Nimmt oder nehmt? Warum es „Nehmt euch Zeit!“ heißt und was Momo weiß
Eine rote Ampel, ein verspäteter Zug, eine Schlange an der Supermarktkasse: Wer es eilig hat, empfindet jede Minute Warten als geraubte Zeit. In Michael Endes Roman „Momo“ gibt es für dieses Gefühl eine Erklärung. Graue Herren überreden die Menschen, Zeit zu sparen, und stehlen sie ihnen dabei. „Denn Zeit ist Leben“, heißt es in dem Buch, und je mehr die Menschen sparen, desto weniger bleibt ihnen davon.
Aus dieser Mahnung ist eine Aufforderung geworden, die auf Karten, Kalendern und Plakaten steht: „Nehmt euch Zeit!“ Und genau hier stolpern viele, die Deutsch lernen, und nicht wenige Muttersprachler. Heißt es nicht „Nimmt euch Zeit“?
Nimmt oder nehmt: die Formen von „nehmen“
„Nehmen“ ist ein starkes, unregelmäßiges Verb. Im Präsens wechselt es in zwei Formen den Stammvokal, und zwar von e zu i, und es verdoppelt dabei das m. So entstehen die Formen ich nehme, du nimmst, er, sie, es nimmt, wir nehmen, ihr nehmt, sie nehmen. „Nimmt“ gehört also zur dritten Person Singular, „nehmt“ zur zweiten Person Plural.
Die Aufforderung „Nehmt euch Zeit!“ richtet sich an mehrere Personen, die man duzt. Das Reflexivpronomen „euch“ zeigt das deutlich, denn es gehört zu „ihr“. Die Form „Nimmt euch Zeit“ vermischt daher zwei Personen und ist falsch. Richtig sind je nach Anrede diese drei Varianten:
- Nimm dir Zeit! (eine Person, geduzt)
- Nehmt euch Zeit! (mehrere Personen, geduzt)
- Nehmen Sie sich Zeit! (höfliche Anrede, eine oder mehrere Personen)
Ein weiterer häufiger Fehler ist der Imperativ „Nehme dir Zeit!“. Bei Verben mit Vokalwechsel von e zu i bekommt die Du-Form des Imperativs keine Endung und übernimmt das i: nimm, gib, lies, sprich, hilf. „Nehme“ ist nur als Ich-Form korrekt, im Satz „Ich nehme mir Zeit“.
Dasselbe Muster bei anderen Verben
„Nehmen“ steht mit diesem Wechsel nicht allein. Eine ganze Gruppe häufiger Verben verhält sich genauso, und wer das Muster einmal erkannt hat, macht bei allen weniger Fehler. Bei „geben“ heißt es du gibst, er gibt, ihr gebt und im Imperativ gib und gebt. Bei „sprechen“ lauten die Formen du sprichst, er spricht, ihr sprecht, sprich und sprecht. Genauso funktionieren „helfen“, „treffen“, „werfen“ und „essen“, wobei „essen“ im Imperativ zu „iss“ schrumpft. Bei „lesen“ und „sehen“ wird aus dem e sogar ein langes ie: du liest, er sieht, lies und sieh.
Die Ihr-Form bleibt in all diesen Fällen verschont. Sie behält immer den ursprünglichen Vokal, und genau das ist die Eselsbrücke für den Satz auf der Postkarte: Wo „euch“ steht, steht auch ein e im Verb. Eine bekannte Ausnahme beim Imperativ ist übrigens „werden“: Es heißt du wirst und er wird, der Imperativ lautet aber „Werde!“ und nicht „Wird!“.
Was „Momo“ über die Zeit erzählt
„Momo“ erschien 1973 im Thienemann Verlag und gehört bis heute zu den bekanntesten Büchern Michael Endes. Das Mädchen Momo lebt in einem verfallenen Amphitheater am Rand einer Stadt und hat eine seltene Gabe: Es kann zuhören. Die Menschen kommen gern zu ihr, bis die grauen Herren von der Zeitsparkasse auftauchen. Sie rechnen jedem vor, wie viel Zeit er mit Gesprächen, Besuchen und Träumereien verschwendet, und versprechen, das Gesparte gut anzulegen. In Wahrheit leben sie von der gestohlenen Zeit. Die Menschen werden hektischer, freudloser und einsamer.
Die Parabel ist mehr als fünfzig Jahre alt und wirkt aktueller denn je. Termine, To-do-Listen, Benachrichtigungen auf dem Smartphone: Viele Menschen haben das Gefühl, für nichts mehr Zeit zu haben, weder für sich noch für andere. 2013 brachte Thienemann eine Ausgabe mit Illustrationen von Dieter Braun heraus, in der auch die grauen Herren ein neues Gesicht bekamen.
Warten als geschenkte Zeit
Ein Gedanke, der vielen hilft, stammt nicht aus einem Buch, sondern aus der Erfahrung: Wartezeit lässt sich als geschenkte statt als vergeudete Zeit betrachten. Wer sechs Stunden im Zug sitzt, kann sich über jede Verspätung ärgern oder die Stunden zum Lesen, Nachdenken und Aus-dem-Fenster-Schauen nutzen. Der Zustand ist derselbe, nur die Haltung ändert sich.
Das gilt auch für die Arbeitszeit. Über ihre Dauer entscheidet meist der Arbeitgeber, über das Gefühl, mit dem man sie verbringt, zu einem guten Teil man selbst. Oft sind es kleine Änderungen im Denken und Handeln, die spürbar mehr Luft schaffen: eine Aufgabe weniger annehmen, eine Gewohnheit hinterfragen, eine Pause wirklich als Pause nutzen.
Zeit verschenken
Ein Spruch, der Albert Schweitzer zugeschrieben wird, lautet: „Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ Mit der Zeit verhält es sich ähnlich. Wer entdeckt, dass er mehr davon hat, als er dachte, kann sie teilen, beim Plausch über den Gartenzaun, beim spontanen Besuch bei einer Freundin, beim Kuchen für das Schulfest, und sie scheint dadurch nicht weniger zu werden.
Besonders gebraucht werden Menschen, die ihre Zeit Fremden schenken. Ehrenamtliche lesen in Kitas vor, begleiten Geflüchtete zu Ämtern, helfen in Tafeln oder Sportvereinen. Informationen dazu bietet etwa die Bundesregierung auf ihrer Seite zum Ehrenamt, bundesweit auch Ehrenamt-Deutschland.org. In Solingen vermittelt die Solinger Freiwilligen Agentur zwischen Menschen mit Zeit und Einrichtungen mit Bedarf.
Wer „Momo“ nach Jahren noch einmal liest, bemerkt übrigens ein Detail, das Kindern meist entgeht: Die grauen Herren rauchen ununterbrochen, und ihre Zigarren sind aus getrockneten Stundenblumen gedreht.
Häufige Fragen
Heißt es „nimmt“ oder „nehmt“?
Beide Formen sind richtig, aber für verschiedene Personen. „Nimmt“ ist die dritte Person Singular: er, sie oder es nimmt. „Nehmt“ ist die zweite Person Plural, also die Form für „ihr“: ihr nehmt. Auch der Imperativ für mehrere Personen lautet „nehmt“, etwa in „Nehmt euch Zeit!“. „Nimmt euch Zeit“ ist dagegen falsch, weil „euch“ zur Ihr-Form gehört und nicht zur dritten Person Singular.
Wie lautet der Imperativ von „nehmen“?
Der Imperativ von „nehmen“ hat drei Formen. Für eine Person, die man duzt, heißt es „Nimm!“, ohne Endung und mit dem Vokalwechsel von e zu i. Für mehrere Personen, die man duzt, heißt es „Nehmt!“. In der höflichen Anrede lautet die Form „Nehmen Sie!“. Die häufige Form „Nehme!“ ist ein Fehler, der auch Muttersprachlern unterläuft; korrekt ist „Nimm dir Zeit!“.
Von wem stammt der Satz „Denn Zeit ist Leben“?
Der Satz stammt aus Michael Endes Roman „Momo“, der 1973 im Thienemann Verlag erschien. In der Geschichte stehlen die grauen Herren den Menschen ihre Zeit, indem sie sie überreden, Zeit zu „sparen“. Das Mädchen Momo, das vor allem zuhören kann, holt die gestohlene Zeit zurück. „Denn Zeit ist Leben“ fasst den Kern des Buches zusammen: Wer seine Zeit hergibt, gibt ein Stück seines Lebens her.
Wo kann man sich in Solingen ehrenamtlich engagieren?
Eine zentrale Anlaufstelle in Solingen ist die Solinger Freiwilligen Agentur, die Menschen mit Zeit und Organisationen mit Bedarf zusammenbringt. Sie berät zu Einsatzmöglichkeiten etwa in sozialen Einrichtungen, in der Nachbarschaftshilfe, in Kultur oder Umwelt. Bundesweite Informationen rund um das Ehrenamt bieten die Bundesregierung sowie Portale wie Ehrenamt-Deutschland.org. Wer sich unsicher ist, was passt, kann dort erst einmal unverbindlich nachfragen.
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