„mutig, mutig“ von Lorenz Pauli: warum Mut für jeden anders aussieht
Die Maus taucht einmal quer durch den Weiher. Sie kommt prustend wieder heraus und ist stolz, und der Frosch, der danebensitzt, versteht die Aufregung nicht. Für ihn ist Tauchen kein Wagnis, sondern ein gewöhnlicher Nachmittag. Mit dieser Szene beginnt der Wettbewerb in „mutig, mutig“, einem Bilderbuch von Lorenz Pauli mit Illustrationen von Kathrin Schärer, erschienen im Schweizer Atlantis Verlag.
Vier Freunde und eine Mutprobe
Die Geschichte ist schnell erzählt. Spatz, Schnecke, Maus und Frosch treffen sich zufällig am Ufer eines Weihers. Es ist langweilig, und so beschließen sie, herauszufinden, wer von ihnen der Mutigste ist. Jeder soll sich eine Mutprobe ausdenken und sie vor den anderen bestehen.
Was dann passiert, ist das eigentliche Thema des Buches. Jede Mutprobe, die für ein Tier eine echte Überwindung ist, wirkt auf mindestens eines der anderen lächerlich einfach. Die Maus muss für ihren Tauchgang all ihren Mut zusammennehmen, der Frosch zuckt mit den Schultern. Umgekehrt sieht es bei den anderen Aufgaben nicht besser aus. Mut, so zeigt sich, lässt sich nicht an der Aufgabe messen, sondern nur an dem, der sie bewältigt.
Am Ende ist der Spatz an der Reihe. Er denkt lange nach, und dann sagt er, dass er nicht mitmacht. Die anderen sind verblüfft, und doch erkennen sie, dass er damit die größte Mutprobe von allen bestanden hat.
Warum das Ende so gut funktioniert
Der Schluss von „mutig, mutig“ dreht die Logik des Wettbewerbs um. Mutproben leben davon, dass alle mitmachen und keiner als Feigling dastehen will. Der Spatz setzt sich über genau diesen Druck hinweg. Er riskiert, ausgelacht zu werden, und entscheidet sich trotzdem für das, was er für richtig hält.
Kinder verstehen diese Pointe oft schneller als Erwachsene. Viele kennen die Situation vom Spielplatz oder aus dem Kindergarten: Einer klettert höher, ein anderer springt weiter, und wer nicht mitzieht, gehört nicht dazu. Das Buch gibt ihnen ein Bild dafür, dass Nein sagen auch eine Form von Stärke ist.
Lorenz Pauli, ein Berner Autor, der viele Jahre als Kindergärtner arbeitete, erzählt knapp und mit trockenem Humor. Kathrin Schärers Tiere sind ausdrucksstark, ohne niedlich zu wirken, und gerade die Mimik des Frosches und der Maus trägt viel von der Komik. Das Buch hat sich über viele Auflagen zu einem Klassiker entwickelt.
Was Mut eigentlich ist
Der Duden unterscheidet zwei Bedeutungen des Wortes Mut. Die erste ist die bekannte: die Fähigkeit, in einer gefährlichen oder riskanten Lage die eigene Angst zu überwinden. Die zweite ist leiser und für den Alltag wichtiger: die grundsätzliche Bereitschaft, trotz zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält. Die genaue Formulierung steht im Duden-Eintrag zu Mut.
Diese zweite Bedeutung beschreibt, was der Spatz tut, und sie beschreibt auch vieles, was Menschen im Alltag leisten, ohne es mutig zu nennen. Wer bei einer Ungerechtigkeit nicht wegschaut, wer in einer Runde widerspricht, wer eine unbequeme Entscheidung trifft, braucht Mut, auch wenn dabei niemand durch einen Weiher taucht.
Viele Erwachsene tun sich schwer damit, sich selbst als mutig zu bezeichnen. Sie denken an Bergsteiger, Feuerwehrleute oder Menschen in Kriegsgebieten und finden, dass ihr eigenes Leben damit nicht mithalten kann. Dabei gelten Dinge wie eine Selbstständigkeit, ein öffentlicher Auftritt, eine Moderation vor Publikum oder das Großziehen von Kindern in den Augen anderer durchaus als mutig. Wer selbst gern mit Netz und doppeltem Boden arbeitet, sieht das oft nicht.
Vielleicht liegt es auch daran, dass Mut im Rückblick anders aussieht als im Moment selbst. Eine Entscheidung, die damals Herzklopfen verursacht hat, wirkt Jahre später selbstverständlich, weil sie gut ausgegangen ist. Und manchmal hat jemand einfach das Glück gehabt, im eigenen Leben bisher nicht viel Mut beweisen zu müssen. Auch das ist eine ehrliche Antwort auf die Frage, ob man mutig ist, und sie ist weniger bescheiden, als sie klingt.
Mut als Thema in Netz und Alltag
Im Frühjahr 2014 lud Johannes Korten unter dem Hashtag #mutmachparade dazu ein, über das Mutmachen zu schreiben: darüber, wie man sich selbst Mut zuspricht, wie man andere ermutigt und in welchen Momenten man eigene Grenzen überwunden hat. Viele Beiträge, die dabei entstanden, landeten bei ähnlichen Einsichten wie das Bilderbuch. Mut war selten der große Heldensprung, häufiger ein kleiner Schritt gegen die eigene Bequemlichkeit oder gegen die Erwartung anderer.
Für Eltern bietet „mutig, mutig“ einen guten Einstieg in solche Gespräche. Einige Fragen, die sich nach dem Vorlesen anbieten:
- Welche Mutprobe war die schwerste, und für wen?
- Warum hat der Spatz gewonnen, obwohl er nichts gemacht hat?
- Gab es schon einmal eine Situation, in der das Kind Nein gesagt hat, obwohl alle anderen mitgemacht haben?
Solche Fragen funktionieren schon im Kindergartenalter, und sie funktionieren erstaunlich gut auch mit Teenagern, die längst ganz eigene Mutproben kennen.
Wer das Buch in der Bibliothek sucht, findet es unter dem Namen des Autors Lorenz Pauli. Eine Detailseite des Verlags beschreibt „mutig, mutig“ beim Orell Füssli Verlag, zu dem Atlantis gehört.
Ein praktisches Detail für alle, die vorlesen: Die Pause, bevor der Spatz antwortet, darf ruhig lang sein. Je länger sie dauert, desto größer ist bei den Zuhörern die Überraschung.
Häufige Fragen
Worum geht es im Bilderbuch „mutig, mutig“?
Spatz, Schnecke, Maus und Frosch treffen sich am Ufer eines Weihers und langweilen sich. Deshalb veranstalten sie einen Wettbewerb: Wer ist am mutigsten? Jedes Tier denkt sich eine Mutprobe aus, doch was für das eine ein Wagnis ist, finden die anderen kaum der Rede wert. Am Ende gewinnt der Spatz, weil er nach langem Überlegen entscheidet, bei dem Spiel nicht mitzumachen. Text von Lorenz Pauli, Bilder von Kathrin Schärer.
Ab welchem Alter eignet sich „mutig, mutig“?
Das Bilderbuch richtet sich an Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter, etwa ab vier Jahren. Die Geschichte ist kurz, die Tiere sind klar gezeichnet, und die Pointe verstehen schon junge Kinder. Gleichzeitig bietet das Ende genug Stoff für Gespräche mit älteren Kindern bis ins Grundschulalter, etwa über Gruppendruck, Mutproben auf dem Schulhof und die Frage, wann es klug ist, Nein zu sagen.
Wie definiert der Duden das Wort Mut?
Der Duden nennt zwei Bedeutungen. Zum einen die Fähigkeit, in einer gefährlichen oder riskanten Situation die eigene Angst zu überwinden, also Furchtlosigkeit dort, wo man Angst haben könnte. Zum anderen die grundsätzliche Bereitschaft, trotz zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält. Die zweite Bedeutung liegt nahe an dem, was oft Zivilcourage genannt wird.
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