„Wo wir zu Hause sind“ von Maxim Leo: eine verschwundene Familie
Ein Kibbuz nahe den Golanhöhen, ein Internierungslager im französischen Gurs, ein Leben als Millionärin in London: Das sind nur drei der Orte, an die Maxim Leo in „Wo wir zu Hause sind“ reist. Sie alle gehören zu einer einzigen Familie, und sie alle haben ihren Ursprung in Berlin. Das Buch mit dem Untertitel „Die Geschichte meiner verschwundenen Familie“ erschien 2019 bei Kiepenheuer & Witsch.
Drei Frauen, drei Wege ins Exil
Im Zentrum stehen drei junge Berlinerinnen mit jüdischen Wurzeln, denen sie lange keine besondere Bedeutung beimaßen: Ilse, die Großtante des Autors, und ihre Cousinen Irmgard und Hilde. Anfang der 1930er-Jahre änderte sich das schlagartig. Ihr Jüdischsein, das im Alltag kaum eine Rolle gespielt hatte, wurde unter den Nationalsozialisten zur Bedrohung, und die drei wurden in alle Himmelsrichtungen zerstreut.
Irmgard wanderte 1934 mit Hans, einem Jurastudenten wie sie, nach Palästina aus. Die beiden zogen in einem Kibbuz unweit der Golanhöhen ihre Kinder groß. Hilde arbeitete als Schauspielerin an kleinen Theatern und heiratete jung Fritz Fränkel, einen Mitbegründer der KPD und Freund Walter Benjamins. Mit ihm ging sie nach Frankreich, später floh sie mit ihrem Sohn nach London und brachte es dort zur Millionärin. Ilse wiederum lernte im Internierungslager Gurs ihre große Liebe kennen und überlebte den Krieg im Untergrund.
Auf ihren Wegen begegnen die Frauen Menschen, deren Namen heute in Geschichtsbüchern stehen, darunter die Fluchthelferin Lisa Fittko und der spätere israelische Präsident Shimon Peres.
Besuche bei den Nachkommen
Maxim Leo rekonstruiert diese Leben nicht allein aus Akten und Dokumenten. Er reist zu den Nachfahren, nach Israel, England, Frankreich und Österreich, trifft Cousins und Cousinen, die er zum Teil vorher nie gesehen hatte, blättert mit ihnen in Alben und hört zu. In Frankreich lebt seine Tante Susi, die Tochter Ilses. In England trifft er Hildes Familie, in Israel die Nachkommen von Irmgard und Hans.
Aus diesen Begegnungen entsteht mehr als eine Chronik. Leo entdeckt eine Zusammengehörigkeit, die Grenzen und Sprachen überwindet, und er beobachtet etwas Überraschendes: Viele der Enkel spüren eine eigentümliche Verbindung zu der Stadt, aus der ihre Großmütter vertrieben wurden. Einige ziehen nach Berlin, entdecken es neu, suchen dort ein Zuhause, das ihre Familie einmal verloren hat.
Wie das Buch erzählt ist
Leo schreibt nüchtern, beinahe zurückhaltend, und er wählt das Präsens. Dadurch rücken die Ereignisse nah heran, ohne pathetisch zu werden. Die drei Lebensgeschichten laufen nebeneinander her und kreuzen sich immer wieder, was anfangs Aufmerksamkeit verlangt, bald aber einen eigenen Sog entwickelt. Alte Familienfotos sind in den Text eingestreut und geben den Namen Gesichter.
Gerade diese Mischung aus sachlichem Ton und außergewöhnlichen Lebensläufen macht die Stärke des Buches aus. Es gibt keine Heldinnen im klassischen Sinn, sondern Frauen, die unter enormem Druck Entscheidungen treffen mussten und mit deren Folgen lebten. Auch ihre Kinder und Enkel gehen sehr unterschiedlich mit dieser Vergangenheit um, manche offen und neugierig, andere zurückhaltend.
Wer Maxim Leo aus „Haltet euer Herz bereit“ kennt, seinem Buch über die Familie in der DDR, erkennt den Ton wieder. „Wo wir zu Hause sind“ erweitert den Blick auf einen anderen Zweig derselben Familie und auf ein anderes Kapitel deutscher Geschichte.
Berlin als Fluchtpunkt und Ziel
Berlin ist in diesem Buch zweierlei. Es ist der Ort, aus dem die Familie vertrieben wurde, und es ist der Ort, an den ihre Nachkommen zurückkehren. Zwischen beiden Bewegungen liegen fast neunzig Jahre, ein Weltkrieg, die Shoah, die Teilung der Stadt und ihre Wiedervereinigung. Dass Enkel von Geflüchteten ausgerechnet dort ein Zuhause suchen, ist keine Selbstverständlichkeit, und Leo erklärt es auch nicht mit einfachen Formeln.
Stattdessen zeigt er, wie unterschiedlich die Gründe sind. Für manche ist es Neugier auf die eigene Herkunft, für andere eine pragmatische Entscheidung, für wieder andere ein Gefühl, das sich schwer benennen lässt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Stadt nicht so sehen, wie ihre Großmütter sie verlassen haben, sondern neu entdecken.
Für wen sich das Buch eignet
„Wo wir zu Hause sind“ richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich für Familiengeschichte, Exil und die Nachwirkungen des Nationalsozialismus interessieren, ohne ein wissenschaftliches Sachbuch lesen zu wollen. Es eignet sich auch für Lesekreise, weil es viele Anknüpfungspunkte für Gespräche bietet: über Heimat, über Identität und darüber, was Familien über Generationen weitergeben.
Ein Nebeneffekt der Lektüre ist oft die Lust auf eigene Spurensuche. Wer das Buch zuschlägt, denkt unweigerlich an die eigenen Großeltern, an Fotos im Schrank, an Geschichten, die man nur halb kennt. Die Vorfahren der meisten Menschen haben keine Begegnungen mit Lisa Fittko oder Shimon Peres vorzuweisen, und doch trägt jede Familie Vergangenheit in sich, die man nicht einfach abstreifen kann.
Der Titel stellt die Frage, die über allem schwebt: Wo ist man zu Hause, wenn die eigene Familie über drei Kontinente verteilt ist?
Für viele bleibt die Antwort mit einer praktischen Frist verbunden. Solange die Generation davor noch lebt, lässt sich fragen. Danach bleiben nur die Alben.
Häufige Fragen
Worum geht es in „Wo wir zu Hause sind“ von Maxim Leo?
Maxim Leo erzählt die Geschichte seiner jüdischen Familie, die in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten aus Berlin floh. Im Mittelpunkt stehen seine Großtante Ilse und deren Cousinen Irmgard und Hilde, die in Frankreich, Palästina und England neue Leben begannen. Leo besucht ihre Nachkommen in mehreren Ländern und beschreibt, wie viele von ihnen heute wieder eine Verbindung zu Berlin suchen oder sogar dorthin zurückkehren.
Ist „Wo wir zu Hause sind“ ein Roman oder ein Sachbuch?
Das Buch ist eine erzählende Familiengeschichte und beruht auf realen Personen und Ereignissen. Maxim Leo hat dafür mit Verwandten gesprochen, Fotoalben ausgewertet und recherchiert. Er schreibt aber nicht im Ton eines Sachbuchs, sondern erzählend und im Präsens, sodass es sich stellenweise wie ein Roman liest. Alte Familienfotos ergänzen den Text und machen die Personen greifbar.
Wer ist Maxim Leo?
Maxim Leo ist ein Berliner Journalist und Schriftsteller, geboren 1970 in Ost-Berlin. Bekannt wurde er mit „Haltet euer Herz bereit“, einer Geschichte seiner Familie in der DDR, für die er den Europäischen Buchpreis erhielt. „Wo wir zu Hause sind“ erweitert diesen Blick auf den jüdischen Zweig der Familie und ihre Wege ins Exil. Leo schreibt auch Romane und Drehbücher.
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