Neue Bilderbücher prüfen: So arbeitet eine Redaktion aus Testlesern
Ein Paket mit zwei frischen Bilderbüchern, dazu die Bitte, beide „auf Herz und Nieren“ zu prüfen – das Herz stand für das Bild, die Nieren für die Sprache. So beschrieb die Kinder- und Jugendbuchseite Buecherkinder.de im September 2014 die Aufgabe, für die sie neue erwachsene Testleser im Bereich Bilderbuch suchte. Gesucht wurden höchstens fünf Personen, die ab Ende 2014 gemeinsam mit Kindern Neuerscheinungen anschauen und besprechen wollten.
Ein Portal, auf dem Kinder die Kritiker sind
Buecherkinder.de bestand zu diesem Zeitpunkt seit über zwölf Jahren. Die Besprechungen neuer Kinder- und Jugendbücher stammten von einer Redaktion mit knapp 60 Mädchen und Jungen zwischen 6 und 18 Jahren, von denen manche schon viele Jahre dabei waren. Die längste aktive Mitarbeit lag im Herbst 2014 bei sieben Jahren.
Für die Bilderbücher war ein eigener Bereich zuständig, betreut von Erwachsenen. Einige von ihnen arbeiteten beruflich mit Bilderbüchern, in Kindergarten oder Schule, andere hatten eigene kleine „Bilderbuchgucker“ zu Hause. Weil diese Kinder irgendwann zu alt für Bilderbücher werden, braucht eine solche Redaktion regelmäßig Nachwuchs.
Wie die Arbeit ablief
Die Bedingungen waren klar formuliert. Pro Monat kamen etwa zwei Bilderbücher per Post, versandt wurde wegen der Portokosten nur innerhalb Deutschlands. Bezahlt wurde die Arbeit nicht, die besprochenen Bücher durften die Testleser aber behalten. Den Kontakt zu den Verlagen, das Bestellen der Bücher und das Weiterleiten der fertigen Besprechungen übernahm allein die Redaktionsleitung.
Erwartet wurde eine dauerhafte Mitarbeit. Wer sich nur die attraktivsten Titel aussuchen wollte, passte nicht ins Konzept – eine Haltung, die in fast jeder Rezensionsredaktion gilt, weil gerade die unscheinbaren Bücher eine ehrliche Einschätzung verdienen.
Ausdrücklich erwünscht war der O-Ton der kleinen Mitleser. Kinder sehen ein Bilderbuch oft ganz anders als Erwachsene, und diese abweichende Meinung sollte in der Besprechung sichtbar werden. Nach der Veröffentlichung auf Buecherkinder.de durften die Testleser ihre Texte auch an anderer Stelle verwenden.
Das Bild: Worauf beim Anschauen zu achten ist
Bei neuen Bilderbüchern entscheidet zuerst der Blick. Passt der Stil zur Geschichte? Sind die Szenen für ein Kind im angegebenen Alter lesbar, oder verliert es sich in zu vielen Details? Erzählen die Bilder etwas, das im Text gar nicht steht, etwa eine kleine Nebenfigur, die auf jeder Seite auftaucht?
Gute Illustrationen halten beim wiederholten Anschauen. Ein Kind, das beim fünften Vorlesen plötzlich auf die Katze im Hintergrund zeigt, hat mehr über die Qualität eines Buches gesagt als jede Klappentextbeschreibung. Auch Format, Papier und Schrift gehören dazu: Ein Pappbilderbuch für Zweijährige muss anders funktionieren als ein großformatiges Buch für Vorschulkinder.
Die Sprache: Vorlesen als Test
Die zweite Prüfung ist das laute Lesen. Viele Texte, die still gelesen gut wirken, stolpern beim Vorlesen, weil Sätze zu lang oder Reime erzwungen sind. Umgekehrt zeigt sich die Stärke eines guten Bilderbuchtextes gerade dann, wenn Rhythmus und Wortwahl so sitzen, dass das Kind bald mitsprechen kann.
Hilfreiche Fragen sind: Passt die Textmenge zur Aufmerksamkeitsspanne des Kindes? Werden schwierige Wörter erklärt oder durch die Bilder verständlich? Und nimmt der Text das Kind ernst, ohne es zu belehren?
Die ehrlichste Antwort liefert ohnehin das Kind.
Warum Kinder die besseren Kritiker sein können
Erwachsene beurteilen ein Bilderbuch oft nach ästhetischen Maßstäben: Ist die Illustration originell, der Text literarisch anspruchsvoll, die Gestaltung modern? Kinder fragen anders. Sie wollen wissen, ob die Geschichte lustig ist, ob der Held mutig genug war und warum der Hase auf Seite sieben so traurig guckt. Ein Buch, das auf der Kritikerliste weit oben steht, kann im Kinderzimmer durchfallen, und ein unscheinbarer Titel wird zum Lieblingsbuch, das jeden Abend vorgelesen werden muss.
Deshalb ergänzen sich beide Perspektiven. Die Erwachsenen ordnen ein, vergleichen mit anderen Titeln und achten auf Klischees oder problematische Botschaften. Die Kinder liefern den Praxistest.
Neuerscheinungen im Blick behalten
Jedes Jahr erscheinen im Frühjahr und im Herbst neue Programme der Kinderbuchverlage, und gerade im Bilderbuch ist die Auswahl groß. Wer nicht in einer Redaktion mitarbeitet, kann sich an Besprechungen orientieren, in denen Kinder mitreden, an Empfehlungen der Stadtbibliothek oder an den Nominierungslisten für Kinderbuchpreise. Bibliotheken haben den Vorteil, dass sich ein Buch zunächst ausleihen und zu Hause testen lässt. Wer dort regelmäßig mit dem Kind die Kisten mit neuen Bilderbüchern durchstöbert, merkt bald, welche Zeichnerinnen und Zeichner es auf Anhieb wiedererkennt und welche Figuren es sich immer wieder wünscht.
Wer selbst eine Besprechung schreiben möchte, fängt am besten mit einer genauen Beobachtung an: Was hat das Kind gesagt, an welcher Stelle hat es umgeblättert, wann wollte es zurück? Aus solchen Notizen entstehen Rezensionen, die Eltern wirklich weiterhelfen.
Eine gute Besprechung nennt außerdem die nüchternen Angaben, nach denen Eltern im Laden suchen: Titel, Autorin und Illustrator, Verlag, empfohlenes Alter und Format. Danach folgen eine kurze Inhaltsangabe ohne Auflösung, ein Absatz zu den Bildern, einer zur Sprache und schließlich das Urteil der kleinen Mitleser, gern in deren eigenen Worten.
Eine Frage bleibt dabei spannend: Wie oft stimmen das Urteil der Erwachsenen und das der Kinder eigentlich überein – und welches der beiden sollte im Zweifel schwerer wiegen?
Häufige Fragen
Wie findet man gute neue Bilderbücher?
Verlässliche Hinweise geben Besprechungen, in denen Kinder selbst zu Wort kommen, außerdem Empfehlungslisten von Bibliotheken und Leseförderstellen sowie Preislisten wie die Nominierungen zum Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch. In einer gut sortierten Buchhandlung lohnt es sich, ein Buch vor Ort mit dem Kind anzuschauen. Entscheidend ist, ob das Kind beim zweiten und dritten Vorlesen noch neue Details entdeckt.
Nach welchen Kriterien lässt sich ein Bilderbuch beurteilen?
Wichtig sind zwei Ebenen: das Bild und die Sprache. Beim Bild zählen Stil, Farbgebung, Lesbarkeit der Szenen und ob die Illustrationen mehr erzählen als der Text. Bei der Sprache zählen Rhythmus, Wortwahl, Vorlesbarkeit und ob Länge und Inhalt zum empfohlenen Alter passen. Dazu kommt die Reaktion des Kindes: Lacht es, fragt es nach, will es das Buch wieder hören?
Darf man rezensierte Bücher behalten?
In ehrenamtlichen Rezensionsredaktionen war es üblich, dass die gelesenen und besprochenen Bücher bei den Testlesern bleiben. Eine Bezahlung gab es für die Mitarbeit in der Regel nicht. Im Gegenzug erwarteten die Redaktionen eine verlässliche, regelmäßige Mitarbeit und eine Besprechung zu jedem zugeschickten Buch, auch wenn es nicht gefallen hat.
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