BuchSegler: die Kinderbuchhandlung im Florakiez und was sie ausmachte
Vor der offenen Ladentür parken Fahrräder, dazwischen ein Laufrad, auf der Holzbank daneben sitzt ein Kind und blättert schon im neuen Buch, bevor die Eltern bezahlt haben. So ungefähr sah ein gewöhnlicher Sommernachmittag vor dem BuchSegler aus, einer Kinderbuchhandlung in einem Eckhaus der Florastraße in Berlin-Pankow. Wer 2012 in Berlin nach einer besonderen Adresse für Kinder- und Jugendbücher fragte, bekam diesen Namen erstaunlich oft zu hören.
Ein Laden im Wohnviertel statt in der Einkaufsstraße
Wiebke Schleser eröffnete den BuchSegler 2009. Die Lage war auf den ersten Blick ungewöhnlich: keine Fußgängerzone, kein Einkaufszentrum, sondern ein Wohnviertel zwischen dem U- und S-Bahnhof Pankow und dem S-Bahnhof Wollankstraße, im sogenannten Florakiez. Die Gründerin kannte Pankow seit ihrer Kindheit über die eigene Familie, und die Buchhandlung war für sie eher Herzensangelegenheit als kühl kalkulierter Standort.
Dass eine Toplage kein Erfolgsgarant ist, zeigte sich hier deutlich. Ein Kinderbuchladen lebt von Familien, die wiederkommen, und Familien wohnen nun einmal in Wohnvierteln. Wer den Weg von der Kita oder vom Spielplatz ohnehin an der Ladentür vorbei nimmt, schaut öfter hinein als jemand, der eigens in die Innenstadt fahren muss. Der BuchSegler wurde innerhalb weniger Jahre als beste Kinderbuchhandlung Berlins ausgezeichnet, was für einen Laden abseits der bekannten Einkaufslagen bemerkenswert ist.
Holz, Schaufenster und Bücher mit dem Gesicht nach vorn
Innen dominierte Holz. Die Regale und Tische schufen eine ruhige, warme Atmosphäre, die eher an ein großes Kinderzimmer erinnerte als an ein Geschäft. Besonders im Bilderbuchbereich setzte der Laden auf Frontalpräsentation: Die Bücher standen mit dem Cover zum Betrachter, nicht mit dem Rücken. Das kostet Regalfläche, ist aber bei Bilderbüchern fast unverzichtbar, denn Kinder, die noch nicht lesen, wählen über das Bild. Ein schmaler Buchrücken mit Titel sagt einem Vierjährigen nichts.
Auch die Schaufenster fielen auf. Sie wurden regelmäßig und mit viel Aufwand neu gestaltet, und der BuchSegler erhielt dafür eigene Auszeichnungen. Ein gut gemachtes Schaufenster ist für eine kleine Buchhandlung mehr als Dekoration, es ist die einzige Werbung, die jeden Tag von allein wirkt.
Die Kleinsten zogen auf dem Fußabtreter manchmal die Schuhe aus.
Das klingt nach einer Anekdote, beschreibt aber genau, was den Laden ausmachte: Viele Kinder kannten ihn so gut, dass sie sich wie zu Hause benahmen. Wiebke Schleser kannte umgekehrt die meisten kleinen Stammkunden beim Namen und wusste, ob jemand gerade Dinosaurier, Pferde oder Detektivgeschichten suchte. An den Nachmittagen war der Laden entsprechend voll.
Was eine gute Kinderbuchhandlung ausmacht
Am Beispiel des BuchSeglers lassen sich einige Merkmale ablesen, die gute Kinderbuchhandlungen allgemein auszeichnen. Das erste ist eine Auswahl, der man ansieht, dass jemand die Bücher gelesen hat. Kinderbuchverlage bringen jedes Halbjahr eine große Menge Neuerscheinungen heraus, und nicht alles, was ein Verlagsvertreter anpreist, gehört in einen kleinen Laden. Die Kunst liegt im Weglassen.
Das zweite Merkmal ist Beratung, die vom Kind ausgeht und nicht vom Bestseller. Ein Achtjähriger, der gerade erst flüssig liest, braucht andere Bücher als eine gleichaltrige Vielleserin. Eltern und Großeltern, die ein Geschenk suchen, kennen den aktuellen Lesestand oft nur ungefähr, und eine gute Buchhändlerin fragt nach, bevor sie etwas empfiehlt.
Drittens der Raum. Kinder wollen Bücher anfassen, sich auf den Boden setzen und blättern. Ein Laden, der das erlaubt und dafür Platz schafft, verkauft am Ende mehr, auch wenn mancher Umschlag dabei Knicke bekommt. Frontal präsentierte Bilderbücher, niedrige Tische und eine Sitzgelegenheit sind einfache Mittel mit großer Wirkung.
Schwieriger wird es mit den Älteren. Zwölf- und Dreizehnjährige fühlen sich zwischen Pappbilderbüchern und Kuscheltieren schnell fehl am Platz, und viele Kinderbuchhandlungen verlieren ihre Kundschaft genau in dem Alter, in dem das eigenständige Lesen eigentlich erst richtig beginnt. Eine eigene Ecke für Jugendbücher, möglichst etwas abseits vom Bilderbuchtisch, hilft dabei mehr als jede Rabattaktion. Wer mit sechs gern in einen Laden gekommen ist, kommt mit vierzehn wieder, wenn er sich dort nicht wie ein Kleinkind behandelt fühlt.
Und schließlich die Verankerung im Viertel. Lesungen, Vorlesestunden, Kontakte zu Kitas und Schulen machen eine Kinderbuchhandlung zu einem Ort, den Familien kennen, auch wenn sie gerade kein Buch brauchen. Der BuchSegler hatte montags geschlossen, weil dieser Tag als Familientag galt; auch das passte zu einem Laden, der sich ausdrücklich an Familien richtete. Samstags war bis 13 Uhr geöffnet, dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, und damit genau zu den Zeiten, in denen Eltern mit Kindern ohnehin unterwegs sind.
Buchhandlungen als Ausflugsziel
Es gibt Menschen, die in fremden Städten zuerst die Buchhandlungen aufsuchen und erst danach das Brandenburger Tor. Für sie war der BuchSegler ein naheliegendes Ziel, und die Fahrt nach Pankow führte ganz nebenbei in einen Teil Berlins, den viele Besucherinnen und Besucher sonst nie zu sehen bekommen. Ob sich der Laden heute noch so präsentiert wie 2012, lässt sich aus der Ferne schwer sagen – der Blick auf die Öffnungszeiten vor dem Besuch lohnt sich in jedem Fall.
Häufige Fragen
Wo lag die Kinderbuchhandlung BuchSegler?
Der BuchSegler hatte seinen Sitz in einem Eckhaus in der Florastraße 88/89 in 13187 Berlin-Pankow, im sogenannten Florakiez. Der Laden lag zwischen dem U- und S-Bahnhof Pankow, etwa 700 Meter entfernt, und dem S-Bahnhof Wollankstraße, rund 350 Meter entfernt. Wer heute hinfahren möchte, sollte vorher prüfen, ob und zu welchen Zeiten die Buchhandlung geöffnet hat.
Wer gründete den BuchSegler?
Gegründet wurde die Kinderbuchhandlung 2009 von Wiebke Schleser, die seit ihrer Kindheit familiäre Verbindungen nach Pankow hatte. Die Eröffnung in der Florastraße war für sie auch eine persönliche Angelegenheit. Der Laden wurde später als beste Kinderbuchhandlung Berlins ausgezeichnet und erhielt zusätzlich Preise für die Gestaltung seiner Schaufenster.
Woran erkennt man eine gute Kinderbuchhandlung?
An einer Auswahl, die sichtbar von Menschen getroffen wurde, die die Bücher kennen, an Bilderbüchern, die mit dem Cover nach vorn präsentiert werden, und an Platz, an dem Kinder selbst blättern dürfen. Dazu kommt Beratung, die das Alter, die Lesefähigkeit und die Vorlieben des Kindes ernst nimmt. Viele gute Läden kennen ihre Stammkundschaft beim Namen und veranstalten Lesungen oder Vorlesestunden.
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