Zum Inhalt springen
Lesen·Leben·Lachen

Startseite / Lesen & Leben

Buchladen Neusser Straße: Lesemarathon in Köln-Nippes im Schaufenster

Ein Mikrofon, ein Stuhl, eine Schaufensterscheibe und davor ein Stück Gehweg an der Neusser Straße: Mehr brauchte es nicht für den zweiten Lesemarathon des Buchladens Neusser Straße in Köln-Nippes. Am Samstag vor dem Welttag des Buches 2012 nahmen von 10 bis 17 Uhr nacheinander Vorleserinnen und Vorleser im Fenster Platz, jede und jeder für etwa zehn Minuten, mit einem Lieblingsbuch in der Hand. Eine kleine Übertragungsanlage trug die Stimmen nach draußen, wo sich immer wieder Leute sammelten, stehen blieben, zuhörten und dann weitergingen.

Wie der Lesemarathon funktionierte

Die Idee war schlicht und genau deshalb wirkungsvoll. Die Buchhandlung lud einige Wochen vorher per Brief Freunde des Ladens, Menschen aus Nippes und den benachbarten Vierteln ein, sich zu beteiligen. Wer zusagte, bekam einen Zeitslot und wählte selbst, was gelesen wurde. So entstand über den Tag ein Programm, das niemand hätte planen können: ein Bilderbuch neben einem Roman, ein Gedicht neben einer Krimiszene.

Zu den Mitlesenden gehörten 2012 unter anderem Wibke Ladwig, die Literaturmoderatorin Antje Deistler mit ihrem Sohn Frederik und Frank Schmeißer. Im Laden selbst war es voll, während draußen gelesen wurde, und zwischen den Auftritten ergaben sich Gespräche über Bücher, die man sonst vielleicht nie geführt hätte.

Vorgelesen wurde auch ein Bilderbuch, das auf solchen Veranstaltungen gern für Lacher sorgt: „Ich bin der Stärkste im ganzen Land“ von Mario Ramos, erschienen im Moritz Verlag. Ein Wolf spaziert darin durch den Wald und fragt jeden, dem er begegnet, wer der Stärkste sei, bis er am Ende eine Antwort bekommt, mit der er nicht gerechnet hat. Für zehn Minuten im Schaufenster ist das eine ideale Wahl, weil die Geschichte kurz ist, eine klare Pointe hat und auch ohne Bilder über Lautsprecher funktioniert.

Am Ende bekam jede Vorleserin und jeder Vorleser ein kleines Dankeschön vom Buchladen. Nicht alle Mitwirkenden kamen aus Köln: Eine Vorleserin war eigens aus Solingen angereist, um ihr Lieblingsbilderbuch ins Schaufenster zu tragen.

Warum der Welttag des Buches Anlass war

Der 23. April ist seit 1995 der von der UNESCO ausgerufene Welttag des Buches und des Urheberrechts. Das Datum hat zwei Wurzeln. In Katalonien verschenkt man am Georgstag traditionell Rosen und Bücher, und am 23. April 1616 starben, zumindest nach den überlieferten Daten, sowohl Miguel de Cervantes als auch William Shakespeare. In Deutschland verbindet sich der Tag vor allem mit Aktionen für Kinder: Schulklassen besuchen Buchhandlungen, und viele Läden organisieren eigene Lesungen.

Ein Lesemarathon passt gut zu diesem Anlass, weil er das Buch aus dem Regal in den öffentlichen Raum holt. Wer zufällig an einem Samstagvormittag vorbeikommt, um Brötchen zu holen, wird Zuhörer, ohne es geplant zu haben.

Hinzu kommt ein zweiter Effekt, der sich bei solchen Veranstaltungen immer wieder beobachten lässt. Die Vorlesenden sind keine Profis, und genau das senkt die Schwelle. Wer eine Nachbarin im Schaufenster sitzen sieht, die mit leicht zitternder Stimme aus ihrem Lieblingsroman liest, hört anders zu als bei einer Autorenlesung mit Moderation und Signiertisch. Es entsteht eine Nähe, die kein Marketing erzeugen kann, und manches Buch, das an diesem Tag gelesen wird, wandert anschließend über die Ladentheke, weil jemand wissen will, wie die Geschichte weitergeht.

Was eine Viertelbuchhandlung ausmacht

Der Buchladen Neusser Straße ist ein Beispiel für eine Buchhandlung, die ihr Viertel kennt und mit ihm arbeitet. Solche Läden leben weniger vom schnellen Bestsellerumsatz als von Stammkundschaft, Beratung und Veranstaltungen. Ein Brief, der Kundinnen und Kunden persönlich zum Vorlesen einlädt, ist dafür typisch: Er macht aus der Kundschaft eine Gemeinschaft.

In Nippes, einem dicht bebauten Veedel mit Wochenmarkt und vielen kleinen Geschäften, funktioniert das besonders gut. Die Neusser Straße ist eine der Hauptachsen des Viertels, und ein Schaufenster dort sieht an einem Samstag viele Menschen. Wer als Buchhandlung eine solche Lage hat, kann sie als Bühne nutzen, statt nur Ware auszustellen.

Auffällig ist, wie wenig Aufwand das Format braucht. Ein Mikrofon, ein Lautsprecher, eine Liste mit Zeitfenstern, ein paar Getränke für die Mitwirkenden. Der eigentliche Wert liegt in den Menschen, die kommen und ihr Lieblingsbuch teilen, und in der Mischung, die dabei entsteht.

Ein Lesemarathon zum Nachmachen

Das Konzept lässt sich auf Bibliotheken, Schulen, Cafés oder Stadtteilzentren übertragen. Einige Punkte helfen dabei:

  • kurze, feste Zeitfenster von zehn bis fünfzehn Minuten, damit viele drankommen
  • eine bunte Mischung aus Kinderbüchern, Romanen, Lyrik und Sachtexten
  • eine Übertragung nach draußen oder ein Platz mit Laufkundschaft
  • persönliche Einladungen statt eines anonymen Aufrufs

Kinder als Vorleser sind dabei ein besonderer Gewinn. Wer mit zehn Jahren einmal im Schaufenster einer Buchhandlung gelesen hat, vergisst das so schnell nicht. Die Sorge, dass sich niemand traut, erweist sich meist als unbegründet, sobald die ersten zwei, drei Lesenden den Anfang gemacht haben.

Auch die Buchauswahl ist ein eigenes kleines Thema. Texte, die laut gelesen gut klingen, sind nicht immer dieselben, die man leise am liebsten mag. Dialoglastige Szenen, Gedichte mit Rhythmus und Bilderbücher mit wiederkehrenden Sätzen tragen über Lautsprecher besser als lange Beschreibungen.

Eine praktische Frage bleibt bei jedem Lesemarathon im April offen, und kein Veranstalter kann sie vorher klären: das Wetter auf dem Gehweg.

Häufige Fragen

Was ist ein Lesemarathon in einer Buchhandlung?

Bei einem Lesemarathon lesen viele Menschen nacheinander über mehrere Stunden aus Büchern vor, jede Person nur wenige Minuten. Beim Buchladen Neusser Straße in Köln-Nippes saßen die Vorleser 2012 jeweils rund zehn Minuten im Schaufenster, zwischen 10 und 17 Uhr. Eingeladen waren Stammkunden, Nachbarn und Freunde des Ladens, die ein Lieblingsbuch mitbrachten. Eine Übertragung nach draußen machte die Lesung auch für Passanten hörbar.

Wann ist der Welttag des Buches?

Der Welttag des Buches und des Urheberrechts wird jedes Jahr am 23. April begangen. Die UNESCO hat ihn 1995 ausgerufen. Das Datum geht auf eine katalanische Tradition zurück, zum Namenstag des heiligen Georg Rosen und Bücher zu verschenken, und fällt zudem auf den Todestag von Miguel de Cervantes und William Shakespeare. Buchhandlungen, Bibliotheken und Schulen veranstalten rund um diesen Tag Lesungen und Aktionen.

Welche Buchhandlungen gibt es in Köln-Nippes?

Nippes ist ein lebendiges Kölner Veedel mit inhabergeführten Geschäften. Zu den Buchhandlungen dort gehört der Buchladen Neusser Straße, der mit Aktionen wie dem Lesemarathon zum Welttag des Buches bekannt wurde. Die Neusser Straße ist die wichtigste Einkaufsstraße des Viertels, der Wilhelmplatz mit seinem Wochenmarkt sein Zentrum. Aktuelle Öffnungszeiten und Veranstaltungen stehen auf den Websites der Läden.

Weiter in Lesen & Leben

Alle Beiträge in Lesen & Leben