Krautreporter 2014: Crowdfunding für freien, werbefreien Journalismus
Die Nummer 6285. So lautete die Unterstützernummer, mit der sich im Frühsommer 2014 eine von Tausenden Leserinnen und Lesern hinter die Krautreporter stellte. Mitte Mai war der Hashtag #Krautreporter auf Twitter aufgetaucht, und binnen weniger Tage diskutierte die deutschsprachige Medienszene über ein Projekt, das zugleich schlicht und ehrgeizig klang: Journalismus ohne Werbung, bezahlt allein von denen, die ihn lesen wollen.
Die Idee
25 Reporterinnen und Reporter wollten ein Onlinemagazin gründen, das nicht von einem Medienunternehmen vorgegeben bekommt, wie, wann und wo berichtet wird. Statt Anzeigen sollte eine Gemeinschaft von Unterstützern das Magazin tragen. Die Rechnung war klar: 15.000 Menschen, die sich für ein Jahr zu 5 Euro im Monat verpflichten, zusammen also 60 Euro pro Person. Für die Sammlung setzte sich das Team eine Frist von einem Monat. Würde die Zahl nicht erreicht, sollte es das Magazin nicht geben.
Für viele war das ein verlockendes Angebot, gerade für Leserinnen und Leser, die sich über Klickstrecken und Werbebanner ärgerten. Es brauchte Mut, sich auf ein solches Modell einzulassen, und es brauchte eben Geld. Der Bauch sagte bei manchen sofort Ja, der Kopf fragte leise, was man für die 60 Euro eigentlich bekommen würde.
Die ersten kritischen Stimmen
Auf die erste Begeisterung folgte schnell Kritik. Bemängelt wurde das Ungleichgewicht der Geschlechter in der Redaktion, in der deutlich mehr Männer als Frauen vertreten waren. Andere vermissten eine sichtbare Begeisterung der Krautreporter selbst für ihr Projekt. Und schließlich musste sich das Team vorhalten lassen, nicht ausreichend auf Kritik vorbereitet gewesen zu sein, was bei einem Vorhaben, das von öffentlicher Unterstützung lebt, ein echter Nachteil war.
Bemerkenswert an der Debatte war, wer da kritisierte. Einige der meistgelesenen skeptischen Texte stammten von Menschen, die längst gezahlt hatten, sozusagen von Unterstützern mit Vorbehalt. Der Journalist Dirk von Gehlen schrieb über sein Geld und seine Hoffnung für die Krautreporter und damit über die Erwartungen, die er als zahlender Unterstützer an das Projekt hatte, Thomas Knüwer rief in „Krautreporter! Verdammte Hacke, begeistert Euch!“ das Team zu mehr Leidenschaft auf.
Das Argument für den Vertrauensvorschuss
Den vielleicht wichtigsten Gedanken der Debatte formulierte Martin Weigert in einem Beitrag über die Kraft einer positiven Sogwirkung und wie verfrühte Kritik sie verhindert. Sein Punkt: Wer etwas wirklich Neues ausprobiert, kann nicht erwarten, dass von Anfang an alles rund läuft. Frühe Kritik könne genau den Schwung bremsen, den ein solches Projekt braucht, um überhaupt zu entstehen.
Dahinter steckt eine einfache Überlegung. Ein kleines, junges Projekt lässt sich leichter nachbessern als ein alteingesessenes Unternehmen, in dem vieles gemacht wird, wie es immer gemacht wurde. Die Mängel, die Kritiker benannten, waren real, aber sie waren korrigierbar. Die Chance, ein werbefreies Magazin überhaupt auf den Weg zu bringen, bot sich dagegen vielleicht nur einmal.
Und fünf Euro im Monat sind nicht viel.
Die Summe entspricht ungefähr dem, was im Alltag nebenbei für Kaffee, eine Zeitschrift am Bahnhof oder eine App ausgegeben wird, die man nach einer Woche wieder vergisst. Für viele Unterstützer war das der entscheidende Vergleich: Wenn schon Geld für Kleinigkeiten ausgegeben wird, dann besser für etwas, das man selbst mit ermöglicht.
Was aus der Kampagne wurde
Die Kampagne erreichte ihr Ziel von 15.000 Unterstützern knapp vor Ablauf der Frist Mitte Juni 2014. Im Herbst desselben Jahres ging das Magazin online, mit längeren Reportagen und Erklärstücken statt tagesaktueller Meldungen. In den Jahren danach veränderte sich das Modell mehrfach, die Krautreporter organisierten sich später als Genossenschaft, die von ihren Mitgliedern getragen wird.
Ganz ohne Vorbild war das Modell nicht. In den Niederlanden war 2013 das Magazin De Correspondent auf ähnliche Weise gestartet, finanziert von Mitgliedern, die vorab für ein Jahr bezahlten, und ebenfalls mit dem Versprechen, auf Werbung zu verzichten und Hintergründe statt Schlagzeilen zu liefern. Dass ein solcher Ansatz im deutlich größeren deutschen Markt funktionieren würde, war dennoch keineswegs ausgemacht. Deutsche Leserinnen und Leser galten als zahlungsunwillig, sobald es um Journalismus im Netz ging, und viele Verlage hatten mit Bezahlschranken bis dahin eher ernüchternde Erfahrungen gemacht. Entsprechend genau wurde verfolgt, wie der Zähler auf der Kampagnenseite in den letzten Tagen stieg.
Für die deutsche Medienlandschaft war die Kampagne ein Testfall. Sie zeigte, dass genügend Menschen bereit sind, für Journalismus zu zahlen, wenn ihnen das Konzept einleuchtet und sie sich als Teil davon verstehen. Sie zeigte aber auch, wie schnell Begeisterung im Netz in Skepsis umschlagen kann, wenn Fragen unbeantwortet bleiben.
Eine Randnotiz zum Logo
Barcamps, Konferenzen und Crowdfunding-Projekte bieten ihren Unterstützern meist Banner oder Logos an, mit denen sie ihre Teilnahme sichtbar machen können. Bei den Krautreportern fehlte ein solches Angebot zunächst, weshalb Unterstützer sich kurzerhand selbst am Logo auf der Projektseite bedienten. Wer eine Kampagne plant, die vom Weitererzählen lebt, sollte an dieses kleine Detail denken – es kostet fast nichts und macht jede Empfehlung sichtbar.
Häufige Fragen
Was sind die Krautreporter?
Krautreporter ist ein deutsches Onlinemagazin, das ohne Werbung auskommt und von seinen zahlenden Mitgliedern finanziert wird. Es entstand 2014 aus einer Crowdfunding-Kampagne, mit der eine Gruppe von zunächst 25 Journalistinnen und Journalisten Geld für unabhängigen Journalismus sammelte, frei von den Vorgaben eines Medienkonzerns. Das Magazin setzt auf ausführliche Hintergrundtexte statt auf schnelle Nachrichten.
Wie funktionierte das Krautreporter-Crowdfunding 2014?
Die Kampagne lief ab Mitte Mai 2014 einen Monat lang. Ziel waren 15.000 Unterstützerinnen und Unterstützer, die sich für ein Jahr zu einer Mitgliedschaft von 5 Euro im Monat verpflichteten, insgesamt also 60 Euro. Nur wenn diese Zahl innerhalb der Frist erreicht wurde, sollte das Projekt starten. Die Kampagne erreichte ihr Ziel kurz vor Ablauf der Frist.
Welche Kritik gab es an den Krautreportern?
Kurz nach dem Start der Kampagne wurde unter anderem das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen in der Redaktion bemängelt. Andere vermissten eine spürbare Begeisterung der Beteiligten selbst oder warfen dem Team vor, schlecht auf Einwände vorbereitet zu sein. Viele Kritiker unterstützten das Projekt trotzdem, weil sie Nachbesserungen bei einem neuen Vorhaben für leichter hielten als bei etablierten Medienhäusern.
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