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Am Wegesrand: Pflanzen auf Wanderungen bestimmen mit PictureThis & Co.
Die Wegwarte blüht nur am Vormittag. Wer mittags an einem Feldweg entlanggeht, sieht von ihr oft nur noch die geschlossenen, unscheinbaren Köpfe, und genau solche Details machen das Bestimmen von Pflanzen am Wegesrand zu einem Geduldsspiel. Mit einer App auf dem Smartphone ist es in den vergangenen Jahren deutlich einfacher geworden, und nebenbei dauert jede Wanderung plötzlich doppelt so lange.
Warum der Wegesrand so spannend ist
Wegränder sind eigene Lebensräume. Der Boden ist oft verdichtet, trocken und nährstoffreich, Menschen und Tiere treten darauf herum, und regelmäßig wird gemäht. Trotzdem, oder gerade deshalb, wächst dort eine erstaunliche Vielfalt. Spitzwegerich, Schafgarbe, Rainfarn, Wilde Möhre, Johanniskraut, Wegwarte: Viele dieser Pflanzen sind Spezialisten für schwierige Standorte und vermehren sich ganz von allein.
Wer sich mit Themen wie dem Klimawandel beschäftigt, schaut noch genauer hin. Welche Arten kommen mit trockenen Sommern zurecht? Welche breiten sich aus, welche verschwinden? Bücher wie „Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam“ haben den Blick vieler Leserinnen und Leser auf Wildpflanzen verändert, die sich ihren Platz selbst suchen, ohne dass jemand sie gesät hat.
Flora Incognita: kostenlos und wissenschaftlich
Eine der bekanntesten Apps zur Pflanzenbestimmung im deutschsprachigen Raum ist Flora Incognita. Sie wurde von der Technischen Universität Ilmenau und dem Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena entwickelt und ist kostenlos. Die App erkennt Pflanzen anhand von Fotos, oft verlangt sie mehrere Aufnahmen, etwa von Blüte und Blatt.
Bei blühenden Pflanzen sind die Ergebnisse meist zuverlässig. Schwieriger wird es bei jungen Pflanzen, die noch wachsen und keine Blüten tragen. Gerade im Frühsommer, wenn viele Wegrandpflanzen erst Blätter zeigen, kommt die App dann gelegentlich an ihre Grenzen. Ein Vorteil ist, dass die Beobachtungen in die Forschung einfließen und so zu einem besseren Bild der Pflanzenverbreitung beitragen.
PictureThis: umfangreich, aber kostenpflichtig
PictureThis ist eine kommerzielle Alternative. Die App bestimmt Pflanzen ebenfalls anhand von Fotos, liefert aber zusätzlich ausführliche Informationen zu Namen, Verbreitung, Giftigkeit und Pflege. Für den vollen Funktionsumfang ist ein Abonnement nötig.
In der Praxis erkennt PictureThis auch Pflanzen ohne Blüte vergleichsweise gut, und viele, die zuvor mit einer kostenlosen App unterwegs waren, sind deshalb umgestiegen. Ob sich das Abo lohnt, hängt davon ab, wie oft man bestimmt. Für gelegentliche Spaziergänge reicht meist die kostenlose Lösung, wer regelmäßig wandert und fotografiert, schätzt die Treffsicherheit.
Eine gute Gewohnheit bei beiden Apps: das Ergebnis mit einem zweiten Merkmal überprüfen. Kein Algorithmus ist unfehlbar, und gerade bei giftigen Doppelgängern, etwa zwischen Wilder Möhre und dem giftigen Gefleckten Schierling, sollte niemand allein einem Foto vertrauen.
Im Zweifel gilt: lieber stehen lassen.
Deutsche Namen und botanische Namen
Wer viele Pflanzen bestimmt, stößt schnell auf ein Problem. Dieselbe Pflanze trägt je nach Region mehrere deutsche Namen. Die Wegwarte heißt auch Gemeine Zichorie, der Rainfarn in manchen Gegenden Wurmkraut. Umgekehrt bezeichnet ein deutscher Name manchmal mehrere verschiedene Arten.
Eindeutig ist nur der botanische Name. Cichorium intybus meint überall auf der Welt dieselbe Pflanze. Im Buchhandel kennt man das Prinzip: Ein Titel ist erst durch seine ISBN eindeutig bestimmt, weil es von manchen Büchern zig Ausgaben gibt. Wer Pflanzenfotos sammelt und beschriftet, fährt mit dem botanischen Namen deshalb besser und ergänzt die deutschen Bezeichnungen dazu.
Wo die Apps an Grenzen stoßen
So praktisch die Bestimmung per Foto ist, sie ersetzt das eigene Hinsehen nicht. Gräser, Seggen und viele Doldenblütler sehen sich zum Verwechseln ähnlich und sind selbst für Fachleute nur mit Lupe und Bestimmungsschlüssel sicher zu unterscheiden. Auch Hybride und regionale Varianten bringen die Algorithmen durcheinander. Wer dann drei verschiedene Vorschläge für dieselbe Pflanze bekommt, lernt wenigstens, worauf es ankommt: Blattstellung, Behaarung, Form der Früchte.
Ein klassisches Bestimmungsbuch bleibt deshalb ein guter Begleiter, gerade in der Kombination. Die App liefert einen Namen, das Buch erklärt, warum er stimmt oder nicht. Wer beides nebeneinander nutzt, lernt mit der Zeit, viele Arten auch ohne Handy auf den ersten Blick zu erkennen, und genau das ist der eigentliche Gewinn.
Ein weiterer Punkt ist der Empfang. In abgelegenen Tälern funktioniert nicht jede App ohne Netz, und wer auf eine Online-Auswertung angewiesen ist, wartet dann bis zum nächsten Dorf. Fotos lassen sich aber auch später zu Hause bestimmen.
Wandern mit offenem Blick
Pflanzenbestimmung verändert das Wandern. Statt Kilometer abzuspulen, bleibt man stehen, fotografiert, liest nach, vergleicht. Das gilt im Bergischen Land genauso wie in Franken, in der Eifel oder an der Küste. Jede Region hat ihre eigenen Wegrandpflanzen, abhängig von Boden, Höhe und Klima.
Nebenbei fällt der Blick auch auf das, was um die Pflanzen herum passiert. Wo viel blüht, herrscht reger Flugverkehr von Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlingen. Wer einmal darauf achtet, sieht, wie wichtig ein ungemähter Wegrand für Insekten ist.
Ein paar Tipps für die erste Bestimmungstour:
- vormittags losgehen, weil dann viele Blüten geöffnet sind
- mehrere Fotos pro Pflanze machen, von Blüte, Blatt und Stängel
- Funde mit Ort und Datum notieren
- nichts pflücken, was geschützt sein könnte
Und Sie werden merken, dass sich eine kleine Sammlung schnell füllt. Offen bleibt nur, welche Pflanze am eigenen Wegesrand als Nächstes auftaucht, von der vorher niemand wusste, dass sie dort wächst.
Häufige Fragen
Welche App ist gut zum Pflanzen bestimmen?
Weit verbreitet sind Flora Incognita und PictureThis. Flora Incognita ist kostenlos und wurde von der Technischen Universität Ilmenau und dem Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena entwickelt. Sie liefert bei blühenden Pflanzen gute Ergebnisse, tut sich aber mit jungen Pflanzen ohne Blüte schwerer. PictureThis ist eine kostenpflichtige App, die Pflanzen anhand von Fotos erkennt und zusätzlich Pflegehinweise und Hintergrundinformationen liefert.
Ist PictureThis kostenlos?
PictureThis lässt sich kostenlos herunterladen und in begrenztem Umfang testen. Der volle Funktionsumfang, etwa unbegrenzte Bestimmungen und ausführliche Informationen, ist an ein kostenpflichtiges Abonnement gebunden. Die genauen Preise und Testzeiträume ändern sich und werden in den App-Stores angezeigt. Wer nur gelegentlich Pflanzen bestimmt, kommt oft mit einer kostenlosen Alternative wie Flora Incognita aus.
Welche Pflanzen wachsen typischerweise am Wegesrand?
Am Wegesrand wachsen vor allem robuste Arten, die Tritt, Trockenheit und nährstoffreiche Böden vertragen. Häufig sind Spitzwegerich und Breitwegerich, Schafgarbe, Löwenzahn, Wegwarte, Rainfarn, Wilde Möhre und Johanniskraut. Viele davon sind Pionierpflanzen, die sich auf offenen Flächen ohne menschliches Zutun ansiedeln. Welche Arten genau vorkommen, hängt von Boden, Klima und Pflege der Wegränder ab.
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