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Mein Leben mit Martha

Ich kenne Martina Bergmann. Viele Jahre schon. So wie man sich eben kennt, wenn man auf Facebook und Twitter unterwegs ist und derselben Branche angehört. Martina ist Buchhändlerin in Ostwestfalen, führt dort auch einen kleinen Verlag. Zwangsläufig liefen wir uns damals – als das Netzwerken losging – über den Weg. Seitdem bekomme ich hin und wieder etwas von Martina in meine Timeline gespült. Fragmente. Hier ein Blogbeitrag, da ein Rant und regelmäßig die Kolumne im Börsenblatt, in der sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich halte Martina für eine ehrliche Haut. Aber kennen, nein, kennen tu ich sie nicht, jedenfalls nicht über das übliche Social-Media-„Kennen“ hinaus, an diesem Ort, wo jeder sowieso nur preisgibt, was und wie sie oder er es möchte. Der Algorithmus tut sein Übriges.

Wie gut also, dass es Bücher gibt, und wie schön, dass es „Mein Leben mit Martha“ gibt, das mir auf vielfältige Weise gefallen hat und mir zumindest ein wenig das Gefühl vermittelt, die Frau Bergmann aus dem Netz ein wenig besser zu kennen.

Mein Leben mit Martha

Martina Bergmann
„Mein Leben mit Martha“
Eisele Verlag, 2019

Martina kümmert sich um Martha. Martha ist Mitte achtzig und in einer »poetischen Verfassung«. So nannte das Heinrich, der Mann, mit dem Martha fast vierzig Jahre lang zusammenlebte. Aber jetzt ist Heinrich tot, und Martina beschließt, sich der alten Dame anzunehmen, ohne mit ihr verwandt zu sein oder sie auch nur gut zu kennen. Oder ist es vielmehr Martha, die sich Martina ausgesucht hat? So genau ist das nicht mehr auszumachen, aber es ist auch nicht wichtig, weil sie nämlich beide glücklich sind, so wie es ist. Martina Bergmann tritt in ihrem ebenso klaren wie empathischen Bericht den Gegenbeweis dafür an, dass die Betreuung eines dementen Menschen eine Bürde sein muss. Sie schildert, wie es sich anfühlt, mit jemandem zusammenzuleben, der trotz seiner Einschränkungen klug und humorvoll, ja geradezu hellsichtig ist.

Warum habe ich nach diesem Buch gegriffen?
In erster Linie hat es mir der positive Ton des Klappentextes angetan. Da ist von einem Plädoyer für das Zusammenleben der Generationen die Rede. Und auch das Cover vermittelt, dass es für die auf dem Schutzumschlag gestellte Frage „Kann das gutgehen?“ nur eine Antwort gibt, nämlich JA.

Was habe ich mir von diesem Buch erhofft?
Ganz klar, ich wollte einen Weg sehen, wie man mit einem dementen Menschen gut zusammenleben kann, wie so eine Gemeinschaft funktioniert und das, obwohl die betreuende Person ihr Leben nebst zeitintensivem Job nicht aufgibt.

Was habe ich bekommen?
Viel mehr! Die Geschichte von Martina, Martha und anfangs noch Heinrich ist eine Liebesgeschichte. Hier lieben und respektieren sich Menschen unterschiedlichen Alters, die nicht miteinander verwandt sind, die aber wissen, was sie aneinander haben. Dabei zeigt die Autorin nicht nur die Sonnenseiten der außergewöhnlichen Wohngemeinschaft, sondern auch die Verständnislosigkeit und bisweilen Missgunst, die ihr aus dem unmittelbaren Umfeld entgegengebracht werden. Die Bürokratie hingegen verläuft häufig freundlicher und ehrlicher als man als Leser vermuten würde, eine große, mentale Unterstützung erfährt sie zudem aus Familie, Angestellten und Freunden.

Wir kommen beide gut mit Martha aus, aber Martha hat, objektiv betrachtet, einen erheblichen Schaden. Heinrich nennt es eine poetische Verfassung, ich sage Speicherproblem. Demenz klingt blöd, und Demenz heißt wörtlich übersetzt: ohne Verstand. Das kann man bei Martha so nicht sagen.
„Mein Leben mit Martha“, Seite 62

Ja, Martha ist poetisch. Sie ist aufmerksamer als man vermuten würde und irgendwie glaube ich, dass sie – um im Buch-Sprech zu bleiben – zwischen den Zeilen des Lebens liest, sie nimmt Dinge anders wahr, als wäre das Gehirn einfach nur anders geschaltet. Und sie ist ehrlich, so ehrlich wie nur kleine Kinder sein können, kein Wunder, dass sie sich Martina für ihre Wohngemeinschaft ausgesucht hat.

Poetisch ist aber auch Martina. Hier liebt jemand die Sprache und schafft es, Marthas und die eigenen Gefühle für den Leser sichtbar und fühlbar zu machen. Das ist – salopp gesagt – ganz großes Kino! An all den sprachlich besonders schönen Stellen heften deshalb auch Merkzettel in meinem Buch.

Ich wünsche dieser außergewöhnlichen, positiven und sprachlich ungeheuer ansprechenden Geschichte viele Leser. Noch mehr wünsche ich mir aber, dass Demenz – auch durch dieses Buch – ihren Schrecken verliert und Angehörige bei manchen (Krankheits-)Verläufen auch die poetische Verfassung ihrer Lieben erkennen lernen.

2 Kommentare

  1. Hört sich wunderbar an, und dank der schönen Besprechung hier kommt das Buch sofort auf meine Leseliste!
    Gruß von Sonja

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