Ironblogger Köln: Wer nicht bloggt, zahlt in die Kasse – das Prinzip
Ein Glas Kölsch auf dem Tisch, bezahlt aus einer Kasse voller kleiner Versäumnisse: So lässt sich das Prinzip der Ironblogger in einem Bild erklären. Wer in einer Woche keinen Beitrag im eigenen Blog veröffentlichte, legte Geld in die Gemeinschaftskasse. Und wenn genug zusammengekommen war, traf sich die Gruppe und gab es gemeinsam für Essen und Getränke aus. Am 10. Juni 2013 begann diese Rechnung auch in Köln.
Das Problem, das jeder mit eigenem Blog kennt
An Ideen für Beiträge fehlt es selten. Was fehlt, ist die Zeit oder die Überwindung, aus der Idee einen fertigen Text zu machen. Ein Thema wird auf die lange Bank geschoben, dann auf eine noch längere, und irgendwann ist es nicht mehr aktuell. Viele private Blogs zeigen dieses Muster: Phasen reger Aktivität, dann monatelange Stille, dann ein Beitrag, der mit einer Entschuldigung für die Pause beginnt.
Die Ironblogger setzten dem eine einfache Verpflichtung entgegen. Jedes Mitglied verspricht, pro Woche mindestens einen Beitrag zu veröffentlichen. Verpasste Wochen werden notiert, und wer wie viel schuldet, ist für die ganze Gruppe nachvollziehbar. Der Betrag pro verpasster Woche war bewusst klein gehalten. Es ging nicht darum, jemanden zu bestrafen, sondern darum, dem inneren Schweinehund eine kleine, spürbare Hürde in den Weg zu stellen.
Wie Köln dazukam
Den Anstoß gab im April 2013 Stefan Evertz, der das Blog Hirnrinde.de betrieb und bereits bei den Stuttgarter Ironbloggern mitmachte. Unter der Überschrift „Ironblogger goes Kölle?“ fragte er über Twitter und sein Blog, ob sich das Prinzip auch in Köln etablieren ließe. Die Resonanz war groß genug, und zwei Monate später war die Gruppe startklar.
Für die Kölner Gruppe wurde eine eigene Übersichtsseite eingerichtet. Dort standen die Mitglieder mit ihren Blogs, und dort ließ sich nachlesen, wer in welcher Woche geliefert hatte. Diese Transparenz war ein wesentlicher Teil des Konzepts: Niemand wurde gemahnt, aber jeder konnte sehen, wie es um die eigene Bilanz stand.
Das kölsche Motto der Gruppe, „Kumm loss mer blogge, nit lamentiere!“, fasste die Haltung zusammen.
Ein bundesweites Netz
Köln war nicht allein. Im Juni 2013 gab es Ironblogger-Gruppen in Berlin, Bonn, Hamburg, Kiel, Leipzig und Stuttgart, dazu regionale Gruppen am Bodensee und im Ruhrgebiet. Rhein-Main und Karlsruhe waren gerade in Planung. Jede Gruppe organisierte sich selbst, mit eigener Seite, eigener Kasse und eigenen Treffen, folgte aber derselben Grundregel.
Auf der re:publica 2013 in Berlin stellten Ironblogger das Konzept in einer eigenen Session vor. Der Titel war programmatisch und ein bisschen augenzwinkernd: „Blogs und Bier? Das lob ich mir!“ Er brachte auf den Punkt, was die Gruppen von reinen Schreibchallenges unterschied. Am Ende stand immer ein Abend am Tisch.
Warum das Prinzip funktionierte
Hinter dem Modell steckte eine einfache psychologische Beobachtung. Eine Verpflichtung, die öffentlich ist und eine kleine Konsequenz hat, wird eher eingehalten als ein stiller Vorsatz. Dass die Konsequenz Geld für ein gemeinsames Treffen war, nahm ihr zugleich die Schärfe. Wer oft zahlte, finanzierte die Runde für alle, und das ließ sich mit Humor tragen.
Nebenbei konnte etwas entstehen, das mindestens so viel wert war wie die Schreibroutine: Kontakte zu Menschen, die ganz andere Themen bearbeiteten. Weil die Gruppen regional statt thematisch organisiert waren, fanden sich in einer Liste Blogs über Bücher, Technik, Essen oder Stadtgeschehen nebeneinander. Wer die Liste der anderen durchsah, las zwangsläufig auch Texte außerhalb der gewohnten Filterblase.
Kritisch betrachtet konnte die Wochenregel auch zu schnell hingeschriebenen Pflichtbeiträgen verleiten, die nur existierten, um die Kasse zu schonen. Ob das den Blogs schadete oder ob gerade diese kleinen, schnell geschriebenen Texte manchmal die ehrlicheren waren, lässt sich kaum allgemein beantworten.
Was eine Wochenregel mit dem Schreiben macht
Wer einmal versucht hat, ein Jahr lang jede Woche etwas zu veröffentlichen, merkt schnell, dass sich die Arbeitsweise verändert. Ideen werden sofort notiert statt im Kopf aufbewahrt. Längere Texte werden in Teile zerlegt, die sich auf mehrere Wochen verteilen lassen. Und der Anspruch, jeder Beitrag müsse ein großer Wurf sein, weicht einem realistischeren Blick: Auch eine kurze Beobachtung, ein Fundstück oder eine Buchnotiz ist ein Beitrag. Gerade diese Entlastung kann der Grund sein, dass ein Blog nicht wieder einschläft, auch wenn Beruf und Familie in manchen Wochen kaum Luft lassen. Die Kasse war dabei weniger Druckmittel als Erinnerung, die jede Woche von selbst kam.
Wer mitmachen wollte
Der Einstieg war unkompliziert. Wer ein eigenes Blog betrieb und gegen einen gelegentlichen freundlichen Tritt nichts einzuwenden hatte, meldete sich bei der Gruppe in der eigenen Region und wurde in die Liste aufgenommen. Voraussetzung war lediglich die Bereitschaft, sich auf die Wochenregel einzulassen und hin und wieder zu einem Treffen zu kommen.
Eine offene Frage stellte sich in solchen Gruppen irgendwann fast zwangsläufig: Was passiert mit den offenen Beträgen eines Mitglieds, das nach Monaten ohne Beitrag stillschweigend verschwindet, und wer traut sich, beim nächsten Treffen nachzufragen?
Häufige Fragen
Was sind Ironblogger?
Ironblogger sind Gruppen von Bloggerinnen und Bloggern, die sich gegenseitig zu regelmäßigem Schreiben verpflichten. Jedes Mitglied soll pro Woche mindestens einen Beitrag im eigenen Blog veröffentlichen. Wer eine Woche auslässt, zahlt einen kleinen festen Betrag in eine Gemeinschaftskasse. Das Geld wird bei gemeinsamen Treffen für Essen und Getränke ausgegeben. So wird aus der Strafe am Ende ein Anlass, sich persönlich zu begegnen.
Wann starteten die Ironblogger in Köln?
Die Idee kam im April 2013 auf, als Stefan Evertz, selbst Ironblogger in Stuttgart und Betreiber von Hirnrinde.de, unter der Überschrift „Ironblogger goes Kölle?“ fragte, ob sich genug Interessierte für eine Kölner Gruppe fänden. Am 10. Juni 2013 begann die erste gezählte Woche. Die Mitglieder wurden auf einer eigenen Übersichtsseite der Kölner Gruppe aufgeführt, die ihre Beiträge sammelte.
In welchen Städten gab es Ironblogger-Gruppen?
Im Juni 2013 gab es in Deutschland Gruppen in Berlin, Bonn, Hamburg, Kiel, Köln, Leipzig und Stuttgart sowie regionale Gruppen am Bodensee und im Ruhrgebiet. In Planung waren damals Gruppen für Rhein-Main und Karlsruhe. Da solche Gruppen von Ehrenamtlichen getragen werden, kamen über die Jahre neue hinzu, während andere einschliefen. Ob eine Gruppe noch aktiv ist, lässt sich am besten an ihren jüngsten Wochenlisten ablesen.
Was bedeutet „Kumm loss mer blogge, nit lamentiere!“?
Der Satz ist Kölsch und bedeutet ungefähr: Los, bloggen statt jammern! Er spielt auf eine typisch rheinische Redeweise an, die Tatkraft über Klagen stellt, und passte damit gut zum Grundgedanken der Ironblogger: nicht über fehlende Zeit oder Ideen lamentieren, sondern wöchentlich etwas veröffentlichen. „Loss“ ist die kölsche Form von „lass“, „mer“ die des Pronomens der ersten Person Plural, und „nit“ steht für „nicht“.
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