman, Sachbuch, Bilderbuch oder Comic. Wichtig ist nur, dass es aus einem unabhängigen Verlag stammt und dass der Kauf anschließend mit Foto und Hashtag sichtbar gemacht wird.
Weiter in Lesen & Leben
- Leseliste Bücher zum Lachen: lustige Bücher für Groß und Klein, von Loriot an
Zwei Herren sitzen versehentlich in derselben Badewanne und streiten über eine Gummiente. Aus solchen Szenen entstehen Bücher, die man in der Bahn besser nicht liest – jedenfalls nicht, wenn man leise bleiben muss.
- Rezension „Meine wundervolle Buchhandlung“ von Petra Hartlieb: der Buchhandel
Aus einer Urlaubslaune wird ein Leben zwischen Bücherkisten: Petra Hartlieb beschreibt, wie sie eine Wiener Buchhandlung übernahm, und liefert damit den seltenen Roman, der den Buchhandel nicht verklärt.
- Buchhandel Weihnachtsgeschäft in der Buchhandlung: ein Vormittag im Dezember
Um 8:45 Uhr ist die Tür noch zu, um 9:01 Uhr klingelt das Telefon, und um 9:35 Uhr scheint ein ganzer Bus Kundschaft vor der Tür zu stehen: Das Weihnachtsgeschäft einer kleinen Buchhandlung folgt einem eigenen Takt.
- Essay Braucht es Verrisse? Über harte Kritik an Büchern und klares Urteilen
Im März 2017 fragte ein vieldiskutierter Text, wozu es Verrisse braucht. Die Antworten zeigten, dass es dabei um mehr geht als um Bücher: um den Mut zum Urteil und um das Recht, sich zu irren.