Das Blogstöckchen „20 Dinge über mich“: ein Kettenformat im Netz
„20 Dinge, die die NSA noch nicht über mich wusste“ – unter diesem und ähnlichen Titeln kursierte im Oktober 2013 eine Liste durch deutschsprachige Blogs. Der Seitenhieb auf die NSA war kein Zufall. Wenige Monate zuvor hatten die Enthüllungen von Edward Snowden die Überwachung digitaler Kommunikation zum Dauerthema gemacht, und die Idee, dem Geheimdienst mit zwanzig harmlosen Banalitäten zuvorzukommen, traf einen Nerv.
Was ein Blogstöckchen ist
Ein Blogstöckchen ist ein Kettenformat. Jemand beantwortet eine vorgegebene Liste von Fragen oder füllt eine Vorlage aus und „wirft“ das Stöckchen anschließend weiter, indem er andere Blogger nennt oder einfach alle Lesenden einlädt, es aufzuheben. Manche Stöckchen werden gezielt zugeworfen, andere finden ihren Weg über Feeds und Netzwerke von selbst.
Das Format „20 Dinge über mich“ ist besonders offen. Es gibt keine Fragen, nur die Zahl. Was auf die Liste kommt, entscheidet jede und jeder selbst, und genau daraus entsteht der Reiz: Man erfährt Dinge, die in keinem Profil stehen.
Typische Einträge
Wer solche Listen liest, stößt auf wiederkehrende Muster. Da ist das kleine Geständnis über ein Lebensmittel, das man immer wieder probiert und nie mögen lernt, etwa Oliven. Da ist die Kindheitsangst nach einem Film, der viel zu früh geschaut wurde, in einer der Listen „Westworld“ mit Yul Brynner. Da sind verpasste Gelegenheiten, zum Beispiel nie ein Queen-Konzert erlebt zu haben, und kleine Unfälle wie die Ente des großen Bruders, die kurz nach der Führerscheinprüfung Schrott war.
Auch das Netz selbst taucht oft auf: der erste Chat über AOL Mitte der Neunziger, die Beobachtung, dass die eigene Rechtschreibung durch ständiges Nachschlagen im Online-Duden besser geworden ist, oder das Bekenntnis, dass soziale Netzwerke das Leben verändert haben.
Warum das Format funktionierte
Listen dieser Art sind schnell geschrieben und schnell gelesen, und sie bauen Nähe auf, ohne viel preiszugeben. Für Blogger, die sonst über Bücher, Kinder oder Rezepte schrieben, waren sie eine Gelegenheit, für einen Beitrag die Person hinter den Texten sichtbar zu machen. Für die Lesenden war es ein Spiel des Wiedererkennens.
Das Stöckchen lebte davon, dass es weitergereicht wurde. Blieb es liegen, endete die Kette.
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