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Testleser werden: So arbeiten Kinder- und Jugendbuchverlage mit Lesern

Zweimal im Jahr lud der Hanser Verlag in München zu einer ungewöhnlichen Redaktionssitzung. Am Tisch saßen Verlagsleiter Ulrich Störiko-Blume, Kolleginnen aus Lektorat und Presse und eine Gruppe Kinder und Jugendlicher aus München und Umgebung. Verhandelt wurden Bücher, die noch gar nicht erschienen waren. Und die Erwachsenen hörten zu: Nach solchen Treffen wurden schon Titel geändert und Cover angepasst.

Das Beispiel steht für eine Praxis, die sich in deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchverlagen Anfang der 2010er-Jahre breit durchgesetzt hatte. Junge Testleser geben eine erste Meinung ab, bevor ein Buch in den Handel geht, oder schreiben Rezensionen, die später auf der Verlagswebsite erscheinen. Die Zeitschrift Eselsohr widmete dem Thema in ihrer Juniausgabe 2013 einen ausführlichen Beitrag, der zeigte, wie verschieden die Modelle aussahen.

Die Bücherkinder: junge Rezensenten im Netz

Neben den Programmen der Verlage gab es auch unabhängige Plattformen für junge Leser. Eine davon waren die Bücherkinder: 2013 bestand das Angebot bereits seit gut zehn Jahren, und junge Leserinnen und Leser aus ganz Deutschland schrieben auf der gleichnamigen Website ihre Meinung zu Büchern. Anders als bei einem Verlagsleseclub ging es nicht um ein einzelnes Programm, sondern um Kinder- und Jugendbücher aus vielen Häusern. 2014 verfassten dort rund 50 Kinder und Jugendliche sowie etwa 20 Erwachsene Rezensionen, im November desselben Jahres erschien die Seite in neuer Gestaltung. Mehr dazu im Beitrag über den Relaunch von buecherkinder.de.

Vom fertigen Buch bis zum Manuskript

Die Bandbreite war groß. Am einen Ende stand die Rezension eines bereits erschienenen Titels, am anderen die Lektüre eines Manuskripts, an dem das Lektorat noch arbeiten konnte. Dazwischen lagen Fahnen, also unkorrigierte Vorabdrucke, und Leseexemplare, die vor dem Erscheinungstermin an Presse und Buchhandel gehen.

Die Bastei Lübbe Kinderreporter, erst 2011 gegründet, gehörten zum ersten Typ. Die Fünf- bis Sechzehnjährigen lasen ausschließlich Bücher, die schon im Handel waren. Geplant hatte der Verlag mit 20 Kinderreportern, 2013 waren es rund 40. Isabel Lottig, Pressereferentin für Kinder- und Jugendbuch, betreute sie zusammen mit einer Volontärin und sah darin ein klares Zeichen: „Das spricht für das große Interesse der Kinder, gerne eine eigene Meinung zu einem Buch zu veröffentlichen.“ Rezensionen, Foto und eine kurze Vorstellung der jungen Reporter erschienen auf der Verlagsseite, über die man sich auch bewerben konnte.

Der Leseclub des Münchner cbj Verlags dagegen war ein ausgesprochener Fahnen-Leseclub. Seine 37 Mitglieder zwischen 9 und 17 Jahren bekamen neben fertigen Büchern vor allem Vorabfassungen. Nach einem gezielten Aufruf nach mehr männlichen Testlesern waren 2013 sogar die Jungen in der Überzahl. Für die Pressestelle, die den Club betreute, zählten nach Aussage von Sebastian Menacher zwei Dinge: eine ehrliche Rückmeldung noch vor dem Erscheinungstermin, an der sich ablesen ließ, welche Inhalte und Cover bei wem ankamen, und Zitate der Jugendlichen, die in die Pressearbeit einflossen.

Rückmeldung ohne Veröffentlichung

Bei Hanser ging es ausdrücklich nicht um Besprechungen. „Das Ziel ist es nicht, Besprechungen zu bekommen, sondern ein Feedback zum Buchprojekt“, erklärte Andrea Wolf aus der Presseabteilung. Ähnlich hielt es Beltz & Gelberg. Das Lektorat arbeitete 2013 mit sieben Testlesern zwischen 12 und 15 Jahren, deren Urteile nur intern verwendet wurden. Christian Walther aus dem Lektorat des Taschenbuchprogramms Gulliver beschrieb den Zweck so: „Es geht darum, ein erstes, unvoreingenommenes Feedback direkt aus der Zielgruppe zu bekommen.“ Kurze Checklisten, die die Jugendlichen ausfüllten, deckten die wichtigsten Fragen zu Manuskript oder Roman ab.

Kosmos holte Testleser bereits ganz am Anfang des Prozesses dazu. Programmleiterin Birgitta Barlet nannte drei Einsatzfelder: Texte im Manuskriptstadium prüfen und dann noch darauf einwirken, englische Lizenzangebote lesen lassen, bevor der Verlag über einen Einkauf entscheidet, und sehr früh eine Meinung zu Cover-Entwürfen einholen. Zitate aus diesen Rückmeldungen tauchten anschließend in Konferenzen und Vorschauen auf.

Lektorat, Familie und der Zufall

In vielen Häusern lag die Betreuung beim Lektorat, genannt wurden unter anderem dtv junior, Fischer, Loewe, Carlsen, Kosmos und Beltz & Gelberg. Die Testleser kamen dort oft aus dem familiären Umfeld der Mitarbeitenden. Bei dtv junior lasen seit mehr als zehn Jahren etwa dreißig Acht- bis Siebzehnjährige, die meisten davon Mädchen zwischen 12 und 16. Anke Thiemann formulierte eine Beobachtung, die jede Marketingabteilung hellhörig macht: „Oft gibt es Korrelationen zwischen der Begeisterung der Testleser und den Verkaufszahlen später.“

Fischer griff nach eigener Aussage „schon immer“ auf jugendliche Testleser zurück, neben Kindern von Kollegen auch auf Schulklassen und die Jugendjury einer Bibliothek. Loewe arbeitete seit 2006 mit einem festen Stamm von rund 35 Testlesern, fast genau zur Hälfte Jungen und Mädchen.

Die schönste Anekdote kam von Carlsen. Lektorin Susanne Schürmann traf im Zug einen Jungen, der sämtliche Harry-Potter-Bände verschlungen hatte und lebhaft mit ihr darüber sprach. Sie engagierte ihn auf der Stelle. Fünf Jahre lang las er für den Verlag, bis er „zu alt“ war.

Auch die Kleinsten urteilen

Selbst Kindergartenkinder können Verlagen helfen.

Ueberreuter, damals im Aufbau Haus in Berlin ansässig, teilte das Gebäude mit dem Kindergarten Wildfang. Hin und wieder kamen die Kinder in einen kleinen Veranstaltungsraum des Verlags, um zu zeigen, wie Themen und Bilder bei ihnen ankamen, und wurden im Gegenzug zu Speziallesungen eingeladen, zuletzt mit Katharina Grossmann-Hensel und ihrem Bilderbuch „Warum Erwachsene nachts so lange aufbleiben müssen“. Bei Klett Kinderbuch kamen die kleinen Testleser aus persönlichen Kontakten, aus Kindergärten und aus Gruppen, die der Verlag über Wettbewerbe oder Lesungen kennengelernt hatte.

Aufwand, der sich lohnt

Die Arbeit mit jungen Lesern kostet Zeit. Bücher müssen verschickt, Rückmeldungen eingesammelt, Treffen organisiert und Kontakte über Jahre gepflegt werden. Dazu kommt, dass Testleser älter werden und ersetzt werden müssen. Dass so viele Verlage diesen Aufwand trotzdem betrieben, sagt viel über den Wert der Rückmeldungen. Kaum jemand kann ein Kinder- oder Jugendbuch so zuverlässig beurteilen wie die Menschen, für die es geschrieben wurde.

Parallel wuchs im Netz die Zahl unabhängiger Rezensionsseiten mit eigenen Kinder- und Jugendredaktionen, auf denen junge Leser ihre Urteile öffentlich machten. Die Grenze zwischen Verlagsprogramm und freier Kritik blieb dabei eine eigene Frage: Wie unabhängig bleibt eine Vierzehnjährige in ihrem Urteil, wenn das nächste Leseexemplar vom selben Verlag kommt?

Häufige Fragen

Wie wird man Testleser bei einem Kinder- oder Jugendbuchverlag?

Die Wege sind unterschiedlich. Einige Verlage hatten offene Programme mit Bewerbungsmöglichkeit, etwa die Kinderreporter von Bastei Lübbe oder der Leseclub von cbj. Andere setzten auf Kinder aus dem Umfeld der Mitarbeitenden, auf Schulklassen der Umgebung oder auf Jugendjurys von Bibliotheken. Am sichersten ist es, auf der Website des Wunschverlags nach einem Leseclub oder Testleserprogramm zu suchen oder die Presseabteilung direkt anzuschreiben.

Was bekommen Testleser zu lesen?

Das hängt vom Programm ab. Manche Gruppen lasen ausschließlich fertige, bereits erhältliche Bücher und schrieben Rezensionen dafür. Andere erhielten unkorrigierte Fahnen und Leseexemplare vor dem Erscheinungstermin oder sogar Manuskripte und englische Lizenzangebote, über deren Einkauf der Verlag noch entscheiden musste. Häufig wurden zusätzlich Cover-Entwürfe vorgelegt, um früh zu sehen, wie sie bei der Zielgruppe ankommen.

Werden Testleser für Verlage bezahlt?

In den Programmen, die Kinder- und Jugendbuchverlage 2013 beschrieben, stand kein Honorar im Vordergrund. Die jungen Leser erhielten Bücher, teilweise vor dem Erscheinen, und sahen ihre Meinung ernst genommen, manchmal auch veröffentlicht, etwa auf der Verlagswebsite oder in der Vorschau. Wer sich bewirbt, sollte die jeweiligen Bedingungen beim Verlag erfragen, denn sie unterscheiden sich von Haus zu Haus.

Hat die Meinung von Testlesern wirklich Einfluss auf ein Buch?

Ja, zumindest in einigen Häusern. Beim Hanser Verlag wurden nach den Treffen mit jungen Testlesern schon Titel geändert und Cover angepasst. Kosmos nutzte Testleser, um Texte bereits im Manuskriptstadium zu prüfen und noch Einfluss auf sie zu nehmen. Bei dtv junior beobachtete man zudem häufig einen Zusammenhang zwischen der Begeisterung der Testleser und den späteren Verkaufszahlen.

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