Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen – ist das das perfekte Buch?
Ein Glas mit Wasser aus dem Fluss, ein Notizbuch und ein Großvater, der schweigend durch sein Mikroskop blickt: Mit solchen Bildern baut Jacqueline Kelly die Welt von Calpurnia Tate auf. Die Heldin ist fast zwölf, es ist der Sommer 1899, und in Texas ist es so heiß, dass jeder Schatten kostbar wird.
„Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“ ist ein Jugendroman, der die alte Frage nach dem perfekten Buch neu stellt. Gemeint ist ein Buch, bei dem Geschichte, Sprache, Botschaft und Gestaltung so gut zusammenpassen, dass nichts zu fehlen scheint. Bei Kelly liegt der Reiz gerade darin, dass der Roman auf die üblichen Spannungsmittel verzichtet und dennoch nie langweilt.
Ein Mädchen zwischen sechs Brüdern und einer Baumwollfarm
Calpurnia wächst mit ihren Eltern und sechs Brüdern auf einer Baumwollfarm auf. Von ihr wird erwartet, dass sie kochen, nähen und später einen passenden Mann heiraten lernt. Sie selbst interessiert sich für etwas ganz anderes: für Heuschrecken, Raupen, Pflanzen am Flussufer und die Frage, warum manche Tiere gelb und andere grün sind.
Ihr Verbündeter ist ausgerechnet der Großvater, ein kluger und eigenwilliger alter Mann, den der Rest der Familie eher meidet. Er gibt ihr Zugang zu seiner Bibliothek, nimmt sie auf naturkundliche Exkursionen mit und behandelt ihre Fragen so ernst, wie es sonst niemand tut. Dass Calpurnias Mutter diese Allianz mit wachsendem Unbehagen beobachtet, gehört zu den stillen Konflikten des Buches.
Beim Verlag: Hanser
Charles Darwin im Bücherregal
Der deutsche Titel spielt mit dem Wort Evolution, und das nicht ohne Grund. Darwins Buch über die Entstehung der Arten war um 1899 noch umstritten, in manchen Kreisen sogar anstößig. Dass ein Mädchen es liest und sich darin wiederfindet, ist für Calpurnias Umgebung beinahe unerhört.
Kelly macht daraus kein Lehrbuch. Die Naturwissenschaft zeigt sich in kleinen Beobachtungen, im geduldigen Aufschreiben, im Scheitern eines Experiments. Wer als Jugendliche oder Jugendlicher selbst gern Dinge sammelt, bestimmt oder unter die Lupe nimmt, findet in Calpurnia eine Figur, die dieses Staunen ernst nimmt.
Die zweite Evolution ist die der Heldin selbst. Calpurnia beginnt zu begreifen, wie eng die Grenzen sind, die ihr als Mädchen gesetzt werden, und wie viel Mut es kostet, sich nicht einfach damit abzufinden.
Kopfkino statt Spannungsbogen
Die große Stärke des Romans liegt in seiner Anschaulichkeit. Hitze und Kälte, Tiere und Pflanzen, Geräusche, Kleidung und Menschen werden so genau beschrieben, dass beim Lesen ein ganzer Film entsteht. Selbst die Küche der Farm scheint zu duften, wenn dort für die große Familie gekocht wird.
Einen klassischen Spannungsbogen mit Höhepunkt und Auflösung gibt es kaum. Die Handlung bewegt sich in Episoden durch ein Jahr, vom glühenden Sommer bis in einen Winter, der noch eine Überraschung bereithält. Das verlangt von jungen Lesern etwas Geduld, belohnt sie aber mit Figuren, von denen man sich am Ende nur ungern verabschiedet.
Genau darin liegt die Antwort auf die Titelfrage. Ein perfektes Buch muss nicht atemlos machen. Es kann auch dazu bringen, langsamer zu lesen als sonst, um keinen Moment zu verpassen.
Für wen sich das Buch eignet
Der Hanser Verlag empfiehlt den Roman ab zwölf Jahren. Die Altersangabe passt, weil die Heldin selbst in diesem Alter ist und ihre Fragen, Zweifel und Wutausbrüche nah an der Erfahrungswelt junger Leserinnen liegen. Für Zehnjährige, die schon viel lesen, kann das Buch ebenfalls funktionieren, vor allem als gemeinsame Lektüre.
Besonders geeignet ist es für Kinder, die sich für Natur und Tiere interessieren und gern draußen unterwegs sind. Auch als Einstieg in Gespräche über Gleichberechtigung eignet sich der Roman gut, weil er das Thema nie mit erhobenem Zeigefinger behandelt. Calpurnias Situation erklärt sich aus der Handlung, nicht aus Belehrungen.
Erwachsene lesen den Roman mit einem anderen Blick. Sie erkennen die Ironie in manchen Szenen schneller als junge Leser, etwa wenn Calpurnia in Handarbeitsstunden gezwungen wird, während draußen die interessantesten Käfer vorbeikrabbeln.
Autorin, Übersetzung und Ausgabe
Jacqueline Kelly wurde in Neuseeland geboren, wuchs in Kanada und Texas auf und arbeitete als Ärztin und später als Anwältin, bevor sie mit der Geschichte von Calpurnia ihren ersten Roman vorlegte. Die Liebe zur genauen Beobachtung, die man einer Medizinerin zutraut, ist dem Buch anzumerken. 2015 ließ sie mit „The Curious World of Calpurnia Tate“ eine Fortsetzung folgen.
Die deutsche Fassung stammt von Birgitt Kollmann, die den leicht altmodischen Ton der Erzählung gut ins Deutsche überträgt. Der Roman erschien bei Hanser unter der ISBN 978-3-446-24165-7; weitere Informationen gibt der Hanser Verlag auf seiner Buchseite. Das englische Original trägt den Titel „The Evolution of Calpurnia Tate“.
Erzählt wird aus Calpurnias Sicht, rückblickend und mit einem feinen Humor, der die Strenge der Zeit abmildert. Gerade diese Erzählstimme sorgt dafür, dass die vielen Naturbeschreibungen nie trocken wirken.
Bleibt eine kleine Frage für die Lektüre zu zweit: Wer beim Lesen einen eigenen Notizblock neben das Buch legt und aufschreibt, was im Garten oder im Park zu entdecken ist, wird überrascht sein, wie schnell aus einer Geschichte über 1899 ein Sommerprojekt für heute wird.
Häufige Fragen
Worum geht es in „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“?
Der Roman spielt im Sommer 1899 auf einer Baumwollfarm in Texas. Die fast zwölfjährige Calpurnia lebt dort mit ihren Eltern und sechs Brüdern und möchte Naturforscherin werden, was für ein Mädchen ihrer Zeit kaum vorstellbar ist. Unterstützung findet sie bei ihrem eigenwilligen Großvater, der ihr seine Bibliothek öffnet und sie zu naturkundlichen Streifzügen mitnimmt. Ihre Mutter sieht diese Neigung dagegen mit wachsender Sorge.
Ab welchem Alter ist das Buch geeignet?
Der Hanser Verlag empfiehlt den Roman ab zwölf Jahren. Die Sprache ist gut verständlich, verlangt aber Geduld für Beschreibungen von Pflanzen, Tieren und Alltag um 1900. Leserinnen und Leser, die gern beobachten und Fragen stellen, kommen besonders auf ihre Kosten. Auch Erwachsene lesen das Buch mit Gewinn, weil es die Rolle von Mädchen und Frauen um die Jahrhundertwende sehr anschaulich zeigt.
Wer hat den Roman ins Deutsche übersetzt?
Die deutsche Ausgabe erschien im Hanser Verlag in der Übersetzung von Birgitt Kollmann. Das englische Original heißt „The Evolution of Calpurnia Tate“, erschien 2009 in den USA und wurde 2010 mit einer Newbery Honor ausgezeichnet. Der deutsche Titel spielt mit dem Wort Evolution, weil Charles Darwins Werk über die Entstehung der Arten im Roman eine wichtige Rolle spielt.
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