Bücher für Eltern: sieben Ratgeber, die im Familienalltag Halt geben
Ein Dreijähriger liegt schreiend auf dem Boden eines Supermarkts, weil die Banane zerbrochen ist. Die Umstehenden schauen, und in den Eltern meldet sich eine Stimme, die nach der eigenen Mutter oder dem eigenen Vater klingt. Bücher für Eltern, die in solchen Momenten weiterhelfen, erklären selten nur, was jetzt zu tun ist. Die besseren unter ihnen erklären auch, woher diese Stimme kommt.
Die folgende Auswahl stellt sieben Titel vor, die in Buchhandlungen, Elternkursen und Beratungsstellen immer wieder empfohlen werden. Sie sind nach Anliegen sortiert: zuerst zwei Bücher über die Kindheit der Erwachsenen, dann zwei Klassiker über Haltung und Entwicklung, schließlich drei Titel für die anstrengenden Phasen. Kein Buch deckt alles ab, und kein Buch ersetzt die Beziehung zum eigenen Kind. Aber einige verändern den Blick darauf nachhaltig.
Woran sich gute Bücher für Eltern erkennen lassen
Der Markt für Erziehungsratgeber ist riesig, und viele Titel versprechen schnelle Lösungen: das Kind in drei Nächten zum Durchschlafen bringen, Wutanfälle in einer Woche beenden. Solche Versprechen halten selten. Kinder sind verschieden, Familien auch, und eine Methode, die bei einem Kind wirkt, scheitert beim Geschwisterkind.
Brauchbare Bücher für Eltern erkennt man an ein paar Merkmalen. Sie erklären, warum Kinder sich so verhalten, statt nur Techniken zu liefern. Sie nehmen die Gefühle der Erwachsenen ebenso ernst wie die der Kinder. Sie geben zu, wo ihr Wissen endet. Und sie machen Eltern kein schlechtes Gewissen, sondern trauen ihnen zu, selbst Entscheidungen zu treffen.
Hilfreich ist auch ein Blick auf die Autorinnen und Autoren. Unter den sieben Titeln hier stammen fünf von Therapeuten, Psychologen oder Ärzten, zwei von Autorinnen, die aus Journalismus und Familienalltag kommen. Beide Zugänge haben ihren Wert. Die Fachleute liefern Hintergrund, die Praktikerinnen den Blick auf den Morgen, an dem niemand die Schuhe anziehen will.
Ein letzter Punkt betrifft die Menge. Wer fünf Ratgeber gleichzeitig liest, bekommt fünf verschiedene Stimmen im Kopf, die sich widersprechen. Sinnvoller ist ein Buch, das man in Ruhe liest, ausprobiert und später wieder aufschlägt.
Bücher für Eltern über die eigene Kindheit
Philippa Perry: „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen“
Der Titel ist lang, und er ist Programm. Philippa Perry ist britische Psychotherapeutin, Autorin und Moderatorin, und ihr Buch erschien im englischen Original 2019 als „The Book You Wish Your Parents Had Read“. Auf Deutsch liegt es bei Ullstein vor, vollständig heißt es „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen (und deine Kinder werden froh sein, wenn du es gelesen hast)“. Es wurde in mehr als vierzig Sprachen übersetzt.
Perrys Ausgangspunkt ist einfach und unbequem: Eltern geben weiter, was sie selbst erfahren haben, oft ohne es zu merken. Wer als Kind für Tränen ausgelacht wurde, reagiert auf die Tränen des eigenen Kindes womöglich mit Ungeduld, obwohl er es besser weiß. Das Buch lädt dazu ein, solche Muster zu erkennen, statt sich für sie zu verurteilen.
Besonders hilfreich ist Perrys Umgang mit Fehlern. Sie geht davon aus, dass alle Eltern Fehler machen, und hält die Reparatur für wichtiger als die Vermeidung. Ein Kind, das erlebt, dass ein Erwachsener sich entschuldigt und die Situation aufarbeitet, lernt mehr über Beziehungen als eines, dessen Eltern nie zugeben, falschzuliegen. Dazu kommen Kapitel über Gefühle, über Kommunikation und über die Frage, wie Kinder Verhalten als Mitteilung nutzen.
Das Buch eignet sich für Eltern in jeder Phase, auch für werdende Eltern und für jene, deren Kinder längst erwachsen sind. Wenn Sie nur eines dieser Bücher lesen wollen, spricht viel für dieses. Der Titel bleibt vielen im Kopf, nur der genaue Wortlaut nicht: Im Gespräch wird daraus „das Buch, das meine Eltern hätten lesen sollten“ oder „ich wünschte, meine Eltern hätten das Buch gelesen“. Gemeint ist fast immer dasselbe Werk, und der Wunsch hinter der Verwechslung sagt viel über seine Wirkung. Später erschien von Perry ein zweites Buch mit ähnlichem Titelmuster: „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Liebsten würden es lesen“.
Beim Verlag: Ullstein
Stefanie Stahl: „Das Kind in dir muss Heimat finden“
Stefanie Stahl ist Psychologin und Psychotherapeutin, ihr Buch erschien 2015 und stand danach über Jahre auf den Bestsellerlisten. Um Kindererziehung geht es darin kaum. „Stattdessen hat es etwas mit dir zu tun“ – so ließe sich in einem Satz sagen, worauf Stefanie Stahls Arbeit hinausläuft: auf die Kindheit der Erwachsenen und darauf, was sie bis heute im Alltag anrichtet.
Stahl arbeitet mit zwei Bildern. Das Schattenkind trägt die verletzenden Glaubenssätze, die ein Mensch aus der Kindheit mitgenommen hat, etwa „Ich bin nicht gut genug“. Das Sonnenkind steht für die gesunden, lebensfrohen Anteile. Das Buch zeigt mit Übungen, wie sich beide Seiten erkennen lassen und wie die erwachsene Person lernt, das eigene Schattenkind zu trösten, statt von ihm gesteuert zu werden.
Für Eltern ist das Buch vor allem deshalb wertvoll, weil Kinder genau die wunden Punkte treffen, die aus der eigenen Kindheit stammen. Wer weiß, warum ihn ein bestimmtes Verhalten des Kindes so wütend macht, kann bewusster reagieren. Das Buch eignet sich für alle, die schon vor der Frage „Wie erziehe ich?“ die Frage „Wer bin ich dabei?“ stellen möchten.
Ratgeber-Klassiker über Haltung und Entwicklung
Jesper Juul: „Dein kompetentes Kind“
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der 2019 starb, hat die Erziehungsdebatte im deutschsprachigen Raum geprägt wie kaum ein anderer. „Dein kompetentes Kind“ ist sein bekanntestes Buch. Der zentrale Begriff lautet Gleichwürdigkeit: Kinder und Erwachsene sind nicht gleichberechtigt, weil Eltern die Verantwortung tragen, aber sie verdienen denselben Respekt vor ihren Gefühlen und Grenzen.
Juul geht davon aus, dass Kinder von Geburt an sozial und kooperativ sind und dass viele Konflikte entstehen, wenn Erwachsene ihre eigene Führungsrolle nicht klar ausfüllen. Er plädiert dafür, persönlich zu sprechen, also „Ich will das nicht“ statt „Das macht man nicht“. Das Buch ist nicht als Anleitung aufgebaut, sondern als Nachdenken über Haltung, und es verlangt stellenweise Geduld. Für Eltern, die nach einer grundsätzlichen Orientierung suchen, bleibt es einer der wichtigsten Titel. Wer danach konkreter werden möchte, findet in Juuls „Nein aus Liebe“ die Fortsetzung des Gedankens: Grenzen setzen, ohne das Kind abzuwerten, und das eigene Nein als Auskunft über sich selbst verstehen statt als Urteil über das Kind.
Beim Verlag: Rowohlt
Remo H. Largo: „Kinderjahre“ und „Babyjahre“
Der Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo leitete über Jahrzehnte die Zürcher Longitudinalstudien, in denen die Entwicklung von Kindern von der Geburt bis ins Erwachsenenalter beobachtet wurde. Aus dieser Forschung entstanden „Babyjahre“ und „Kinderjahre“. Largo starb 2020.
Seine wichtigste Botschaft lautet, dass Kinder sich sehr unterschiedlich entwickeln. Manche laufen mit neun Monaten, andere mit zwanzig, und beides ist normal. Largo zeigt mit Daten und Grafiken, wie breit diese Spannen sind, und nimmt Eltern damit viel Druck. Statt ein Kind an einem Durchschnitt zu messen, sollen Eltern herausfinden, was dieses Kind gerade braucht. Largo nannte das „Passung“. Die Bücher eignen sich für Eltern, die Zusammenhänge verstehen wollen und Zahlen nicht scheuen.
Beim Verlag: Piper
Für die anstrengenden Phasen im Familienalltag
Danielle Graf und Katja Seide: „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“
Danielle Graf und Katja Seide begannen mit einer gleichnamigen Website über bedürfnisorientierte Erziehung, bevor sie ihr erstes Buch bei Beltz veröffentlichten. Es widmet sich der Autonomiephase, die umgangssprachlich Trotzphase heißt. Die Autorinnen erklären, was im Gehirn von Kleinkindern während eines Wutanfalls vorgeht und warum Strafen oder Belohnungen in diesem Moment wenig bewirken.
Der Ton ist zugewandt und oft witzig, die Beispiele stammen aus dem Familienalltag. Das Buch richtet sich an Eltern von Kindern zwischen etwa zwei und sechs Jahren, die weder autoritär noch grenzenlos erziehen wollen. 2020 folgte ein eigener Band über Geschwister.
Beim Verlag: Beltz
Nora Imlau: „So viel Freude, so viel Wut“
Die Journalistin Nora Imlau veröffentlichte ihr Buch 2018 bei Kösel. Es beschreibt sogenannte gefühlsstarke Kinder, die wilder, fordernder und zugleich empfindsamer sind als viele Gleichaltrige. Imlau erklärt, warum diese Kinder so anders reagieren und was sie von ihren Eltern brauchen, um mit ihren heftigen Gefühlen umgehen zu lernen. Ein Einschätzungsbogen hilft bei der Frage, ob das eigene Kind zu dieser Gruppe gehört.
Das Buch ist besonders für Eltern hilfreich, die das Gefühl haben, mit den üblichen Ratschlägen nicht weiterzukommen. Schon die Beschreibung kann entlasten, weil sie zeigt, dass das eigene Kind nicht falsch und die eigene Erziehung nicht gescheitert ist.
Beim Verlag: Kösel
Marshall B. Rosenberg: „Gewaltfreie Kommunikation“
Marshall B. Rosenberg war kein Erziehungsexperte, sondern amerikanischer Psychologe und Mediator. Seine Methode der Gewaltfreien Kommunikation, auf Deutsch im Junfermann Verlag erschienen, wird trotzdem in unzähligen Elternkursen vermittelt. Sie besteht aus vier Schritten: beobachten ohne zu bewerten, Gefühle benennen, Bedürfnisse erkennen und eine konkrete Bitte formulieren.
Im Familienalltag klingt das zunächst sperrig. Wer die vier Schritte aber ein paar Wochen übt, merkt, wie sich Konflikte verändern, wenn statt „Du bist so unordentlich“ ein Satz fällt wie „Ich sehe die Schuhe im Flur, und ich bin gestresst, weil ich gleich darüber stolpere“. Das Buch eignet sich für Eltern, die nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Partnern, Großeltern und Kollegen anders sprechen möchten.
Beim Verlag: Junfermann
Welches Buch wann hilft
Nicht jedes dieser Bücher passt in jede Lebensphase. Werdende Eltern sind mit Largo und Perry gut beraten, weil beide Erwartungen zurechtrücken, bevor der Alltag beginnt. In den Kleinkindjahren helfen Graf und Seide sowie Imlau, weil sie konkrete Situationen erklären. Stahl und Juul lohnen sich zu jedem Zeitpunkt, an dem die Frage nach der eigenen Rolle drängender wird als die nach der richtigen Methode.
Mit dem Schulalter verschieben sich die Themen erneut. Es geht dann weniger um Wutanfälle als um Hausaufgaben, Freundschaften, Medienzeit und die ersten Geheimnisse. Viele Ratgeber für diese Phase bleiben blass, weil sie jede Familie über einen Kamm scheren. Juul hat sich auch diesem Abschnitt gewidmet, sein Buch „Pubertät – wenn Erziehen nicht mehr geht“ richtet sich an Eltern, deren Kinder beginnen, sich abzulösen. Die Kernbotschaft passt zu seinem übrigen Werk: Wer bisher geführt hat, muss jetzt vor allem begleiten und aushalten, dass das eigene Kind andere Wege geht.
Perrys Buch bleibt auch in diesen Jahren nützlich, gerade weil es keine Altersstufen durchnummeriert. Seine Fragen stellen sich bei einem Vierjährigen ebenso wie bei einer Vierzehnjährigen: Was fühlt das Kind gerade? Was fühle ich? Und was davon gehört eigentlich zu meiner eigenen Geschichte?
Eine praktische Frage bleibt die Zeit. Mit einem Kleinkind im Haus schaffen viele Eltern kaum zehn Seiten am Abend, und ein Ratgeber mit 300 Seiten liegt dann monatelang auf dem Nachttisch. Hörbuchfassungen, die es von mehreren dieser Titel gibt, lösen das Problem teilweise. Bei Largo lohnt trotzdem das gedruckte Buch: Seine Aussagen leben von den Grafiken, auf denen die Spannweite der Entwicklung sichtbar wird, etwa wann Kinder ihre ersten freien Schritte machen.
Häufige Fragen
Worum geht es in „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen“?
Die britische Psychotherapeutin Philippa Perry beschreibt, wie die eigene Kindheit das Verhalten gegenüber den eigenen Kindern prägt. Sie zeigt, wie Eltern Fehler erkennen und wiedergutmachen, wie sie mit heftigen Gefühlen umgehen und wie eine Beziehung entsteht, in der sich Kinder ernst genommen fühlen. Das Buch ist kein Programm mit Regeln, sondern eine Anleitung zum Nachdenken, mit vielen Beispielen aus ihrer Praxis.
Welche Bücher für Eltern eignen sich in der Trotzphase?
Besonders verbreitet ist „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ von Danielle Graf und Katja Seide. Es erklärt, was im Gehirn von Kleinkindern während eines Wutanfalls passiert und wie Eltern ruhig bleiben können, ohne nachzugeben. Für Kinder mit besonders heftigen Gefühlen ergänzt Nora Imlaus „So viel Freude, so viel Wut“ den Blick.
Gibt es Elternbücher, die sich mit der eigenen Kindheit beschäftigen?
Ja, vor allem zwei: Philippa Perrys Buch und Stefanie Stahls „Das Kind in dir muss Heimat finden“. Stahl arbeitet mit dem Bild eines inneren Kindes, das Prägungen aus der eigenen Kindheit trägt. Das Buch ist kein Erziehungsratgeber im engeren Sinn, hilft aber vielen Eltern zu verstehen, warum bestimmte Situationen mit den eigenen Kindern so starke Reaktionen auslösen.
Welches Buch für Eltern passt vor der Geburt?
Vor der Geburt lohnt sich ein Buch, das die Entwicklung erklärt und Erwartungen zurechtrückt. Remo Largos „Babyjahre“ zeigt, wie unterschiedlich Kinder sich entwickeln und warum Vergleiche mit Gleichaltrigen wenig aussagen. Philippa Perrys Buch eignet sich ebenfalls schon vor der Geburt, weil es bei der Haltung der Eltern ansetzt und nicht bei konkreten Situationen.
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