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„Ich lese. Nicht.“ Warum Lesepausen und Leseflauten ganz normal sind

Ein Punkt hinter „Ich lese“, dann ein zweiter hinter „Nicht“. Die Zeichensetzung dieses Titels trägt die ganze Aussage: Beides ist wahr, nacheinander. Wer beruflich mit Kinder- und Jugendbüchern zu tun hat oder privat nie ohne Buch in der Tasche aus dem Haus geht, kennt Zeiten, in denen die Seiten nur so fliegen, und andere, in denen der Stapel auf dem Nachttisch unberührt Staub fängt.

Lesen als Beruf ist selten Lesen

Viele stellen sich die Arbeit mit Büchern als ständiges Lesen vor. Die Wirklichkeit sieht in den meisten Berufen rund ums Buch anders aus. Wer etwa ein Rezensionsportal für Kinder und Jugendliche betreut, verbringt die meiste Zeit mit Dingen, die mit Lektüre nur am Rand zu tun haben: Verlagsvorschauen sichten, Rezensionsexemplare bestellen, Titel in eine Datenbank einpflegen, Bücher an junge Rezensentinnen und Rezensenten verschicken, eingereichte Texte prüfen und freischalten, Belege an die Verlage zurückmelden.

Gelesen wird in solchen Konstellationen vor allem von den Kindern und Jugendlichen selbst. Sie sind es, die die Bücher wirklich kennen, und deshalb sind sie eigentlich die Fachleute, nicht die Erwachsenen, die im Hintergrund die Pakete packen. Wer sich in diesem Umfeld ungern „Kinderbuchexpertin“ nennen lässt, hat einen guten Grund.

Die Angst vor der Zahl

In Lebensläufen, Profilen und Lesechallenges tauchen gern Sätze auf wie „liest bis zu 100 Bücher im Jahr“. Das sind zwei Bücher pro Woche, neben Beruf, Haushalt, Schlaf und allem, was ein normaler Tag sonst verlangt. Manche schaffen das tatsächlich und schreiben darüber auch noch ausführlich. Unterstellen muss man ihnen nichts.

Und doch wirkt eine solche Zahl auf viele Leserinnen und Leser eher einschüchternd als inspirierend. Selbst wer schnell liest, braucht Zeit. Manche Bücher verlangen, dass Absätze zweimal gelesen werden, weil ein Satz zu dicht ist, um beim ersten Mal ganz anzukommen. Und nach einem wirklich guten Buch braucht es oft eine Pause, bevor das nächste beginnen kann, damit das Gelesene sacken darf.

Hinzu kommt eine leise Sorge, die viele Vielleser kennen. Wer sehr viel liest, besonders in einem einzigen Genre, läuft Gefahr, dass sich Geschichten zu wiederholen scheinen. Das Gefühl, eine Handlung schon zu kennen, bevor sie begonnen hat, ist der natürliche Feind der Neugier, und gerade im Kinder- und Jugendbuch, wo so viel von Staunen und Begeisterung lebt, wiegt das schwer.

Die Zeit ohne Bücher

Dann gibt es Phasen, in denen gar nicht gelesen wird, jedenfalls keine Bücher. Merkwürdigerweise sind das oft die Wochen, in denen besonders viele Bücher gekauft werden, vielleicht, weil gerade Zeit ist, die Empfehlungen anderer in Ruhe zu lesen. Die Bücher warten dann auf später, und das ist in Ordnung.

In der Lesecommunity hat sich für diesen Zustand das Wort „Leseflaute“ eingebürgert. Es klingt nach Windstille auf dem Meer, nach einem Schiff, das nicht vorankommt, und Betroffene entschuldigen sich häufig dafür, als hätten sie etwas falsch gemacht. In Foren und Gruppen wird dann um Rat gebeten, fast wie bei einer Erkältung.

Man kann das auch anders sehen. Im Buch Kohelet, dem Prediger Salomo, heißt es: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Das gilt für vieles im Leben, auch für das Lesen. Wer eine Zeit lang lieber im Garten arbeitet, wandert, kocht oder Freunde trifft, verliert nichts. Diese anderen Leidenschaften gehören genauso zu einem Menschen wie das Buch unterm Arm, und sie machen am Ende auch die Leserin oder den Leser aus, der zum Buch zurückkehrt.

Warum Pausen dem Lesen guttun

Es gibt gute Gründe, Lesepausen nicht als Mangel zu sehen. Wer Abstand hat, liest danach oft mit frischerem Blick. Erfahrungen aus dem Garten, von Reisen oder aus Gesprächen fließen in die nächste Lektüre ein und verändern, wie eine Geschichte ankommt. Und wer ohne schlechtes Gewissen pausiert, liest aus Lust statt aus Pflicht.

Für Eltern ist das ein wichtiger Gedanke. Kinder, die eine Zeit lang nicht lesen wollen, sind nicht automatisch verloren fürs Buch. Oft sind andere Dinge gerade wichtiger, Freundschaften, Sport, ein neues Hobby. Wer dann Druck macht, erreicht meist das Gegenteil, besonders bei Jugendlichen, für die das Buch schnell nach Schule und Pflicht riecht. Wer Bücher griffbereit hält und selbst liest, schafft die besten Voraussetzungen dafür, dass die Lust zurückkommt.

Einige Wege zurück zum Buch, die sich bewährt haben:

  • ein schmales Buch statt eines dicken Wälzers
  • ein Genre, das sonst nie gelesen wird
  • ein altes Lieblingsbuch, das schon vertraut ist
  • ein Hörbuch für den Weg zur Arbeit

Keiner dieser Wege ist Pflicht. Auch das Warten ist einer.

Wer gar nicht weiß, wo er wieder anfangen soll, kann sich an die Buchhandlung um die Ecke wenden. Eine gute Buchhändlerin fragt nicht nach der Zahl gelesener Bücher, sondern danach, was zuletzt Freude gemacht hat, und findet daraus oft genau das Buch, das die Pause beendet.

Ein Detail am Rand: Im Sommer, wenn die Tage lang und die Beete voll sind, finden sich an den Händen mancher Leserinnen eher Erdkrumen als Druckerschwärze.

Häufige Fragen

Was ist eine Leseflaute?

Als Leseflaute bezeichnen viele Vielleser eine Phase, in der sie kaum oder gar nicht lesen, obwohl sie es eigentlich gern tun. Typisch ist, dass mehrere Bücher angefangen und wieder weggelegt werden oder dass die Lust ganz fehlt. Gründe sind oft Stress, Müdigkeit, ein besonders eindrückliches letztes Buch oder schlicht andere Interessen, die gerade mehr Raum brauchen. Eine Krankheit ist das nicht, und in aller Regel geht die Phase von selbst vorüber.

Was hilft gegen eine Leseflaute?

Druck hilft selten. Bewährt haben sich kürzere Bücher, Genres abseits der üblichen Lektüre, Wiederlesen eines alten Lieblingsbuchs oder Hörbücher für Wege und Hausarbeit. Manchen hilft es auch, das Lesen bewusst zu pausieren und die Zeit für anderes zu nutzen. Wer sich keine Zahl an Büchern pro Jahr vornimmt, kommt meist entspannter zurück, weil das Lesen wieder Vergnügen statt Pflicht ist.

Wie viele Bücher liest ein Vielleser im Jahr?

Dafür gibt es keine feste Grenze. In Lesecommunitys und Profilen tauchen manchmal Angaben von hundert Büchern und mehr pro Jahr auf, also etwa zwei pro Woche. Das ist möglich, setzt aber viel Zeit und ein hohes Lesetempo voraus. Wichtiger als die Zahl ist, wie viel von einem Buch hängen bleibt. Manche Bücher brauchen langsames Lesen, Absätze müssen zweimal gelesen werden, und nach dem Ende braucht es Zeit zum Nachdenken.

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