Fjodor: der griesgrämige Kabeljau von Christiansen und Janosa
Ein Mann steigt aus dem Meer, eine Hand in der Jackentasche, so wie ein Vater, der abends von der Arbeit nach Hause kommt. Am Strand wartet ein Junge auf ihn. Diese kurze Prosaskizze schrieb der norwegische Autor Pål H. Christiansen Ende der 1980er-Jahre, als er in Lillehammer lebte. Jahre später, als ein Verleger ihn um eine Geschichte für Kinder bat, holte er den Stapel alter Entwürfe wieder hervor und stellte sich zwei Fragen. Wo kommt der Vater her? Von der Arbeit, wo er Fische repariert. Und was steckt in der Tasche? Ein Kabeljau namens Fjodor.
Ein Fisch mit schlechter Laune
So entstand die Figur, die Kinder in Norwegen und später auch in Deutschland kennenlernten: ein griesgrämiger, frecher Kabeljau, der sich über vieles aufregt und gerade deshalb so unterhaltsam ist. Christiansen erzählte, dass Kabeljaue ohnehin immer wieder in seine Texte schwammen, schon in seinem ersten Roman von 1989. Richtig Platz bekam einer von ihnen erst, als er für Kinder zu schreiben begann.
Der erste Band trägt den Titel „Fjodor flippt aus“. Im Juni 2013 erschien mit „Fjodor und der große Knall“ der dritte Band auf Deutsch, und zwei weitere lagen zu diesem Zeitpunkt fertig vor: „Fjodor in der Schule“ und „Fjodor auf dem Eis“. Christiansen deutete an, dass noch mehr Geschichten in seiner Schublade warteten.
Humor war dabei nicht von Anfang an sein Ding. Seine frühesten Texte, so beschrieb er es selbst, waren kurz, sehr ernst und sehr symbolisch, eine Art Kafka-Übung über einen einsamen jungen Mann auf der Suche nach sich selbst. Erst später merkte er, dass es mit etwas Humor besser klappte.
Musik von Felix Janosa
Die deutsche Ausgabe der Reihe ist mehr als eine Übersetzung. Für die Bücher schrieb der Komponist Felix Janosa Songs, die zusammen mit dem Text erscheinen und die Geschichte ergänzen. Janosa ist vielen Familien durch „Ritter Rost“ bekannt, die Musical-Buchreihe, die er mit dem Autor und Illustrator Jörg Hilbert entwickelte. Außerdem stammt von ihm das „Rap-Huhn“, eine Sammlung von zehn Kinderliedern, die in Deutschland zu einem kleinen Hit wurde.
Janosa selbst beschrieb sich als besseren Komponisten denn Geschichtenerfinder. Die Zusammenarbeit mit Autoren wie Hilbert oder Christiansen gebe ihm Figuren, die er sich nicht selbst ausdenken müsse. Seine musikalische Prägung ist unverkennbar: Als Jugendlicher hörte er vor allem Musik mit Witz, von den Beatles über Udo Lindenberg und Randy Newman bis Frank Zappa. Anspruchsvolle Musik mit komischen Texten wurde daraus sein eigenes Programm.
Bei Fjodor funktioniert die Musik anders als bei „Ritter Rost“. Statt eines Musicals mit vielen singenden Rollen gibt es lange Erzählpassagen und dazwischen einzelne Songs. Nur ein einziger Sänger tritt auf, in der Rolle des Sängers Bobby Berg, und übernimmt eine Art zweite, musikalische Erzählstimme neben dem eigentlichen Sprecher. Alle Lieder mussten auf diese eine Stimme zugeschnitten werden.
Christiansen gefiel die Mischung. Manche Songs folgen der Handlung genau, andere biegen ab und entwickeln einen eigenen Ton, und gerade das erweitere sein Fjodor-Universum.
Norwegische Kinderliteratur zwischen Pippi und Kurt
Aus deutscher Sicht sieht Kinderliteratur aus dem Norden oft einheitlich aus, irgendwo zwischen „Pippi Langstrumpf“ und „Pettersson und Findus“. Christiansen widersprach diesem Bild. Schweden habe seit 1945 eine starke Kinderliteratur mit Astrid Lindgren als Galionsfigur, deren Geschichten um Emil, Pippi und Karlsson vom Dach damals frecher und verrückter gewesen seien als vieles andere.
Norwegen hatte eigene prägende Namen: Thorbjørn Egner, Alf Prøysen und Anne-Cath. Vestly, die alle drei geschickt mit dem Radio arbeiteten und stilistisch sehr unterschiedlich waren. In den letzten Jahrzehnten hat das Land Kinderbücher hervorgebracht, die das Genre weiterentwickelten, etwa Erlend Loes Geschichten um den Gabelstaplerfahrer Kurt.
Fjodor passt in diese Linie. Der Kabeljau ist schlecht gelaunt, die Welt um ihn herum ein wenig absurd, und niemand erklärt den Kindern, was sie daraus lernen sollen.
Für wen die Reihe passt
Die Bücher eignen sich für Kinder im Vor- und Grundschulalter, die gern zuhören und Musik mögen. Weil die Songs in die Erzählung eingebettet sind, funktionieren die Geschichten besonders gut als Hörerlebnis, bei langen Autofahrten ebenso wie abends im Kinderzimmer. Wer „Ritter Rost“ schon auswendig kennt, findet hier Janosas Handschrift wieder, allerdings in einer ruhigeren, erzählerischen Form.
Auch für Erwachsene ist die Reihe erträglich, und das ist bei Büchern, die man zum zwanzigsten Mal vorlesen muss, kein kleines Kompliment. Der trockene Humor und die Figur eines Fisches, der sich über alles beschwert, sprechen beide Seiten an.
Die Reihe ist zugleich ein kleines Beispiel für deutsch-norwegische Zusammenarbeit im Kinderbuch: ein norwegischer Text, eine deutsche Musik, und am Ende ein Produkt, das es in dieser Form in keinem der beiden Länder allein gegeben hätte. Janosa nannte es mit einem Augenzwinkern die Mischung aus norwegischer Fischigkeit und deutscher Rostigkeit.
Auf die Frage, ob er auf weitere Bände vorbereitet sei, antwortete der Komponist übrigens ohne Zögern und nannte seinen Partner dabei „Käpt’n Kabeljau“.
Häufige Fragen
Wer hat die Fjodor-Bücher geschrieben?
Die Geschichten um den griesgrämigen Kabeljau Fjodor stammen vom norwegischen Schriftsteller Pål H. Christiansen. Für die deutschen Ausgaben schrieb der Komponist Felix Janosa, bekannt durch die Musik zu „Ritter Rost“, die Songs. Die Bücher erschienen zusammen mit einer Audiofassung, in der ein Erzähler die Geschichte vorträgt und ein Sänger als zusätzliche musikalische Erzählstimme auftritt.
Welche Fjodor-Bände gibt es?
Der erste Band heißt „Fjodor flippt aus“. Als dritter Band erschien 2013 in Deutschland „Fjodor und der große Knall“. Pål H. Christiansen hatte zu diesem Zeitpunkt zwei weitere Bände fertig, „Fjodor in der Schule“ und „Fjodor auf dem Eis“, und nach eigener Aussage noch weitere Ideen in der Schublade.
Für welches Alter eignen sich die Fjodor-Bücher?
Die Reihe richtet sich an Kinder im Vor- und Grundschulalter, die gern vorgelesen bekommen und Musik mögen. Die langen Erzählpassagen mit eingestreuten Songs eignen sich gut für gemeinsames Hören im Auto oder vor dem Schlafengehen. Der trockene, leicht absurde Humor spricht auch Erwachsene an, was das wiederholte Vorlesen erträglicher macht als bei manch anderem Kinderbuch.
Was unterscheidet Fjodor von „Ritter Rost“?
„Ritter Rost“ ist ein Musical mit vielen singenden Rollen. Fjodor funktioniert anders: Es ist vor allem ein erzähltes Kinder- und Hörbuch, in das eine Reihe von Songs eingebettet ist. Es gibt nur einen Sänger, der als Figur Bobby Berg auftritt und die Geschichte musikalisch begleitet. Felix Janosa musste deshalb alle Lieder auf diese eine Stimme zuschneiden.
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