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Heimat Solingen: was #thisissolingen über die Klingenstadt erzählt
In Solingen kann man sein ganzes Leben in derselben Stadt verbringen und trotzdem zu hören bekommen, man sei kein richtiger Solinger. Wer aus Ohligs stammt, aus Wald oder aus Gräfrath, kennt diesen Satz, gern auf Solinger Platt vorgetragen, wo „kallen“ so viel heißt wie reden. Hinter dem Spott steckt Geschichte. Erst am 1. August 1929 wurden die bis dahin selbstständigen Städte Gräfrath, Höhscheid, Ohligs, Solingen und Wald zur Großstadt Solingen vereinigt.
Fünf Städte, eine Großstadt
Bis heute sieht man das der Stadt an. Jeder der alten Stadtteile hat seinen eigenen Kern, mit Kirche, Markt und Einkaufsstraße, und die meisten Menschen fühlen sich dem Viertel zugehörig, in dem sie aufgewachsen sind. Man geht in Ohligs in den Kindergarten, drückt einen Steinwurf vom Elternhaus entfernt die Schulbank und fährt für die Ausbildung vielleicht einmal in die Innenstadt, wo ein alteingesessener Handwerksmeister dann spöttisch anmerkt, ein Ohligser sei ja ohnehin kein echter Solinger.
Diese Vielkernigkeit hat Vorteile. Wege sind kurz, die Nachbarschaft ist überschaubar, und wer in einem Stadtteil groß geworden ist, trifft beim Bäcker Menschen, die er seit Jahrzehnten kennt. Zugleich bleibt die Gesamtstadt für viele eine etwas abstrakte Größe, die erst dann an Kontur gewinnt, wenn jemand von außen fragt, woher man kommt.
Heimat oder Zuhause?
Im Sommer 2013 lud die Bloggerin Katja Wenk zu einer Blogparade mit der Frage „Was ist Eure Heimat?“ ein. Sie wollte wissen, wo und warum sich Menschen zu Hause fühlen, ob Heimat etwas anderes sei als das Zuhause und ob sie überhaupt ein Ort sein müsse. Die Antworten fielen erwartungsgemäß unterschiedlich aus.
Für Menschen, die nie weggezogen sind, fallen Heimat und Zuhause oft zusammen. Ein Leben lang in derselben Stadt, fast immer im selben Stadtteil, die Verwandtschaft in Laufweite, Freundschaften, die über Jahrzehnte halten: Das ist eine Form von Verwurzelung, die in einer mobilen Gesellschaft selten geworden ist. Viele spüren als Jugendliche den Drang, fortzugehen, weil die eigene Stadt langweilig erscheint und die weite Welt lockt, in diesem Fall in Gestalt von Köln und Düsseldorf. Manche bleiben trotzdem und sind im Rückblick froh darüber.
Ein anderer Teilnehmer der Blogparade, Christian Dingler, brachte den Unterschied auf eine knappe Formel: „Heimat braucht Wurzeln. Der Rest ist nur ein zu Hause. Aber das ist okay so.“ Wer umgezogen ist, kennt diese Unterscheidung. Man kann sich an einem Ort sehr wohl fühlen, ohne dass er Heimat wird.
Ein kleiner Makel im Ausweis
Eine hübsche Eigenheit betrifft den Geburtsort. In den 1970er-Jahren kamen viele Solinger Kinder in der damals renommierten Frauenklinik im benachbarten Hilden zur Welt. Im Personalausweis steht deshalb bei manchen, die nie woanders gelebt haben, als Geburtsort eine Stadt im Kreis Mettmann. Ein kleiner schwarzer Fleck auf der Solinger Weste, über den sich die Betroffenen gern amüsieren.
Solingen und seine Nachbarn
Zur Heimat gehört auch die Lage. Solingen liegt im Bergischen Land, nahe am Rheinland, und ist von bewaldeten Bachtälern durchzogen, die nach Süden und Osten zur Wupper hin abfallen. Köln, Düsseldorf und Wuppertal sind in weniger als einer halben Stunde erreichbar. Wer also doch einmal Großstadt braucht, hat es nicht weit, und wer Ruhe sucht, findet sie oft schon hinter der nächsten Straßenecke in einem Waldstück oder an einem alten Schleifkotten.
Was die Klingenstadt ausmacht
Heimat hat in Solingen auch mit Handwerk zu tun. Seit dem Mittelalter wird hier geschmiedet und geschliffen, erst Schwerter, später Messer, Scheren und Bestecke, und an den Bächen standen einst Dutzende Schleifkotten, in denen Wasserräder die Schleifsteine antrieben. Der Name der Stadt ist bis heute eine geschützte Herkunftsbezeichnung für Schneidwaren, und seit 2012 trägt Solingen den Beinamen „Klingenstadt“ auch offiziell auf den Ortsschildern.
Wer diese Geschichte kennenlernen möchte, findet im Deutschen Klingenmuseum in Gräfrath einen guten Einstieg. Und mit Schloss Burg an der Wupper besitzt die Stadt eine Burganlage, die seit Generationen ein beliebtes Ziel für Schulausflüge ist und damit für viele ebenfalls zum Heimatgefühl gehört. Solche Orte sind es, die Zugezogene zuerst besuchen und Einheimische zuletzt bemerken.
#thisissolingen: die eigene Stadt neu sehen
Mit Instagram hat sich für viele der Blick auf die eigene Stadt verändert. Wer mit der Kamera im Smartphone unterwegs ist, bleibt vor Fassaden, Treppen und Aussichten stehen, an denen er jahrelang achtlos vorbeigelaufen ist. Unter dem Hashtag #thisissolingen sammelten sich schon 2013 Bilder von Solinger Ecken, von Fachwerkhäusern in Gräfrath über die Müngstener Brücke bis zu unscheinbaren Hinterhöfen in Ohligs.
Solche Hashtags haben einen Effekt, der über das Fotografieren hinausgeht. Sie machen aus einzelnen Spaziergängen eine gemeinsame Sammlung, und wer durch die Bilder scrollt, entdeckt Orte in der eigenen Stadt, die er noch nie gesehen hat. Heimat wird dabei nicht nur erinnert, sondern immer wieder neu erlaufen.
Ein Motiv darf dabei kaum fehlen, obwohl es genau genommen zwei Städten gehört: die Müngstener Brücke, Deutschlands höchste Eisenbahnbrücke, die hoch über der Wupper Solingen mit Remscheid verbindet.
Häufige Fragen
Welche Städte wurden 1929 zu Solingen vereinigt?
Am 1. August 1929 wurden die bis dahin selbstständigen Städte Gräfrath, Höhscheid, Ohligs, Solingen und Wald zur Großstadt Solingen zusammengeschlossen. Die Vereinigung war Teil einer größeren kommunalen Neugliederung im damaligen Rheinland. Bis heute haben die ehemaligen Städte ihre eigenen Ortskerne mit Kirchen, Marktplätzen und Geschäftsstraßen behalten, und viele Einwohner fühlen sich zuerst ihrem Stadtteil und dann erst der Gesamtstadt zugehörig.
Was ist der Unterschied zwischen Heimat und Zuhause?
Zuhause bezeichnet meist den Ort, an dem man gerade lebt, die eigene Wohnung, die Familie, den Alltag. Heimat reicht tiefer und verbindet sich mit Herkunft, Kindheit, Sprache und einem Gefühl der Zugehörigkeit. Beides kann zusammenfallen, wenn jemand dort lebt, wo er aufgewachsen ist. Es kann aber auch auseinanderfallen, etwa bei Menschen, die umgezogen sind. Manche verstehen Heimat auch gar nicht als Ort, sondern als Menschen oder eine Sprache.
Warum heißt Solingen „Klingenstadt“?
Solingen ist seit dem Mittelalter für die Herstellung von Klingen bekannt, zunächst für Schwerter, später für Messer, Scheren und Bestecke. Die Schleifkotten an den Bachläufen des Bergischen Landes nutzten die Wasserkraft, um Klingen zu schleifen. Der Name der Stadt gilt bis heute als Herkunftsbezeichnung für Schneidwaren. Seit 2012 darf Solingen den Zusatz „Klingenstadt“ auch offiziell im Ortsnamen führen, etwa auf den Ortseingangsschildern.
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