Netzgemüse von Tanja und Johnny Haeusler: Eltern, Kinder, Internet
Zwei Söhne, geboren um die Jahrtausendwende, und zwei Eltern, die beruflich mehr über das Internet wissen als die allermeisten: Das ist die Ausgangslage von „Netzgemüse“. Tanja und Johnny Haeusler betreiben das mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Onlineportal Spreeblick und gehören zum Gründungsteam der re:publica, der Berliner Konferenz über das Netz und die digitale Gesellschaft. Und trotzdem, so erzählen sie, streiten sie zu Hause über dieselben Fragen wie alle anderen Familien auch.
Genau darin liegt die Stärke des Buchs.
Worum es in „Netzgemüse“ geht
Der Untertitel lautet „Aufzucht und Pflege der Generation Internet“, erschienen ist das Buch bei Goldmann. Wer nach einem Ratgeber mit Stundenplänen für Bildschirmzeiten sucht, wird enttäuscht. Netzgemüse ist eher ein Versuch, Eltern die Welt ihrer Kinder zu übersetzen: was Jugendliche an Computerspielen fasziniert, warum ein soziales Netzwerk für sie kein Zeitvertreib, sondern ein Ort ist, an dem Freundschaften stattfinden, und weshalb ein Verbot häufig nur dazu führt, dass die Kinder dasselbe heimlich tun.
Die Haeuslers schreiben dabei aus einer ungewöhnlichen Doppelrolle. Beruflich sind sie Netzprofis, privat sind sie Eltern, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind. Für ihre Söhne dagegen ist digitale Kommunikation so selbstverständlich wie für frühere Generationen das Telefon im Flur. Diese Lücke zwischen den Generationen lässt sich durch Fachwissen nicht einfach schließen, und das Buch tut auch nicht so, als ginge das.
Verbote aus guter Absicht
Viele Eltern reagieren auf die Onlinewelt ihrer Kinder mit denselben Mitteln, die sie selbst erlebt haben. Sie begrenzen Onlinezeiten, verbieten Spiele, in denen geschossen wird, und halten soziale Netzwerke grundsätzlich für gefährlich. Gemeint ist das gut. Es hat ja schließlich auch bei ihnen funktioniert, als der Fernseher nach der Tagesschau ausgeschaltet wurde.
Die Haeuslers halten dagegen, dass die Regeln der eigenen Kindheit nicht einfach auf eine Generation übertragbar sind, die in einer grundlegend anderen Medienwelt groß wird. Das heißt nicht, dass es keine Regeln geben soll. Es heißt, dass Regeln ausgehandelt werden müssen, und zwar mit Kindern, deren Wissen über das Netz in manchen Bereichen das der Eltern übersteigt. Das Buch lebt von gut recherchierten Hintergründen und von einer spürbaren Gelassenheit, die Leserinnen und Lesern hilft, die eigene, meist sehr ähnliche Lage differenzierter zu betrachten.
Gunter Dueck und der metakulturelle Diskurs
Auf der re:publica 2013 hielt der Mathematiker, Autor und frühere IBM-Manager Gunter Dueck eine Session unter dem Titel „Aufruf zum metakulturellen Diskurs“. Mit Kindererziehung hatte sie auf den ersten Blick nichts zu tun. Dueck beschrieb eine aufkommende Wissensgesellschaft, die eine neue Kultur hervorbringen werde, und beklagte, dass stattdessen jedes Detail aus alten und neuen Blickwinkeln entweder leidenschaftlich verteidigt oder wütend abgelehnt werde. In der Ankündigung der Session hieß es, aus solchen Diskussionen entstehe „kein Diskurs (eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Ziel eines gemeinsamen Weges)“. Vielleicht seien alle, jeder für sich, zu sehr Gefangene ihrer speziellen Denkkulturen.
Liest man diese Sätze mit „Netzgemüse“ im Kopf, bekommen sie eine zweite Bedeutung. Wer wird die Wissensgesellschaft gestalten, wenn nicht die Kinder, die heute mit Smartphone und Konsole aufwachsen? Und wer ist stärker in seiner Denkkultur gefangen als Eltern, die das Netz vor allem als Gefahr erleben? Duecks „Blick aus dem Helikopter“, also der Schritt zurück von der eigenen Perspektive, ist im Familienalltag schwer, aber er ist genau das, was die Haeuslers vorschlagen.
Digital Natives und die anderen
Oft fällt in diesem Zusammenhang der Begriff „Digital Natives“. Der US-amerikanische Autor Marc Prensky prägte ihn 2001 und stellte ihm die „Digital Immigrants“ gegenüber, also Menschen, die das Digitale erst als Erwachsene kennengelernt haben und dessen Sprache stets mit Akzent sprechen. Das Bild ist eingängig, und es erklärt, warum selbst sehr netzaffine Eltern wie die Haeuslers mit ihren Kindern aneinandergeraten. Es hat allerdings eine Schwäche: Nicht jedes Kind, das mit einem Tablet aufwächst, geht deshalb kompetent mit Informationen, Werbung oder Datenschutz um. Geboren zu sein genügt nicht, um eine Sprache gut zu sprechen. Eltern bleiben deshalb gefragt, nur eben weniger als Aufseher denn als Gesprächspartner.
Was Eltern daraus mitnehmen können
Aus beiden Quellen lassen sich einige praktische Gedanken ableiten, auch wenn keine von ihnen eine Anleitung sein will. Zuerst die Neugier: Wer wissen will, was ein Kind an einem Spiel fasziniert, kann sich eine Runde zeigen lassen, statt aus der Ferne zu urteilen. Dann das Gespräch: Regeln, die Kinder mitformulieren, werden eher eingehalten als solche, die von oben kommen. Und schließlich die Bereitschaft, sich selbst etwas erklären zu lassen, notfalls vom eigenen Sohn.
Das verlangt einen gewissen Mut. Eltern geben damit einen Teil ihrer Deutungshoheit ab, und das fühlt sich zunächst wie Kontrollverlust an. Umgekehrt gewinnen sie etwas, das mit Verboten kaum zu haben ist: Einblick in das, was ihre Kinder tatsächlich tun, und ein Gesprächsklima, in dem auch schwierige Erfahrungen im Netz zur Sprache kommen.
Gunter Duecks Session ist als Video im Netz zu finden. Wer sie gemeinsam mit einem jugendlichen Kind anschaut, hat hinterher vermutlich genug Gesprächsstoff für mehr als einen Abend – und stellt vielleicht fest, dass der Nachwuchs Dueck schneller versteht als erwartet.
Häufige Fragen
Worum geht es in dem Buch „Netzgemüse“?
„Netzgemüse“ von Tanja und Johnny Haeusler trägt den Untertitel „Aufzucht und Pflege der Generation Internet“ und ist im Goldmann Verlag erschienen. Das Autorenpaar, selbst Eltern zweier Söhne, beschreibt, wie Kinder und Jugendliche das Netz nutzen, und plädiert dafür, diese Welt zu verstehen, statt sie reflexhaft zu verbieten. Es geht um Computerspiele, soziale Netzwerke und Onlinezeiten, vor allem aber um die Haltung der Eltern im Familienalltag.
Wer sind Tanja und Johnny Haeusler?
Tanja und Johnny Haeusler sind ein Berliner Autorenpaar, das die mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Website Spreeblick betreibt. Beide gehören zum Gründungsteam der re:publica, einer der wichtigsten europäischen Konferenzen über Internet und digitale Gesellschaft, die jedes Jahr in Berlin stattfindet. Mit „Netzgemüse“ verbinden sie ihr berufliches Wissen über das Netz mit ihren Erfahrungen als Eltern von zwei Söhnen.
Was meinte Gunter Dueck mit dem „metakulturellen Diskurs“?
Unter dem Titel „Aufruf zum metakulturellen Diskurs“ sprach Gunter Dueck 2013 auf der re:publica. Er beklagte, dass Debatten sich an Kleinigkeiten festbeißen und jede Seite aus ihrer eigenen Denkkultur heraus befürwortet oder ablehnt, ohne dass ein echter Diskurs entsteht, also eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Ziel eines gemeinsamen Weges. Er warb für einen „Blick aus dem Helikopter“ auf die eigenen Denkgewohnheiten. Die Session ist als Video online abrufbar.
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