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„Dear Oxbridge“: Nele Pollatscheks Liebesbrief an England

Ein Zug bleibt in Manchester liegen, die Fahrgäste sitzen fest, und niemand beschwert sich. Wer aus Deutschland kommt, ärgert sich in solchen Momenten zuerst über die Verspätung und dann darüber, dass sich sonst niemand ärgert. Um genau solche Erfahrungen mit britischer Gelassenheit geht es in „Dear Oxbridge“ von Nele Pollatschek, einem Band mit Essays, der 2020 bei Galiani Berlin erschien und rund 240 Seiten umfasst.

Eine Innensicht auf England

Pollatschek hat in Cambridge und Oxford studiert, dort gelebt und sich mit dem arrangiert, was Besucher selten zu sehen bekommen: zugige Zimmer, verstopfte Toiletten, ein eigenwilliges Gesundheitssystem. Ihr Blick ist der von jemandem, der lange genug dort war, um die Widersprüche nicht mehr exotisch zu finden, und doch fremd genug geblieben ist, um sie zu benennen.

Das unterscheidet ihr Buch von vielen Englandbüchern, die aus der Ferne oder nach einem langen Wochenende in London geschrieben sind. Hier erzählt jemand aus der Mitte eines Systems, das die britische Gesellschaft bis heute prägt.

Aufmerksamkeit bekam die Autorin kurz vor dem britischen EU-Austritt mit einem Artikel in der ZEIT. Unter dem Titel „Die widerspenstige Insel“ erklärte sie, warum so viele Briten für den Brexit stimmten, obwohl sie eigentlich vor allem der eigenen Elite einen Denkzettel verpassen wollten. Der Text erklärte aus der Innensicht ein Thema, das auf dem Kontinent seit dem Referendum im Juni 2016 für Kopfschütteln sorgte.

Beim Verlag: Galiani Berlin

Wie Oxbridge funktioniert

Für das Verständnis der Essays hilft ein Blick darauf, wie die beiden Universitäten aufgebaut sind. Oxford und Cambridge bestehen aus Dutzenden Colleges, die jeweils eigene Wohnräume, Speisesäle, Bibliotheken und Traditionen haben. Studierende gehören immer einem College an, und dort findet ein großer Teil ihres Lebens statt.

Gelehrt wird in kleinen Runden, oft nur mit zwei oder drei Studierenden und einer Lehrkraft, die in Oxford Tutorials und in Cambridge Supervisions heißen. Diese Nähe ist ein Privileg, das viel Geld kostet und das nur ein Bruchteil der britischen Jugend je erlebt. Genau hier setzt Pollatscheks Kritik an der Elitenbildung an.

Kritik ohne Verachtung

Die größte Stärke des Buches liegt im differenzierten Blick. Pollatschek findet klare Worte für Missstände, für die Privilegien einer kleinen Schicht, für die Härten eines Systems, das Herkunft belohnt. Gleichzeitig erklärt sie die Hintergründe, statt vorschnell zu urteilen. Schwarz-Weiß-Denken liegt ihr fern.

Der Untertitel „Liebesbrief an England“ ist deshalb ernst gemeint. Bei aller Kritik schaut die Autorin aus Deutschland mit Zuneigung zurück. Wie so oft zeigt sich erst mit Abstand, was einen Ort ausmacht.

Schon die Anrede spielt mit dieser Nähe. Im Englischen gibt es keinen Unterschied zwischen „Sie“ und „du“, und diese fehlende Grenze schafft nach Pollatscheks Beobachtung eine besondere Vertrautheit.

Drei Kapitel, die hängen bleiben

Das Kapitel „Stiff upper lip: Britische Beschwerden“ beschäftigt sich mit dem britischen Stoizismus, jener Kunst, Ärger auszuhalten, ohne ihn laut werden zu lassen. Für deutsche Leser ist das ein Spiegel. Die Argumentation eines Professors, die Pollatschek wiedergibt, regt dazu an, über die eigene Neigung zu Empörung nachzudenken. Ein wenig britische Gelassenheit gegen etwas deutsche Beschwerdefreude zu tauschen, würde vermutlich beiden Ländern guttun.

„They: Gendern auf Englisch“ ist ein pointierter Essay über geschlechtergerechte Sprache. Er kreist um das Pronomen „they“, das im Englischen auch für Einzelpersonen verwendet wird, und um die Frage, was das Deutsche daraus lernen könnte. Wer die hiesige Debatte über Sternchen und Doppelpunkte verfolgt, findet hier eine erfrischend andere Perspektive.

Das Schlusskapitel „On Kindness: Das eigentliche Oxbridge“ ist das wärmste des Buches. Pollatschek beschreibt die Freundlichkeit, die sie in England erfahren hat, und übersetzt „kindness“ mit Großzügigkeit, als Gegenteil von Dienst nach Vorschrift. Es ist das Kapitel, nach dem sich das Buch mit einem guten Gefühl zuklappen lässt.

Für wen sich das Buch eignet

„Dear Oxbridge“ passt zu allen, die England kennen, lieben oder nicht verstehen. Wer selbst einmal dort studiert oder gearbeitet hat, wird vieles wiedererkennen. Wer das Land nur aus dem Urlaub kennt, bekommt einen Blick hinter die Fassade aus Tee, Queen und Doppeldeckerbussen.

Auch für Menschen, die sich für Bildungsgerechtigkeit interessieren, lohnt die Lektüre. Das Buch zeigt am Beispiel zweier berühmter Universitäten, wie Herkunft Chancen verteilt, und wie selbstverständlich das für diejenigen ist, die davon profitieren.

Der Ton bleibt dabei leicht. Pollatschek schreibt mit Witz, pointiert und ohne akademische Schwere. Die einzelnen Essays lassen sich unabhängig voneinander lesen, was das Buch auch für kurze Lesepausen tauglich macht.

Wer mit Klebezetteln liest, sollte einen größeren Vorrat bereitlegen.

Ein Satz zum Mitnehmen

Zum Kindness-Kapitel passt ein Motto, das in England auf Postern, Tassen und Postkarten kursiert: „In a world where you can be anything, be kind.“ Im Kontext des Buches wirkt der Spruch weniger kitschig, als er auf einer Tasse aussieht. Er trifft ziemlich genau, was Pollatschek unter dem eigentlichen Oxbridge versteht.

Ob die Autorin nach dem vollzogenen Brexit noch einmal über England schreiben wird, und wie ein solcher zweiter Brief dann klingen würde, bleibt eine spannende Frage.

Häufige Fragen

Worum geht es in „Dear Oxbridge“?

Nele Pollatschek erzählt in Essays von ihrer Zeit an den Universitäten Cambridge und Oxford. Sie beschreibt britische Eigenheiten, Klassenunterschiede, das Bildungssystem und den Alltag zwischen alten Colleges und maroden Wohnheimen. Der Untertitel „Liebesbrief an England“ ist Programm: Bei aller Kritik blickt die Autorin mit Zuneigung auf das Land und versucht zu erklären, warum es so ist, wie es ist.

Wer ist Nele Pollatschek?

Nele Pollatschek ist eine deutsche Schriftstellerin und Journalistin. Sie studierte in Cambridge und Oxford. Bekannt wurde sie mit ihrem Roman „Das Unglück anderer Leute“. Für Zeitungen wie die ZEIT schreibt sie regelmäßig, unter anderem über Großbritannien. Ihr Artikel „Die widerspenstige Insel“ erschien kurz vor dem britischen EU-Austritt und erklärte den Brexit aus ihrer Innensicht.

Was bedeutet „Oxbridge“?

Oxbridge ist ein Kofferwort aus Oxford und Cambridge, den beiden ältesten Universitäten Englands. Der Begriff steht im britischen Sprachgebrauch für die Elite-Hochschulen insgesamt und oft auch für die gesellschaftliche Schicht, aus der viele Politiker, Juristen und Journalisten des Landes stammen. Pollatschek nutzt ihn im Buchtitel, um persönliche Erinnerung und gesellschaftliche Analyse zusammenzubringen.

Hilft das Buch, den Brexit zu verstehen?

Das Buch ist keine politische Analyse im engeren Sinn, liefert aber viele Hintergründe. Pollatschek beschreibt, wie stark das britische Klassensystem den Alltag prägt und wie tief das Misstrauen gegenüber der eigenen Elite reicht. Wer verstehen möchte, warum 2016 eine Mehrheit für den Austritt aus der EU stimmte, obwohl viele damit vor allem der Oberschicht einen Denkzettel verpassen wollten, findet hier aufschlussreiche Beobachtungen.

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