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You go me on the cookie!

Bei vielen Dingen in unserem Leben schalten wir unbewusst auf unseren Autopiloten um. Autofahren, dabei den Nachrichten lauschen oder mit dem Beifahrer plaudern? Nichts leichter als das. Auch den immer gleichen Weg beispielsweise zur Arbeit laufen wir ganz automatisch. Genauso verhält es sich als Muttersprachler mit der deutschen Sprache. Der, die, das? Kein Problem! Redensarten, Sprichwörter? Eine meiner leichtesten Übungen! Pronomen, Präpositionen, Kasus? Hauptsache ich weiß, wie man es richtig macht.

Erwischt!

Ich erinnere mich noch genau an so manche Deutschfrage, die mir von meinen im Sprachniveau B1 oder B2 befindlichen Freunden oder Gastsöhnen gestellt wurde und von mir mit einem „Uff, das muss ich erst einmal nachschlagen.“ oder völlig verzweifelt mit „Das ist eben so.“ beantwortet wurde. Obwohl man hier nicht wirklich von „beantworten“ sprechen kann.

Die deutsche Sprache ist keine einfache Sprache. Geschrieben genauso wenig wie gesprochen. Wobei letzteres besonders auf Englisch sprechende Menschen zutrifft. Aber spätestens mit unseren Umlauten erwischen wir auch den letzten Araber, der sich bis dato in der deutschen Aussprache noch recht gut geschlagen hatte.

Wie schön also, dass man selbst Muttersprachler ist und Deutsch ohne große Überlegungen korrekt anwenden kann. Wirklich?

You go me on the cookie

Das Problem an oben bereits erwähntem Autopiloten ist, dass man bisweilen verlernt, achtsam bei dem zu sein, was man tut. Das gilt für das Autofahren genauso wie für unsere deutsche Sprache. Manchmal muss erst jemand kommen, der einen mit der Nase drauf stößt.

Amerikanisches Englisch hört sich für mich wie Wasser an, das in einem Fass hin und her schwappt; und das im Radio gesprochene Deutsch wie dunkelrote Herbstblätter, die unter den Füßen knirschen. Kross. Akzentuiert. Elegant.
Dana Newman, You go me on the cookie, Seite 50

Wie schön, dass jemand, der der Verzweiflung beim Lernen der deutschen Sprache so nah ist, dennoch so schöne Worte für den Klang meiner Muttersprache findet. Und genau das ist es, was Newmans Buch so besonders macht. Davon später mehr, aber zunächst eine kleine Kostprobe ihres YouTube-Kanals „Wanted Adventure“. Noch nie sah ich jemanden, der sich mit solch fröhlicher Begeisterung u.a. dem Wort „Mülldeponie“ widmet. Aber seht selbst:

Sehnsucht

Wusstet ihr, dass es für das deutsche Wort Sehnsucht keine direkte Übersetzung ins Englische gibt? Also natürlich schlägt der Google-Übersetzer einige Möglichkeiten vor, aber laut Dana Newman beschreiben sie das Gefühl der Sehnsucht eben nicht hinreichend. So heißt es im Buch:

Klar, jetzt kann ich zurückblicken und mich an Momente erinnern, in denen ich diese Sehnsucht in meinem Innersten spürte, aber damals dachte ich nur, ich wäre etwas einsam […] Die Tatsache, dass es im Deutschen ein Wort dafür gibt, verleiht diesem Gefühl irgendwie Substanz.
Dana Newman, You go me on the cookie, Seite 198

In diesem Zusammenhang verweise ich auch gerne auf meinen Beitrag Die Macht der Worte in dem u.a. auch der TED-Talk „How language shapes the way we think“ verlinkt ist, ein Video, das bestens zur fehlenden Sehnsucht passt.

Aber zurück zu Dana Newmans Buch, in dem sie noch so einige Wörter findet, die es im Englischen nicht gibt und auf die sie durchaus neidisch ist, wie da wären verschlimmbessern, fremdschämen, Erklärungsnot oder Torschlusspanik um nur einige wenige zu nennen. Im Kapitel „Leichenschau mit Fußball“ lernt die Leserin oder der Leser dann im Umkehrschluss ein paar englisch klingende Wörter, sogenannte Scheinanglizismen, kennen, bei deren Anwendung im englischen Sprachgebrauch die Blamage vorprogrammiert ist. Unser gern genutztes Public Viewing ist nämlich nichts anderes als eine öffentliche Leichenaufbewahrung.

„You go me on the cookie“ wartet mit allerhand Sprachwissen auf, bringt selbst uns Muttersprachler in grammatikalische Bedrängnis und ist bei aller Verzweiflung der Autorin dennoch eine Liebeserklärung an diese nach dunkelroten Herbstblättern klingende Sprache. An meine Muttersprache. Dafür sage ich von Herzen: Thank you!

Last but not least, das Wort Firlefanz mag ich auch sehr, ebenso wie Sammelsurium. Für deine Sammlung, liebe Dana, hätte ich noch folgende Lieblingswörter beizusteuern:
Heidewitzka, sapperlot, Scharmützel, Fisimatenten, Körmel, Lotterleben, lustwandeln


You go me on the cookie von Dana Newman, übersetzt von Annika Klapper, Goldmann Verlag

 

 

 

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