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Ich muss gar nichts: Jaron Laniers zehn Gründe gegen Social Media

Ein Konto bei Twitter seit 2009, wenige Monate später Facebook, danach Instagram und Whatsapp: So sieht die digitale Biografie vieler Menschen aus, die heute um die fünfzig sind. Wer so lange dabei ist, reagiert empfindlich, wenn ein Buch ankündigt, man müsse das alles sofort löschen. „Ich muss gar nichts!“ ist die naheliegende erste Reaktion auf Jaron Laniers „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“.

Autor und Titel

Jaron Lanier ist Informatiker, Musiker und Autor, er gilt als einer der Pioniere der virtuellen Realität und erhielt 2014 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein Buch erschien 2018 im Original als „Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now“, die deutsche Ausgabe im selben Jahr bei Hoffmann und Campe.

Der deutsche Titel ist eine wörtliche, aber unglückliche Übertragung. Das Duzen und das „musst“ klingen nach Befehl, und gerade Leser, die sich für einen reflektierten Umgang mit sozialen Netzwerken halten, fühlen sich davon eher abgeschreckt als angesprochen. Die Frage ist allerdings, wie sich „Right Now“ eleganter übersetzen ließe.

Bemerkenswert ist die Position, aus der Lanier schreibt. Er kennt das Silicon Valley von innen, hat mit vielen der Menschen gearbeitet, deren Produkte er kritisiert, und besitzt nach eigenen Angaben selbst keine Konten bei den großen sozialen Netzwerken. Er spricht also als Insider, der nie mitgemacht hat.

Das System hinter den Netzwerken

Im Kern geht es Lanier um das Geschäftsmodell. Soziale Netzwerke, so sein Argument, verdienen ihr Geld damit, das Verhalten ihrer Nutzer zu beobachten, vorherzusagen und im Auftrag zahlender Kunden zu verändern. Für dieses System prägt er das Kürzel BUMMER, das sich grob als „Nutzerverhalten, verändert und zu einem vermietbaren Imperium gemacht“ übersetzen lässt. Nicht die einzelnen Menschen im Netz sind das Problem, sondern die Maschine, die aus ihren Reaktionen Profit schlägt.

Aus dieser Grundthese leitet Lanier zehn Gründe ab. Soziale Netzwerke untergraben demnach den freien Willen, machen ihre Nutzer unfreundlicher, zerstören Empathie, untergraben die Wahrheit, entwerten das Gesagte, machen unglücklich und erschweren eine vernünftige Politik. Einige Kapitelüberschriften sind bewusst drastisch formuliert, etwa die Behauptung, Social Media mache Menschen zu Arschlöchern.

Stärken: gut belegt

Man kann Lanier vieles vorwerfen, aber keine Faulheit bei den Belegen. Das Buch stützt sich auf eine große Zahl von Quellen, die in den Fußnoten als Links angegeben sind. Wer den Aussagen nachgehen möchte, findet dort Studien, Presseberichte und Stellungnahmen von Unternehmen. Die Argumente haben Hand und Fuß, auch wenn sie zugespitzt sind.

Eine Schwäche liegt allerdings gerade hier. Die Links laufen oft über zwei Zeilen und lassen sich aus einem gedruckten Buch kaum abtippen. Eine vom Verlag gepflegte Linkliste im Netz hätte geholfen.

Schwächen: Form und Ton

Listenbücher mit zehn Punkten sind im Sachbuchmarkt beliebt, weil sie sich gut verkaufen und leicht zusammenfassen lassen. Bei Lanier wirkt die Einteilung allerdings bemüht, als habe eher das Marketing als der Inhalt sie verlangt. Nach etwa der Hälfte scheint das Pulver verschossen, und die zweite Hälfte wiederholt vieles, was vorher schon gesagt wurde.

Dazu kommt der Ton. Das durchgehende Du, verbunden mit einem erhobenen Zeigefinger, macht die Lektüre anstrengend. Leserinnen und Leser, die soziale Netzwerke seit Jahren nutzen und sich dort engagieren, finden sich in den drastischen Beschreibungen kaum wieder. Viele erleben das Netz als Quelle neuer Anstöße, als Ort, an dem Missstände sichtbar werden und Hilfe organisiert wird. Dass sie dabei abgestumpfter geworden sein sollen, widerspricht ihrer Erfahrung.

Wer das Buch lesen wird

Hier liegt ein grundsätzliches Problem. Die meisten Menschen, die zu diesem Buch greifen, wissen bereits, dass Algorithmen, Filterblasen und Datensammelei zu sozialen Netzwerken gehören. Andere Käufer dürften diejenigen sein, die das Netz schon immer verteufelt haben und sich bestätigt sehen möchten. Die Trolle und Pöbler, um die es in manchen Kapiteln geht, werden das Buch dagegen kaum aufschlagen.

Dem Autor ist das kaum vorzuwerfen. Es ist ein bekanntes Muster: Bücher, die eine Haltung erschüttern wollen, erreichen selten die, die sie am dringendsten bräuchten.

Löschen oder lernen?

Wer sich von dem Buch eine Lösung erhofft, sollte die Erwartungen zurückschrauben. Das Löschen von Konten ist eine individuelle Entscheidung, aber keine gesellschaftliche Antwort. So wie sich Buchdruck, Fernsehen oder Auto nicht zurücknehmen ließen, lässt sich auch die Entwicklung der sozialen Netzwerke nicht einfach umkehren.

Wichtiger erscheint ein kritischer Umgang mit dem Medium: das Netz nutzen, ohne sich vor seinen Karren spannen zu lassen, keinen Likes hinterherjagen, eigene Inhalte dort veröffentlichen, wo man selbst über die Daten bestimmt, etwa auf einer eigenen Website. Ein Patentrezept gibt es dafür nicht, ähnlich wie in der Erziehung. Jeder muss selbst herausfinden, wie viel Netz ihm guttut und wie viel Negatives er aushalten will.

Und manche brauchen für das Löschen ihrer Konten ohnehin keine zehn Gründe – ihnen genügt ein einziger verregneter Sonntag ohne Smartphone, um zu merken, wie wenig ihnen fehlt.

Häufige Fragen

Wie heißt Jaron Laniers Buch über Social Media?

Das Buch erschien 2018 im Original unter dem Titel „Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now“. Die deutsche Ausgabe kam im selben Jahr bei Hoffmann und Campe heraus und heißt „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“. Der Autor gehört zu den Pionieren der virtuellen Realität und wurde 2014 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Welche Gründe nennt Jaron Lanier?

Lanier argumentiert unter anderem, dass soziale Netzwerke den freien Willen untergraben, weil ihre Geschäftsmodelle darauf beruhen, Verhalten zu messen und zu beeinflussen. Weitere Kapitel behaupten, Social Media mache Menschen unfreundlicher, zerstöre die Fähigkeit zur Empathie, untergrabe die Wahrheit, mache unglücklich und erschwere eine vernünftige Politik. Für das zugrundeliegende System prägte er das Kürzel BUMMER, eine Maschine zur Verhaltensänderung, die gegen Bezahlung vermietet wird.

Für wen ist das Buch geeignet?

Das Buch eignet sich für Leserinnen und Leser, die die Mechanismen hinter Facebook, Instagram oder YouTube verstehen möchten, etwa Algorithmen, personalisierte Werbung und das Sammeln von Daten. Wer sich damit bereits beschäftigt hat, findet viele Argumente wieder, die aus der Debatte bekannt sind. Einsteiger profitieren von den zahlreichen Belegen in den Fußnoten. Wer eine praktische Anleitung für einen gesünderen Umgang mit sozialen Medien sucht, wird eher enttäuscht.

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