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Wo wir zu Hause sind

Bis vor kurzem kannte ich Maxim Leo nicht. Dreihundertachtundsechzig Seiten später sieht das anders aus. Er, der Journalist und Schriftsteller aus Berlin, der sich mit mir Nachnamen und Geburtsjahr teilt, hat mich mitgenommen, auf eine Reise zu den Wurzeln seiner Familie. Und auch wenn wir Leos vermutlich keine gemeinsamen Vorfahren besitzen, so eint uns doch die Gewissheit, dass man immer ein wenig Familien-Vergangenheit in sich trägt, die zu einem gehört, die man nicht einfach abstreifen kann und die einen letztlich ein Stück weit eben auch zu dem macht, der man heute ist.

Maxim Leo
„Wo wir zu Hause sind“
Die Geschichte meiner verschwundenen Familie
Kiepenheuer & Witsch 2019

Die wahre Geschichte einer jüdischen Familie, die auf der Flucht vor den Nazis in alle Winde zerstreut wurde, und deren Kinder und Enkel zurückfinden nach Berlin, in die Heimat ihrer Vorfahren.

Nach Israel gingen Irmgard und Hans, zwei Berliner Jura-Studenten, die 1934 ins gelobte Land auswanderten und in einem Kibbuz unweit der Golan-Höhen ihre Kinder großzogen.
In England trifft Maxim Leo die Familie von Hilde, die als Schauspielerin in kleinen Theatern arbeitete und in jungen Jahren Fritz Fränkel heiratete, Gründer der KPD, Freund Walter Benjamins, mit dem sie nach Frankreich emigrierte. Später floh Hilde mit ihrem Sohn nach London, wo sie es bis zur Millionärin brachte.

In Frankreich wohnt Leos Tante Susi, deren Mutter Ilse im Internierungslager Gurs ihre große Liebe kennenlernte und bis zum Kriegsende im Untergrund lebte. Auf der Suche nach der Vergangenheit seiner Familie entdeckt Maxim Leo eine Zusammengehörigkeit, die keine Grenzen kennt. Und auch seine Cousins und Cousinen, die Enkel von Irmgard, Hilde und Ilse, spüren eine seltsame Verbindung zu ihrer verlorenen Heimat. Es zieht sie zurück nach Berlin, in die Stadt ihrer Vorfahren, die sie neu entdecken und erfahren.

Oft fällt es mir schwer, meine Begeisterung für ein Buch in Worte zu fassen. „Wo wir zu Hause sind“ bildet da keine Ausnahme. Gleich auf den ersten Seiten packt mich Maxim Leos Familiengeschichte. Dort begegne ich seiner Großtante Ilse und deren Cousinen Irmgard und Hilde. Die drei jungen Frauen haben jüdische Wurzeln, ohne diesen besondere Beachtung zu schenken. Doch schon Anfang der 30er Jahre sorgt ihr Jüdischsein dafür, dass die Berlinerinnen in alle Winde verstreut werden. Anhand ihrer Lebensgeschichten zeichnet der Autor seine Familiengeschichte auf. Dafür reist er zu den Nachkommen, zu seinen Verwandten nach Österreich, Frankreich, England und Israel, führt Gespräche, blickt in Alben, recherchiert, bis ihn die Erzählungen und Erinnerungen wieder zurück nach Berlin führen.

Dabei beschreibt Leo die drei Lebensgeschichten, deren Wege sich immer wieder kreuzen, sehr nüchtern. Er wählt zudem den Präsens. Alte Familienfotos ergänzen seine Erzählung. Diese Kombination ist sicherlich ein Grund, weshalb mich das Buch so fesselte. Ein weiterer Grund sind die außergewöhnlichen Lebensläufe der drei Frauen, ihrer Nachkommen und deren Umgang mit der Vergangenheit.

Und auch wenn meine Vorfahren weder Lisa Fittko noch Shimon Peres begegneten und ein bei weitem weniger dramatisches Leben führten, so weckte das Buch doch den Wunsch in mir, mich eingehender mit meinen Vorfahren zu befassen, herauszufinden, wo ich bzw. wir zu Hause sind. Und das jetzt, wo ich noch die Möglichkeit dazu habe, die Generation vor mir zu befragen.

1 Kommentare

  1. Tu das! Unbedingt! Ich war immer schon an alten Familiengeschichten interessiert, aber als Kind habe ich nicht die Fragen gestellt, die mich heute interessieren. Die Feldpostbriefe, die mir nach dem Tod meiner Großeltern zufielen, haben mir zwar einen Spalt in die Vergangenheit geöffnet, aber ich will noch mehr wissen. Und es hätte so einfach sein können. Also nutzt eure gemeinsame Zeit auch für die ollen Kamellen!

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