Wohnzimmerlesung: Wenn die Lesung im Ohrensessel stattfindet
Ein roter Ohrensessel steht zwischen Bücherregal und Stehlampe, davor reihen sich Klappstühle bis in den Flur. Im September 2013 nahm dort die Autorin Maren Gottschalk Platz, im Gepäck ihre Biografie Jenseits von Bullerbü – Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren. Es war bereits die dreizehnte Lesung dieser Reihe, die unter dem Namen „Ohrensessel – Die Wohnzimmerlesung“ bekannt geworden war.
Gottschalks Buch folgt Astrid Lindgren vom Bauernhof in Småland bis zur weltberühmten Kinderbuchautorin und verschweigt dabei die dunklen Jahre nicht, die zwischen Kindheit und Ruhm lagen. Gerade ein solcher Stoff eignet sich für einen kleinen Raum, in dem niemand ein Mikrofon braucht und Zwischenfragen erlaubt sind.
Wie aus einem Pinnwandeintrag eine Lesereihe wurde
Den Anfang machte im Dezember 2011 ein unscheinbarer Eintrag bei Facebook. Aus der Idee, eine Autorin nach Hause einzuladen, wurde innerhalb von knapp zwei Jahren eine feste Reihe mit zwölf Abenden und neun verschiedenen Gästen. Dass es weniger Autoren als Termine waren, hatte einen einfachen Grund: Einige kamen gern ein zweites Mal. Im Ohrensessel saßen bis dahin Frank Maria Reifenberg, Antje Szillat, Gina Mayer, Edgar Franzmann, Gerd Ruebenstrunk, Kerstin Gier, Frank Schmeißer, Jutta Wilke und Rüdiger Bertram.
Auch im Publikum gab es Stammgäste, die inzwischen per Du mit der Gastgeberin waren, und bei jedem Termin kamen neue Gesichter hinzu. Diese Mischung aus Vertrautheit und Neugier ist typisch für das Format.
Der Ablauf eines Abends
Eine Wohnzimmerlesung folgt keinem festen Protokoll, aber einem erkennbaren Rhythmus. Etwa eine halbe Stunde vor Beginn treffen die ersten Gäste ein, jeder bekommt ein Glas in die Hand, man stellt sich vor oder begrüßt alte Bekannte. Anders als bei einer Veranstaltung in der Buchhandlung steht der Gast dabei nicht abseits im Hinterzimmer, sondern mischt sich unter die Leute und plaudert schon vor dem offiziellen Teil mit.
Um 20 Uhr beginnt die Lesestunde. Wie sie gefüllt wird, liegt ganz beim Gast: Manche lesen lange Passagen am Stück, andere erzählen lieber, wie die Idee zum Buch entstand und wie mühsam oder überraschend die Recherche war. Einige bringen gleich zwei Titel mit und wechseln zwischen ihnen.
Danach werden die Stühle gestapelt, Sekt, Fassbrause und kleine Häppchen machen die Runde. Am Büchertisch liegen die Titel des Abends zum Verkauf, und die Autorinnen und Autoren signieren. Offiziell endete ein solcher Abend um halb zehn.
In der Praxis zogen sich manche Gespräche bis weit nach Mitternacht.
Was Autorinnen und Autoren an diesem Format schätzen
Wer regelmäßig auf Lesetour ist, kennt Säle mit schlechter Akustik, Schulaulen mit unruhigen Klassen und Buchhandlungen, in denen nach der Lesung das Licht ausgeht. Das Wohnzimmer ist das Gegenteil davon. Die Gäste der Reihe beschrieben immer wieder dieselben Vorzüge: die lockere, persönliche Atmosphäre, den direkten Austausch mit dem Publikum und das Gefühl, in einer familiären Runde zu sitzen statt vor anonymen Zuhörern.
Für das Publikum hat das Format einen eigenen Wert. Fragen, die man in einem vollen Saal nie stellen würde, fallen hier ganz nebenbei, beim zweiten Glas oder in der Schlange vor dem Büchertisch. Man erfährt, wie lange ein Manuskript liegen blieb, welche Figur beinahe gestrichen worden wäre, oder warum ein Titel im letzten Moment geändert wurde.
Der kleine Rahmen setzt allerdings Grenzen. Mehr als einige Dutzend Menschen passen in keine Wohnung, und wer eine solche Reihe veranstaltet, übernimmt Aufgaben, die sonst eine Buchhandlung oder ein Kulturamt trägt: Kartenverkauf, Bewirtung, Absprachen mit Verlagen und Autoren, Aufräumen.
Anmeldung, Karten und Livestream
Die Termine der Reihe wurden über eine eigene Facebook-Seite angekündigt; wer dort nicht angemeldet war, konnte sich in einen E-Mail-Verteiler aufnehmen lassen. Karten gab es im Vorverkauf über einen Online-Ticketdienst, weil die Plätze begrenzt waren.
Für den Herbst 2013 standen damals bereits zwei weitere Abende fest: Am 22. November sollte Kerstin Gier ihren neuen Roman „Silber“ vorstellen, am 30. November war eine Kinderlesung mit Antje Szillat geplant. Gier war zu diesem Zeitpunkt vor allem durch ihre Edelstein-Trilogie bekannt, „Silber“ eröffnete eine neue Reihe um Träume und Traumkorridore.
Eine Besonderheit der Reihe war der Livestream. Wer nicht in der Nähe wohnte, konnte die Lesung am eigenen Rechner verfolgen, ein für 2013 durchaus ungewöhnlicher Service für eine private Veranstaltung. Die Stimmung im Raum lässt sich über einen Bildschirm natürlich nur ahnen; die Lesung selbst aber war auf diese Weise für ein Publikum zugänglich, das nie einen Fuß in das Wohnzimmer gesetzt hätte.
Eine Wohnzimmerlesung selbst veranstalten
Wer mit dem Gedanken spielt, selbst Gastgeberin oder Gastgeber zu werden, braucht weniger als man denkt, aber mehr als einen Sessel. Wichtig sind eine klare Absprache mit dem Gast über Honorar, Fahrtkosten und Übernachtung, ein verlässlicher Weg, die Gäste zu erreichen, und eine Buchhandlung oder ein Verlag, der den Büchertisch bestückt. Kinderlesungen verlangen einen anderen Zuschnitt: kürzere Lesezeit, einen Termin am Nachmittag, mehr Bewegung.
Ob ein roter Ohrensessel dazugehört, ist Geschmackssache. In diesem Fall war er so prägend, dass er der ganzen Reihe den Namen gab und Maren Gottschalk schon bei der Lesung davor, noch als Zuhörerin, probehalber darin Platz nahm.
Häufige Fragen
Was ist eine Wohnzimmerlesung?
Eine Wohnzimmerlesung ist eine Lesung in einer privaten Wohnung statt in einer Buchhandlung, Bibliothek oder einem Saal. Die Gastgeberin lädt eine Autorin oder einen Autor ein und stellt den Raum, das Publikum ist klein und sitzt dicht beieinander. Typisch sind ein lockerer Ablauf, viel Gespräch zwischen Publikum und Gast und ein geselliger Ausklang mit Getränken und Signierstunde. Die Nähe zum Gast ist der eigentliche Reiz des Formats.
Wie läuft eine Wohnzimmerlesung ab?
Häufig treffen die Gäste etwa eine halbe Stunde vor Beginn ein, bekommen ein Getränk und kommen miteinander ins Gespräch. Die eigentliche Lesung dauert ungefähr eine Stunde; wie viel gelesen und wie viel erzählt wird, entscheidet der Gast selbst. Danach werden die Stühle beiseitegeräumt, es gibt Kleinigkeiten zu essen, und am Büchertisch signieren Autorin oder Autor die Bücher, die an diesem Abend verkauft werden.
Wie findet man eine Wohnzimmerlesung in der Nähe?
Wohnzimmerlesungen werden meist über soziale Netzwerke, E-Mail-Verteiler oder Mundpropaganda angekündigt, weil die Plätze knapp sind. Hilfreich ist es, lokale Buchhandlungen, Lesezirkel und Autorinnen aus der Region zu verfolgen, die solche Abende oft mitorganisieren. Manche Gastgeber übertragen ihre Lesungen zusätzlich per Livestream, sodass auch Interessierte von weiter weg zuschauen können.
Weiter in Lesen & Leben
- Leseliste Bücher zum Lachen: lustige Bücher für Groß und Klein, von Loriot an
Zwei Herren sitzen versehentlich in derselben Badewanne und streiten über eine Gummiente. Aus solchen Szenen entstehen Bücher, die man in der Bahn besser nicht liest – jedenfalls nicht, wenn man leise bleiben muss.
- Lesung Männerspagat: Hajo Schumacher liest in der Schatzinsel Solingen
Ein Autor, der nicht hinter dem Tisch sitzen bleibt, ein Zeitungsausschnitt in der Hand und ein Publikum, das mehr bekommt als erwartet. Die Lesung zu „Männerspagat“ in Solingen zeigte, was eine gute Buchpräsentation leisten kann.
- Essay Braucht es Verrisse? Über harte Kritik an Büchern und klares Urteilen
Im März 2017 fragte ein vieldiskutierter Text, wozu es Verrisse braucht. Die Antworten zeigten, dass es dabei um mehr geht als um Bücher: um den Mut zum Urteil und um das Recht, sich zu irren.
- Essay Keine halben Sachen: warum ein Buchmesse-Besuch auch ausfallen darf
„Was gibt es denn Neues?“ Die Standardfrage auf jeder Buchmesse kann zur Last werden, wenn die ehrliche Antwort „nichts“ lautet. Manchmal ist eine Pause die bessere Messevorbereitung.