Schuss vor den Bug: Wenn eine Sehnerventzündung zum Warnsignal wird
Ein Wochenende lang sitzt ein merkwürdiger Kopfschmerz hinter dem rechten Auge. Am Montag sieht die Welt auf dieser Seite aus wie hinter Milchglas. Wer stark kurzsichtig ist, denkt zuerst an die Netzhaut, an eine beginnende Ablösung, und geht zur Augenärztin. Die schaut, misst, spiegelt den Augenhintergrund und findet nichts.
So beginnt eine Retrobulbärneuritis sehr häufig: mit einem Befund, der keiner ist.
Woher der Schuss vor den Bug kommt
Die Redewendung stammt aus der Seefahrt. Ein Kriegsschiff, das ein anderes Schiff stoppen wollte, feuerte einen Schuss knapp vor dessen Bug ins Wasser. Getroffen wurde niemand, aber die Botschaft war eindeutig: Beim nächsten Mal zielt die Kanone nicht mehr daneben.
Im Alltag begegnet einem diese Art Warnung öfter, als man denkt. Die Sechs im Vokabeltest, die rechtzeitig vor der Klassenarbeit zum Lernen treibt. Die hartnäckige Bronchitis, nach der jemand endlich mit dem Rauchen aufhört. Oft erweist sich der Schuss im Rückblick sogar als Glück, weil er zu einer Kurskorrektur geführt hat, die ohne ihn nie gekommen wäre. Wer in der sechsten Klasse am Bruchrechnen scheitert, kann Jahre später durchaus im Mathematik-Leistungskurs sitzen.
Ernster wird es, wenn der Körper selbst den Warnschuss abgibt.
Die Sehnerventzündung: Symptome und Diagnose
Bei einer Retrobulbärneuritis entzündet sich der Sehnerv hinter dem Augapfel, dort, wo keine Augenspiegelung hinreicht. Typisch sind Schmerzen hinter dem Auge, die bei Augenbewegungen zunehmen, dazu eine Sehverschlechterung, die sich über Stunden oder wenige Tage entwickelt. Farben wirken blasser, vor allem Rot erscheint ausgewaschen, und in der Mitte des Gesichtsfelds kann ein verschwommener Fleck liegen. Unter Medizinern kursiert dazu ein alter Merksatz: Der Patient sieht nichts, und der Arzt sieht auch nichts.
Weil der Augenbefund unauffällig bleibt, führt der Weg meist weiter zur Neurologie. Dort gehört das VEP zu den Standarduntersuchungen, die Messung der visuell evozierten Potenziale. Auf einem Bildschirm wechseln die Felder eines Schachbrettmusters rhythmisch ihre Farbe, und Elektroden am Hinterkopf zeichnen auf, wie schnell die Sehrinde darauf reagiert. Eine Entzündung im Sehnerv verlangsamt die Leitung, das Signal kommt messbar später an. Eine gut verständliche Erklärung des Verfahrens bietet der Wikipedia-Artikel zum visuell evozierten Potential.
Behandelt wird die akute Entzündung häufig stationär mit hoch dosiertem Kortison über einige Tage. Das Kortison beschleunigt die Erholung des Sehvermögens, das sich in vielen Fällen weitgehend wieder einstellt.
Wann eine plötzliche Sehstörung in die Praxis gehört
Die erste Vermutung im Beispiel oben, eine Netzhautablösung, ist keineswegs abwegig. Bei starker Kurzsichtigkeit ist das Risiko dafür erhöht, und auch sie verlangt eine rasche Untersuchung. Ihre Warnzeichen sind allerdings andere: Lichtblitze, plötzlich auftauchende schwarze Punkte oder Fäden und ein Schatten, der sich wie ein Vorhang von der Seite ins Blickfeld schiebt. Die Sehnerventzündung dagegen kündigt sich eher durch den Schmerz bei Augenbewegungen und das verwaschene, farblose Sehen in der Bildmitte an.
Für Laien ist die Unterscheidung kaum zuverlässig möglich, und sie muss es auch nicht sein. Eine Sehverschlechterung, die innerhalb von Stunden oder Tagen auf einem Auge auftritt, gehört noch am selben Tag in eine augenärztliche Praxis oder, außerhalb der Sprechzeiten, in eine Klinikambulanz. Wer dort ohne Befund wieder nach Hause geschickt wird, obwohl die Beschwerden bleiben, sollte ausdrücklich nach einer neurologischen Abklärung fragen.
Der Verdacht auf Multiple Sklerose
Der eigentliche Schreck kommt für viele erst im Krankenhaus. Eine Sehnerventzündung gehört zu den häufigsten ersten Zeichen einer Multiplen Sklerose, jener chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Schutzschicht der Nervenfasern angreift. Deshalb folgt auf die Diagnose fast immer eine gründliche Suche nach weiteren Entzündungsherden.
Dazu gehören eine Magnetresonanztomografie des Kopfes, Blutuntersuchungen und häufig eine Lumbalpunktion, bei der Nervenwasser, medizinisch Liquor cerebrospinalis, aus dem Rückenmarkskanal entnommen wird. Im Liquor lassen sich bestimmte Eiweißmuster nachweisen, die auf eine entzündliche Aktivität im Nervensystem hinweisen.
Finden sich keine weiteren Herde und bleibt der Liquor unauffällig, lautet der Befund nicht MS. Er lautet aber auch nicht Entwarnung. Die Betroffenen gelten dann medizinisch als auffällig, gesund gewissermaßen auf Bewährung. Die Neurologie spricht von einem klinisch isolierten Syndrom, wenn ein einzelnes Ereignis dieser Art aufgetreten ist, ohne dass die Kriterien für eine MS erfüllt sind. Ob daraus jemals mehr wird, lässt sich im Einzelfall nicht vorhersagen.
Leben mit dem Warnschuss
Für die Zeit danach sind regelmäßige Kontrollen üblich, etwa einmal im Jahr beim Neurologen, mit VEP und MRT. Tauchen neue Veränderungen auf, die weder das Sehen noch die Bewegung beeinträchtigen, wird nicht zwangsläufig sofort behandelt; die Entscheidung trifft die Neurologin gemeinsam mit den Betroffenen.
Mindestens so wichtig wie die Medizin ist das, was sich im Alltag verschiebt. Viele beschreiben, dass sie nach einem solchen Ereignis gelernt haben, Nein zu sagen, etwa zum dritten Ehrenamt, das an sie herangetragen wird. Schlaf bekommt wieder einen Stellenwert, Pausen werden eingelegt, bevor sie erzwungen werden, und der oft selbst gemachte Stress verliert an Selbstverständlichkeit. Wer früh eine Veranstaltung verlässt, tut das dann nicht aus Unhöflichkeit.
Ob das dem Nervensystem nachweisbar hilft, ist eine offene Frage, die die Forschung zu Stress und Schubhäufigkeit bis heute beschäftigt. Sicher ist nur, dass ein Schiff nach dem Schuss vor den Bug selten mit unverändertem Kurs weiterfährt.
Häufige Fragen
Was bedeutet die Redewendung „Schuss vor den Bug“?
Die Wendung stammt aus der Seefahrt. Ein Kriegsschiff feuerte einen Schuss knapp vor den Bug eines anderen Schiffes, also vor dessen Spitze ins Wasser, um es zum Anhalten oder Abdrehen zu zwingen, ohne es zu treffen. Im übertragenen Sinn ist ein Schuss vor den Bug eine deutliche Warnung, die noch keinen Schaden anrichtet, aber klarmacht, dass es beim nächsten Mal ernst wird. Gemeint sind etwa eine schlechte Note vor der Prüfung oder eine Erkrankung, die zum Umdenken zwingt.
Was ist eine Retrobulbärneuritis?
Retrobulbärneuritis ist eine Entzündung des Sehnervs hinter dem Augapfel. Typisch sind Schmerzen hinter dem Auge, die sich bei Augenbewegungen verstärken, und eine innerhalb von Stunden bis Tagen zunehmende Sehverschlechterung, oft mit verblassten Farben. Weil die Entzündung hinter dem Auge liegt, findet die Augenärztin bei der Spiegelung des Augenhintergrunds häufig keinen Befund. Die Diagnose stützt sich deshalb auf neurologische Untersuchungen wie VEP und MRT. Eine Behandlung erfolgt meist mit hoch dosiertem Kortison.
Ist eine Sehnerventzündung immer ein Zeichen für Multiple Sklerose?
Nein. Eine Sehnerventzündung kann auch andere Ursachen haben, etwa Infektionen oder andere Autoimmunerkrankungen, und sie kann einmalig bleiben. Sie gehört allerdings zu den häufigen ersten Anzeichen einer Multiplen Sklerose. Deshalb folgen auf die Diagnose in der Regel ein MRT von Kopf und oft Rückenmark sowie eine Untersuchung des Nervenwassers. Finden sich dort keine weiteren Entzündungsherde, spricht man von einem isolierten Ereignis, das aber meist über Jahre neurologisch kontrolliert wird.
Was misst ein VEP beim Neurologen?
VEP steht für visuell evozierte Potenziale. Die Patientin blickt dabei auf einen Bildschirm mit einem Schachbrettmuster, dessen schwarze und weiße Felder regelmäßig die Plätze tauschen. Elektroden am Hinterkopf messen, wie schnell die Sehrinde auf diesen Reiz antwortet. Ist die Leitung im Sehnerv durch eine Entzündung gestört, kommt die Antwort verzögert an. Die Untersuchung ist schmerzfrei und wird zur Diagnose und zur Verlaufskontrolle eingesetzt.
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