Digitales Leben, Lesen
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Ich muss gar nichts!

Seit November 2009 habe ich einen Account bei Twitter, nur wenige Monate später startete ich mit Social Media auf Facebook durch. Einige andere Netzwerke kamen und gingen, manche blieben, darunter Instagram und Whatsapp.

Ich bin 47 Jahre alt und ich muss gar nichts! Vermutlich ist das Punkt eins, der mich an diesem Buch stört. Aber wie übersetzt man den Originaltitel Ten arguments for deleting your Social Media Accounts  right now sinnvoll? Ein DU und ein MUSS in einem Titel spricht mich persönlich so gar nicht an.

Don’t judge a book by its title

OK, Vorurteile zur Seite geschoben und los. Bücher in Form von Listen sind ja derzeit äußerst beliebt und zahlreiche Sachbücher locken mit einem 10-Punkte-Plan, um unliebsame Verhaltensweisen zu verändern oder abzulegen.  Bei Laniers Buch wirken diese 10 Gründe aber sehr bemüht und mich beschleicht das Gefühl, dass die Aufteilung des Buches eher Wunsch des Marketings und nicht des Autors war.

Zudem klingen einige der Gründe in meinen Ohren viel zu reißerisch und ein „Social Media macht dich zum Arschloch“ oder „Social Media tötet dein Mitgefühl“ lässt mich nach bald neun Jahren dort eher ein wenig zusammenzucken zumal ich mich für engagierter als jemals zuvor halte. Das Netz weist auf viele Misstände hin, dort wo ich glaube helfen zu können, versuche ich mich sinnvoll einzubringen. Ich glaube also nicht, dass ich arschiger oder abgestumpfter geworden bin. Im Gegenteil, mein Blick ist weiter geworden, das Netz ein Füllhorn neuer Anstöße und Ideen.

Argumentation mit Hand und Fuß

Meine Kritik wendet sich nicht gegen Laniers Argumente. Im Gegenteil. Das Buch strotzt nur so vor valider Begründungen. Seine Nachweise stützen sich auf zahllose Links, die in Fußnoten aufgeführt sind. Schön wäre hier sicherlich eine vom Verlag erstellte Linkübersicht gewesen, denn vermutlich werden nur wenige sich die Mühe machen, die oft über zwei Zeilen laufenden Quellenangaben in Form von URLs zu verfolgen.

Dennoch beschlich mich beim Lesen das Gefühl, dass Lanier nach knapp der Hälfte das Pulver seiner Argumentation bereits verschossen hatte und die zweite Hälfte des Buches nur dazu nutzte, die vorherigen Argumente gebetsmühlenartig zu wiederholen. Das ständige Duzen kombiniert mit dem sprichwörtlich erhobenen Zeigefinger war zudem nicht besonders hilfreich.

Für wen ist das Buch?

Social Media ist mit Vorsicht zu genießen. Man sollte sich über Algorithmen, Filterblasen und Datensammeln stets im Klaren sein. Ich vermute, dass mögliche Leser dieses Buches das eh sind, weitere Käufer werden vermutlich diejenigen sein, die die sozialen Netzwerke von jeher verteufelt haben und sich freuen, dies endlich schwarz auf weiß bestätigt zu sehen. Bleiben die Arschlöcher, die Trolle, diejenigen ohne Mitgefühl, sie werden dieses Buch wohl kaum in die Hand nehmen, so wie Leugner des Klimawandels nie ein Buch zum Thema Klimawandel lesen werden, das ihre Denkweise erschüttern könnte. Daran werden wir gemäßigten User der Social Media und Lanier auch nichts ändern.

Und nun?

Wer sich von Laniers Buch eine Lösung des Problems erhofft und glaubt, dies sei mit dem Löschen der Social Media Accounts getan, den muss ich leider enttäuschen. So wie sich der Fortschritt in Form des Buchdrucks, des Fernsehens oder des Autos nicht rückgängig machen lässt (und wer würde das schon wollen?), lässt sich die Social-Media-Uhr ebenfalls nicht in die „gute alte Zeit“ zurückdrehen.

Viel, viel wichtiger ist, den kritischen Umgang mit dem Medium zu lernen, sich das Netz zunutze zu machen ohne sich gleichzeitig vor dessen Karren spannen zu lassen. Und wie soll das gehen? Vermutlich würde ich ein Buch drüber schreiben, wenn ich das Patentrezept hätte. Aber so wie es in der Erziehung von Kindern nicht DEN goldenen Weg gibt, so verhält es sich mit den Sozialen Medien auch. Jeder muss für sich selbst herausfinden, wie er das Netz nutzt und wieviel sie oder er auch an Negativem aushalten kann und mag. Und vielleicht braucht es für den einen oder anderen gar keine zehn Gründe, um den Social Media Account sofort zu löschen.

Ich werde auch weiterhin versuchen, die vielen Möglichkeiten der Sozialen Netzwerke für positive Zwecke zu nutzen, keinen Likes und Herzchen hinterherzuhecheln und gelegentlich die Leser meiner Blogs zu ermuntern, hier und nicht auf Facebook und Co. zu kommentieren. Denn auf dem Blog bin schließlich ich Chefin meiner Daten! Und last but not least werde ich mein analoges Leben leben und genießen und euch bisweilen daran teilhaben lassen, mit oder ohne Social Media.

 

5 Kommentare

  1. Danke!! Ich werde von meiner Mitstreiterin ständig angebettelt, ich möge das Buch lesen. Aber ich sträube mich, weil ich so viele schöne Seiten bei social media entdeckt habe und mir die Kontkte irrsinnig fehlen würden. Es geht auch anders, es liegt an einem selbst, wie man damit umgeht und ja, ich wünsche mir auch mehr Bewegung direkt auf den Blogs … also hier kommentieren und diskutieren, wo die eigentliche Musik spielt. Also ich muss das Buch nicht lesen. Danke auch dafür und für die tolle Besprechung! LG, Bri

    • „Ich würde dieKontakte vermissen.“ Darum geht’s Kanier im Kapitel zu „Suchtverhalten“. Der Wunsch nach Anerkennung – wer kennt ihn nicht? Aber darauf setzen Facebook, Twitter etc. Herzchen, Emojis als Kommentare- Aufmerksamkeit signalisieren sie, aber ist es nicht eine Pseudo-Aufmerksamkeit? Von der wir süchtig werden? Seit ich Twitter nicht mehr anschaue – und ich war sicher kein Power-User – fphle ich much freier, von zwanghaften Aufs-Handy-Schauen erlöst! Vielleicht sollte ich eine Aussteiger-Hotline aufmachen?

  2. ‚Mein Ausflug zu Facebook währte nur kurz. Was ich dort las, interessierte mich nicht, wer mir dort folgte überwiegend auch nicht. Dann las ich eine SZ-Reportage über die schlechte Fürsorge eines Subunternehmers, der für Facebook content sichtete und löschen ließ, in Bezug auf die Angestellten. Das gab den Ausschlag. Ich löschte meinen Account nach ein paar Monaten. WhatsApp löschte ich, als ich erfuhr, dass die Firma alle Telefon-/Email-Kontakte in meinem smart phone mit Facebook teilt, ob ich dasxwill oder nicht. WhatsApp? Nein danke. Threema und Signsl bieten das Gleiche und mehr Sicherheit.
    Seit 2014 bin ich bei Twitter, bin aber ausgeloggt seit dem 20. Juli. Seit ich Laniers Buch gelesen habe. Das Geschäftsmodell gründet darauf Werbung zu verkaufen und potenzielle Adressaten -Twitter-Nutzer – dieser Werbung möglichst detailliert auszuforschen. Zudem geht es darum, Nutzer möglichst lange mit der Plattform zu veschäftigen. Aufregerthemen, Polemik, alles was die niederen Triebe hergeben, bin Nutzer. Siehe die AfD-Resonanzräume. Da mache ich nicht mit. Nein, Du musst Deine Augen nicht löschen. Aber vielleicht überlegst Du Dir ob Du dieses Geschäftsmodell unter Preisgabe der Privatsphäre umsonst förderst. DAS war Laniers Anliegen, jedenfalls schreibt er das im Vorwort. Der Titel ist das Unwichtigste an diesem hervorragenden Buch. Den Twitter-Account habe ich nicht gelöscht weil einige Blog-Follower sonst nucht wissen wann was etwas Neues gibt. Ich hadere damit und gebe mir bis Jahresende Zeit. Dann bin ich vermutlich ganz weg. Ich brauche keine sozialen Netzwerke. Ich befasse mich lieber mit der realen Welt uns wirklich existierenden Menschen.

  3. Hi Stefanie,

    ausführlicher Post für die Mitstreiter des machbaren Social Media – Konsums.

    Ich sehe es genau wie du, drüber nachdenken und das richtige Maß finden. Klar, kann man ohne, aber wieso? Mir hat es bisher mein Leben bereichert. Ich habe mit ungemein vielen Menschen zu tun, mit denen ich vor allem Gemeinsamkeiten teilen kann. Dafür bin ich dankbar.

    Außerdem hätte ich ohne Twitter deinen Beitrag nicht gefunden.

    Liebe Grüße Tina

  4. Hej,
    das bestärkt meine Annahme, denn das Buch hatte ich neulich in der Hand – und werde es mir auch jetzt nicht kaufen. Denn mir geht es wie dir: auf die richtige Dosis und die richtige Filterblase kommt es an.
    Danke für deinen Beitrag!
    Inga

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