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„Hinter uns mein Land“: der Poetry-Slam von RebellComedy und sein Text

Weihnachten 2015, ein YouTube-Video von rund fünf Minuten, zwei Namen, die man eher mit Pointen verbindet: Babak Ghassim und Usama Elyas veröffentlichten zum Fest einen Text, der mit Comedy nichts zu tun hat. Die beiden hatten RebellComedy gegründet, ein Ensemble, das sonst auf Lacher setzt. „Hinter uns mein Land“ ist dagegen ein Poetry-Slam, und er ist nicht lustig gemeint.

Wer die Namen aus dem Comedy-Zusammenhang kennt, rechnet mit etwas anderem. Genau diese Erwartung macht einen Teil der Wirkung aus. Der Vortrag ist kurz, knapp fünf Minuten, und er verlangt volle Aufmerksamkeit.

Warum ausgerechnet ein Slam

Poetry-Slam ist eine Form, die für die Bühne geschrieben wird. Der Text lebt vom Vortrag: von Betonung, Wiederholung, Pausen und dem Tempo, mit dem ein Satz auf den nächsten folgt. Auf Papier wirkt vieles davon flacher, im gesprochenen Wort entsteht dagegen eine Dichte, die ein Zeitungsartikel zum gleichen Thema selten erreicht. Deshalb erreichen Slam-Texte oft Menschen, die freiwillig kein Gedicht lesen würden.

Dazu kommt die Zeitbegrenzung. Bei klassischen Slam-Abenden haben Auftretende meist nur wenige Minuten, bevor das Publikum abstimmt. Wer in dieser Form schreibt, lernt zu verdichten. Jede Zeile muss tragen, Füllsätze fallen sofort auf. „Hinter uns mein Land“ nutzt diese Kürze, statt gegen sie anzuschreiben.

Die Veröffentlichung auf YouTube statt bei einem Wettbewerb verändert den Rahmen. Es gibt keine Jury und keine Punktwertung, der Vortrag steht für sich. Dafür erreicht er Menschen, die nie einen Slam-Abend besuchen würden, und er lässt sich beliebig oft ansehen.

Eine Form aus der Kneipe

Ihren Ursprung hat die Form in Chicago, wo der Bauarbeiter und Dichter Marc Smith Mitte der 1980er Jahre Lesungen zu einem Wettbewerb machte, bei dem das Publikum statt einer Fachjury urteilte. Die Idee wanderte in den 1990er Jahren nach Deutschland, und seit 1997 gibt es deutschsprachige Meisterschaften. Aus Kneipenabenden mit einer Handvoll Auftretender wurden Veranstaltungen in Theatern und Stadthallen.

Mit dieser Entwicklung wuchs auch das Spektrum der Themen. Neben komischen Alltagstexten stehen längst politische und sehr persönliche Beiträge, die oft gerade deshalb im Gedächtnis bleiben, weil sie im Rahmen einer vermeintlich leichten Unterhaltung auftauchen.

Der Zeitpunkt

Das Jahr 2015 war in Deutschland geprägt von der Ankunft sehr vieler Geflüchteter und von einer Debatte, die schnell laut und oft verletzend wurde. In diesem Klima erschien das Video, pünktlich zum Fest, an dem in vielen Familien über genau diese Fragen gestritten wurde. Der Titel legt schon nahe, dass es um Herkunft geht und um das, was zurückbleibt, wenn Menschen aufbrechen.

Mehr als diesen Hinweis braucht es an dieser Stelle nicht. Der Wortlaut gehört den Autoren, und er entfaltet sich am besten im Original.

Was der Vortrag mit Zuschauern macht

Ein ernster Text von Leuten, die man als Komiker kennt, trifft viele unvorbereitet. Das liegt weniger an drastischen Bildern als an der Direktheit der Form. Ein Poetry-Slam spricht sein Publikum unmittelbar an, er erklärt nicht, er stellt hin. Wer zuhört, kann nicht wie bei einem Kommentar innerlich widersprechen und weiterblättern, weil der Rhythmus einen mitnimmt.

Schon der Titel arbeitet mit einer Reibung. Das „uns“ und das „mein“ stehen im selben Atemzug, Gemeinschaft und Einzelner, Plural und Singular. Wer den Vortrag ein zweites Mal ansieht, kann darauf achten, wie diese Spannung im Text weitergeführt wird und an welchen Stellen die Sprecher das Tempo wechseln.

Gerade bei einem Video lohnt sich der Versuch, einmal nur zuzuhören und nicht auf den Bildschirm zu schauen. Dann wird deutlich, wie viel der Text über Klang und Wiederholung transportiert.

Im Unterricht und im Gespräch

Für den Deutsch-, Ethik- oder Politikunterricht ist ein solcher Text ein dankbarer Einstieg. Die Kürze erlaubt es, das Video in einer Stunde zweimal zu zeigen. Beim ersten Mal geht es um den Eindruck, beim zweiten um Machart: Welche Wörter kehren wieder? Wo wird es leiser, wo schneller? Wie verändert sich der Eindruck, wenn der Text nur gehört und nicht gesehen wird?

Hilfreich ist, die Form des Poetry-Slams vorher kurz zu erklären, damit Jugendliche den Vortrag nicht mit einem Rap oder einer Rede verwechseln, auch wenn es Berührungspunkte gibt. Anschließend können eigene kurze Texte entstehen, mit derselben Zeitgrenze von wenigen Minuten. Die Begrenzung hilft gerade denen, die sonst vor einem leeren Blatt sitzen. Wer die eigenen Texte anschließend laut vorträgt, merkt schnell, welche Sätze im Mund funktionieren und welche nur auf dem Papier gut aussehen.

Wichtig bleibt, das Gespräch offen zu führen. Ein Text, der Herkunft und Aufbruch berührt, löst bei Menschen mit eigener Fluchtgeschichte andere Gefühle aus als bei denen, die das Thema nur aus den Nachrichten kennen.

Wo die Macher zu finden sind

Die Seite von RebellComedy stellt beide Gründer vor, Babak Ghassim und Usama Elyas, jeweils mit eigenem Profil. Neben dem Ensemble wurde im Zusammenhang mit dem Video auch keschmesch als weiterführende Adresse genannt.

Eine Frage bleibt nach dem Ansehen fast immer im Raum: Warum berührt ein Text von fünf Minuten oft stärker als eine lange Reportage zum selben Thema?

Häufige Fragen

Wer hat „Hinter uns mein Land“ vorgetragen?

Den Text trugen Babak Ghassim und Usama Elyas vor, die Gründer von RebellComedy. Das Video erschien zu Weihnachten 2015 auf YouTube. Die beiden sind vor allem aus der Comedy bekannt, der ernste Ton des Vortrags steht dazu in deutlichem Kontrast. Weitere Informationen zu den beiden und zum Ensemble finden sich auf der Seite von RebellComedy, die beide Gründer mit eigenen Profilen vorstellt.

Gibt es den Text von „Hinter uns mein Land“ zum Nachlesen?

Der Vortrag ist in erster Linie als Video verbreitet worden. Eine gedruckte, autorisierte Fassung ist nicht allgemein bekannt. Wer den Wortlaut für Unterricht oder Diskussion braucht, sollte das Originalvideo nutzen und bei Bedarf eigene Notizen machen. Abschriften, die im Netz kursieren, sind nicht immer vollständig und sollten mit der Aufnahme abgeglichen werden, bevor sie zitiert werden.

Wie lang ist das Video?

Der Vortrag dauert rund fünf Minuten. Das entspricht ungefähr der Länge, die bei Poetry-Slam-Wettbewerben üblich ist, wo die Zeit pro Auftritt meist streng begrenzt wird. Für eine Schulstunde eignet sich diese Länge gut: Das Video lässt sich zweimal zeigen, einmal zum Wirkenlassen und einmal mit Blick auf Sprache, Rhythmus und Pausen, und es bleibt trotzdem Zeit für ein Gespräch.

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