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Mein Leben mit Martha: Martina Bergmann über das Leben mit Demenz

„Heinrich nennt es eine poetische Verfassung, ich sage Speicherproblem.“ Mit diesem Satz beschreibt die Erzählerin in Martina Bergmanns Buch „Mein Leben mit Martha“ den Zustand der alten Frau, mit der sie ihr Leben teilt. Wenig später heißt es, Demenz klinge blöd und bedeute wörtlich übersetzt „ohne Verstand“ – und das könne man bei Martha so nicht sagen (S. 62). Damit ist der Ton gesetzt: liebevoll, genau und ohne falsches Mitleid.

Die Autorin

Martina Bergmann ist Buchhändlerin in Ostwestfalen und betreibt dort außerdem einen kleinen Verlag. In der Branche ist sie für ihre Kolumne im Börsenblatt bekannt, in der sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Wer ihre Texte kennt, erwartet eine klare Haltung und eine pointierte Sprache, und beides findet sich auch in diesem Buch. Weitere Informationen über ihre Arbeit gibt die Website ihres Verlags.

„Mein Leben mit Martha“ erschien 2019 im Eisele Verlag und umfasst 222 Seiten. Auf dem Schutzumschlag steht die Frage „Kann das gutgehen?“, und das Cover lässt ahnen, dass die Antwort Ja lautet.

Beim Verlag: Eisele

Eine Wohngemeinschaft ohne Verwandtschaft

Im Mittelpunkt steht eine Gemeinschaft, die sich nicht aus Familienbanden ergibt. Die Erzählerin lebt mit Martha zusammen, einer alten Frau mit Demenz, und zu Beginn auch mit Heinrich, einem älteren Freund. Niemand von ihnen ist mit den anderen verwandt, doch alle wissen, was sie aneinander haben. Man kann das Buch deshalb als Liebesgeschichte lesen, nicht im romantischen Sinn, sondern als Geschichte über Zuneigung und Respekt zwischen Menschen unterschiedlichen Alters.

Bemerkenswert ist, dass die Erzählerin dafür ihr eigenes Leben nicht aufgibt. Sie arbeitet weiter in einem zeitintensiven Beruf und organisiert daneben das gemeinsame Leben. Wer mit Pflege zu tun hat, weiß, wie viel Kraft das kostet, und das Buch verschweigt die Mühe nicht.

Licht und Schatten

Bergmann zeigt nicht nur die schönen Seiten dieser Konstellation. Aus dem unmittelbaren Umfeld schlagen der Wohngemeinschaft Unverständnis und bisweilen Missgunst entgegen. Warum sich eine berufstätige Frau um eine fremde alte Dame kümmert, ist für manche offenbar schwer zu begreifen.

Überraschend fällt dagegen das Bild der Behörden aus. Die Bürokratie erscheint freundlicher und ehrlicher, als viele Leser erwarten würden, die von Formularen und Zuständigkeiten sonst eher Schlechtes hören. Rückhalt kommt außerdem aus der eigenen Familie, von Angestellten und von Freunden.

Martha, die zwischen den Zeilen liest

Die Figur der Martha ist das Herz des Buches. Sie ist aufmerksamer, als man vermuten würde, und nimmt die Welt auf ihre eigene Weise wahr, als sei ihr Gehirn einfach anders geschaltet. Man könnte sagen, sie lese zwischen den Zeilen des Lebens. Dazu kommt eine Ehrlichkeit, wie man sie sonst von kleinen Kindern kennt.

Diese Beobachtungen verändern den Blick auf eine Krankheit, die meist nur mit Verlust, Angst und Überforderung verbunden wird. Demenz erscheint hier nicht als Ende der Persönlichkeit, sondern als eine andere Form, in der die Persönlichkeit weiterlebt.

Ein Thema, das viele Familien betrifft

In Deutschland leben weit über eine Million Menschen mit Demenz, und die meisten von ihnen werden zu Hause versorgt, oft von Angehörigen, die daneben arbeiten. Das Modell, das Bergmann beschreibt, ist dabei ungewöhnlich: Die Betreuende ist keine Tochter und keine Schwiegertochter, sondern eine Frau, die sich für dieses Zusammenleben entschieden hat. Gerade dadurch wird sichtbar, wie viel an einer solchen Entscheidung hängt und wie viel Unterstützung aus dem Umfeld nötig ist, damit sie trägt.

Das Buch macht aus dieser Erfahrung kein Programm. Es schildert einen Einzelfall, ehrlich und mit allen Unwägbarkeiten, und lässt offen, ob sich das Modell übertragen lässt.

Die Sprache

Poetisch ist allerdings nicht nur Martha. Martina Bergmann liebt die Sprache, und sie schafft es, die Gefühle aller Beteiligten sichtbar zu machen, ohne sie zu überhöhen. Viele Sätze haben eine Leichtigkeit, die dem ernsten Thema guttut. Beim Lesen entstehen schnell Stellen, die man sich markieren möchte, weil sie etwas genau treffen, das schwer in Worte zu fassen ist.

Für wen das Buch geeignet ist

Das Buch richtet sich an alle, die sich für das Zusammenleben der Generationen interessieren. Besonders wertvoll kann es für Angehörige von Menschen mit Demenz sein, weil es zeigt, dass der Alltag mit der Krankheit nicht nur aus Belastung besteht. Wer einen Ratgeber mit Tipps zu Pflegegraden und Anträgen erwartet, ist hier falsch. Wer dagegen eine Geschichte sucht, die Mut macht und dabei ehrlich bleibt, wird reich belohnt.

Auch Leserinnen und Leser aus der Buchbranche, die die Autorin nur aus Kolumnen und sozialen Netzwerken kennen, entdecken eine neue Seite an ihr. Im Netz gibt jeder nur preis, was er möchte; ein Buch wie dieses erlaubt einen deutlich tieferen Blick.

Ob Demenz durch solche Erzählungen etwas von ihrem Schrecken verliert, muss jeder für sich beantworten – vielleicht beginnt es damit, bei einem vergesslichen Menschen in der eigenen Familie auf die poetische Verfassung zu achten statt nur auf das, was fehlt.

Häufige Fragen

Worum geht es in „Mein Leben mit Martha“?

Martina Bergmann erzählt, wie sie mit Martha, einer alten Frau mit Demenz, zusammenlebt, zu Beginn gemeinsam mit einem älteren Freund namens Heinrich. Die drei sind nicht miteinander verwandt, verstehen sich aber als Gemeinschaft. Das Buch schildert den Alltag dieser Wohngemeinschaft, die Zuneigung zwischen den Generationen, die Reaktionen des Umfelds und die Organisation von Pflege und Betreuung neben einem vollen Berufsleben.

Wer ist Martina Bergmann?

Martina Bergmann ist Buchhändlerin in Ostwestfalen und führt dort auch einen kleinen Verlag. Bekannt ist sie in der Buchbranche durch ihre Kolumne im Börsenblatt, in der sie pointiert über den Buchhandel schreibt. Mit „Mein Leben mit Martha“, erschienen 2019 im Eisele Verlag, legte sie ein sehr persönliches Buch vor.

Ist das Buch ein Ratgeber zum Thema Demenz?

Nein, es ist eine Erzählung und kein Ratgeber. Wer praktische Hinweise zu Pflegegraden, Anträgen oder medizinischen Fragen sucht, sollte zu Fachliteratur oder Beratungsstellen greifen. Das Buch zeigt aber an einem konkreten Beispiel, wie ein Zusammenleben mit einem demenzkranken Menschen gelingen kann, und macht Mut, Demenz nicht nur als Verlust zu sehen. Gerade Angehörige finden darin einen anderen Blick auf die Krankheit.

Wie umfangreich ist das Buch?

Die Ausgabe des Eisele Verlags aus dem Jahr 2019 hat 222 Seiten. Mit diesem Umfang lässt sich das Buch auch neben einem Alltag mit Pflege oder Betreuung in überschaubarer Zeit lesen. Die Sprache ist klar, oft humorvoll und an vielen Stellen poetisch, ohne ins Sentimentale zu kippen.

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