You go me on the cookie: Dana Newmans Liebeserklärung ans Deutsche
Wörtlich übersetzt klingt es absurd: „You go me on the cookie.“ Gemeint ist „Du gehst mir auf den Keks“, und wer Deutsch als Muttersprache spricht, versteht den Satz sofort. Wer dagegen Deutsch lernt, fragt sich, was ein Keks mit schlechter Laune zu tun hat. Dana Newman, eine Amerikanerin, die in Deutschland lebt, hat aus diesem Rätsel den Titel ihres Buches gemacht. „You go me on the cookie“ erschien 2018 bei Goldmann in der Übersetzung von Annika Klapper und hat 208 Seiten.
Deutsch auf Autopilot
Muttersprachler sprechen ihre Sprache wie auf Autopilot. Der, die, das? Kein Problem. Redensarten, Präpositionen, Fälle? Man weiß einfach, wie es richtig ist. Schwierig wird es erst, wenn jemand fragt, warum. Wer Freunde oder Gastkinder beim Deutschlernen auf Niveau B1 oder B2 begleitet, kennt die Verlegenheit: Auf die Frage nach einer Regel bleibt oft nur der Griff zum Wörterbuch oder das hilflose „Das ist eben so“.
Genau an dieser Stelle setzt Newmans Buch an. Es betrachtet Deutsch mit den Augen einer Lernenden und bringt dabei auch Muttersprachler in grammatikalische Bedrängnis. Bekannt wurde die Autorin mit dem YouTube-Kanal „Wanted Adventure“, auf dem sie mit ansteckender Begeisterung über ihr Leben in Deutschland und über Wörter wie „Mülldeponie“ sprach.
Im Buch ist dieser Ton erhalten geblieben.
Beim Verlag: Goldmann
Wie Deutsch klingt
Deutsch hat den Ruf, hart zu klingen. Newman sieht das anders und findet dafür ein Bild, das hängen bleibt. Amerikanisches Englisch höre sich für sie an „wie Wasser, das in einem Fass hin und her schwappt“, schreibt sie, und das im Radio gesprochene Deutsch „wie dunkelrote Herbstblätter, die unter den Füßen knirschen. Kross. Akzentuiert. Elegant.“ (S. 50). Dass jemand, der beim Deutschlernen so oft verzweifelt, so liebevoll über den Klang der Sprache schreibt, macht einen großen Teil des Charmes aus.
Leicht ist die Sprache trotzdem nicht, weder geschrieben noch gesprochen. Für englische Muttersprachler sind vor allem die Umlaute und die Endungen eine Hürde, für viele andere Lernende die drei Artikel, für fast alle die Wortstellung im Nebensatz.
Sehnsucht und andere Wörter
Ausführlich beschäftigt sich Newman mit dem Wort Sehnsucht. Für das Englische schlagen Wörterbücher „longing“ oder „yearning“ vor, doch beide treffen das Gefühl aus ihrer Sicht nicht ganz. Rückblickend, schreibt sie, erinnere sie sich an Momente, in denen sie diese Sehnsucht gespürt habe, damals habe sie aber gedacht, sie sei einfach ein wenig einsam. „Die Tatsache, dass es im Deutschen ein Wort dafür gibt, verleiht diesem Gefühl irgendwie Substanz“ (S. 198).
Daneben sammelt sie Wörter, um die sie das Deutsche beneidet: verschlimmbessern, fremdschämen, Erklärungsnot, Torschlusspanik. Jedes davon fasst eine Situation in ein einziges Wort, für die das Englische einen ganzen Satz braucht. Wer Deutsch lernt, findet in solchen Listen einen guten Einstieg, weil sich zusammengesetzte Wörter über ihre Bestandteile erschließen lassen.
Scheinanglizismen: Leichenschau mit Fußball
Umgekehrt zeigt ein Kapitel mit dem schönen Titel „Leichenschau mit Fußball“, wie gefährlich englisch klingende Wörter sein können, die im Englischen gar nicht existieren oder etwas anderes bedeuten. Das bekannteste Beispiel ist das „Public Viewing“, mit dem in Deutschland das gemeinsame Fußballschauen auf großen Leinwänden gemeint ist. Im Englischen bezeichnet der Ausdruck die öffentliche Aufbahrung eines Toten. Wer Englischsprachige zum Public Viewing einlädt, erntet daher gelegentlich erschrockene Blicke.
Ähnliche Fallen lauern bei alltäglichen Sätzen. „Ich bin umgezogen“ heißt „I have moved“, nicht „I have changed“, was eher nach Umziehen im Sinne von Kleidung klingt. „Ich denke an euch“ wird zu „I’m thinking of you“ und nicht zu einer wörtlichen Übertragung mit „on“. Solche Beispiele machen deutlich, warum Übersetzungsprogramme bei Redewendungen so oft scheitern.
Redewendungen, wörtlich genommen
Der Buchtitel gehört zu einer ganzen Familie von Scherzübersetzungen, die im Netz und auf Postkarten kursieren. „I only understand train station“ steht für „Ich verstehe nur Bahnhof“, „That is not my beer“ für „Das ist nicht mein Bier“, „You have tomatoes on your eyes“ für „Du hast Tomaten auf den Augen“. Englische Muttersprachler verstehen davon nichts, und gerade das macht den Reiz aus. Die echten Entsprechungen klingen ganz anders: „It’s all Greek to me“, „Not my problem“, „Are you blind?“.
Für Lernende ist dieses Spiel mehr als ein Witz. Es zeigt, dass Redewendungen als Ganzes gelernt werden müssen, wie ein einzelnes Wort, und dass die Bilder, mit denen eine Sprache arbeitet, selten eins zu eins in eine andere passen. Wer das verstanden hat, sucht beim Übersetzen nicht mehr nach Wörtern, sondern nach dem passenden Bild.
Für wen sich das Buch eignet
„You go me on the cookie“ ist ein unterhaltsames Sachbuch für zwei Gruppen: für Menschen, die Deutsch lernen und sich in ihrer Verzweiflung verstanden fühlen wollen, und für Muttersprachler, die ihre eigene Sprache einmal von außen sehen möchten. Es ist kein Lehrbuch und ersetzt keinen Kurs, aber es erklärt manche Eigenheit besser als eine Grammatiktabelle. Und es ist, bei aller Klage über Artikel und Endungen, eine Liebeserklärung an eine Sprache, die nach knirschendem Herbstlaub klingt.
Wer Newmans Wortsammlung ergänzen möchte, findet im Deutschen noch reichlich Material: Firlefanz, Sammelsurium, Fisimatenten, Scharmützel, Lotterleben, lustwandeln oder das rheinische Heidewitzka. Ob es für „Fisimatenten“ je eine englische Entsprechung geben wird, darf bezweifelt werden.
Häufige Fragen
Was bedeutet „You go me on the cookie“?
„You go me on the cookie“ ist eine wörtliche Übersetzung der deutschen Redewendung „Du gehst mir auf den Keks“, die so viel bedeutet wie „Du nervst mich“. Im Englischen ergibt der Satz keinen Sinn, und genau darin liegt der Witz. Die Amerikanerin Dana Newman hat ihn als Titel für ihr Buch über die Eigenheiten der deutschen Sprache gewählt, das 2018 bei Goldmann erschien, übersetzt von Annika Klapper.
Wie sagt man „Ich denke an euch“ auf Englisch?
Die übliche Übersetzung lautet „I'm thinking of you“ oder, etwas persönlicher, „You're in my thoughts“. Wer jemandem in einer schweren Zeit Beistand ausdrücken möchte, schreibt oft „Thinking of you“ auf eine Karte. Eine wörtliche Übertragung wie „I think on you“ ist falsch, weil „think on“ im Englischen eine andere Bedeutung hat. Das Beispiel zeigt, wie leicht Präpositionen zwischen den Sprachen in die Irre führen.
Was ist ein Scheinanglizismus?
Ein Scheinanglizismus ist ein Wort, das englisch klingt, im Englischen aber nicht oder mit anderer Bedeutung verwendet wird. Bekannte Beispiele sind „Handy“ für das Mobiltelefon, „Beamer“ für den Projektor oder „Public Viewing“ für das gemeinsame Fußballschauen im Freien. Im Englischen bezeichnet „public viewing“ die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen. Dana Newman widmet diesem Phänomen ein eigenes Kapitel mit dem Titel „Leichenschau mit Fußball“.
Welche deutschen Wörter gibt es im Englischen nicht?
Dana Newman nennt in ihrem Buch unter anderem verschlimmbessern, fremdschämen, Erklärungsnot und Torschlusspanik, für die es im Englischen keine gleichwertigen Einzelwörter gibt. Besonders ausführlich beschäftigt sie sich mit „Sehnsucht“: Die Übersetzungsvorschläge wie „longing“ oder „yearning“ treffen das Gefühl aus ihrer Sicht nicht vollständig. Auch Begriffe wie „Feierabend“ oder „Gemütlichkeit“ gelten allgemein als schwer übersetzbar.
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