„Ich möchte unbedingt lesen“: fünf Wunschbücher und das Buchstöckchen
Die Regalböden biegen sich schon durch, und trotzdem gibt es eine Datei mit dem Titel „Bücher, die noch fehlen“. Wer viel liest, kennt das Phänomen. Jede Besprechung, jeder Tipp von Freunden, jede Radiosendung kann einen neuen Titel auf die Liste setzen, manchmal ergänzt um den Namen der Person, die ihn empfohlen hat. Mit der Zeit wird daraus ein kleines Protokoll der eigenen Neugier.
Im Frühjahr 2014 machte unter Literaturbloggern ein Buchstöckchen die Runde, das genau diese Listen sichtbar machte. Es trug den Titel „Ich möchte unbedingt lesen …“ und hatte zwei Regeln: fünf Bücher nennen, die ganz oben auf der Wunschliste stehen, aber keine Fortsetzungen von bereits gelesenen Büchern sind, und das Stöckchen anschließend an acht weitere Blogger weitergeben.
Eine der Antworten sah so aus.
Der Jakobsweg für zu Hause
Der erste Titel kam aus dem Fernsehen. In einer Folge der WDR-Sendung „Wunderschön“ über einen Abschnitt eines Pilgerwegs tauchte „Der Jakobsweg für zu Hause“ von Christiane Schlüter auf, erschienen bei Gräfe und Unzer. Das Buch überträgt die Idee des Pilgerns in den Alltag: 52 Übungen begleiten durch ein Jahr, jeweils drei aufeinander abgestimmte zu Themen wie Aufbruch, Freiheit oder Dankbarkeit, ergänzt durch meditative Bilder und Zitate. Für Menschen, die den Weg nach Santiago nicht gehen können oder wollen, ist das ein reizvoller Gedanke. Das Format erinnert an einen Wochenkalender, und wer es ernst nimmt, beschäftigt sich ein ganzes Jahr lang jede Woche ein wenig mit sich selbst, ohne dafür das Haus verlassen zu müssen.
Fahrenheit 451 in neuem Gewand
Der zweite Wunsch ist ein Klassiker, und zwar in einer ganz bestimmten Gestalt. Ray Bradburys Roman über eine Welt, in der das Lesen von Büchern bestraft wird und Feuerwehrleute Bücher verbrennen, liegt auf Deutsch bei Diogenes vor. Die Designerin Elizabeth Perez hat eine eigene Buchgestaltung für den Roman entworfen, und genau diese Fassung wäre der Grund, den Titel endlich zu kaufen.
Das ist weniger seltsam, als es klingt. Viele Leserinnen und Leser besitzen Lieblingsbücher in mehreren Ausgaben, und eine gelungene Gestaltung kann einen vertrauten Text wieder neu erscheinen lassen. Bei einem Roman, der vom Wert des Buches als Gegenstand handelt, liegt das besonders nahe. Bradbury erzählt darin von dem Feuerwehrmann Guy Montag, der Bücher verbrennt, bis er selbst eines liest, und der Titel verweist auf die Temperatur, bei der Papier Feuer fangen soll. Erschienen ist der Roman 1953.
Mittelstadtrauschen
Der dritte Titel geht auf eine Radioempfehlung zurück. Christine Westermann stellte bei WDR 2 den Roman „Mittelstadtrauschen“ von Margarita Kinstner vor, und wer Radio beim Autofahren hört, kennt das Problem, sich einen Titel am Steuer merken zu müssen. Das Buch beginnt mit einem umgestoßenen Kaffee in einem Café: Marie lernt dabei Jakob kennen, Jakob trennt sich von Sonja, Sonja trifft Gery, und Gery war der beste Freund von Joe, Maries früherem Partner, der sich mit einem Sprung in den Donaukanal das Leben genommen hat. Am Ende soll im Wiener Prater ein rätselhaftes Testament verlesen werden. Ein Roman, der aus einem kleinen Missgeschick eine ganze Kette von Geschichten entwickelt.
Zwitschernde Fische
Der vierte Wunsch entstand im Gespräch. Bei einem Treffen von Buchbloggern und Leseratten in Köln lernten die Gäste den Autor Andreas Séché kennen, und mehrere empfahlen an diesem Tag begeistert seinen Roman „Zwitschernde Fische“, erschienen bei ars vivendi. Darin betritt ein junger Mann namens Yannis in der Altstadt von Athen einen alten Buchladen und verfällt der geheimnisvollen Buchhändlerin Lio, die ihm zeigt, wie Literatur und Leben ineinanderfließen. Dann verschwindet sie. Eine Liebesgeschichte über das Lesen, und damit fast zwangsläufig ein Wunschtitel für Menschen, die Buchläden lieben.
Ein Kochbuch zum Schluss
Der fünfte Titel ist ein dicker Band, der bei einem Buchhandlungsbesuch in die Hände fiel: „Was ich koche & Wie das geht“ von der englischen Autorin Jane Hornby. Das Buch führt Schritt für Schritt durch 100 Gerichte und Menüs, von French Toast über Caesar Salad, Risotto und Thai-Curry bis zu Coq au Vin und Lammkeule, und erklärt nebenbei Fachbegriffe oder woran man erkennt, dass eine Avocado reif ist. Schon die Aufmachung macht Lust, ihn aufzuschlagen.
Wie Wunschlisten entstehen
Auffällig an dieser Auswahl ist, wie unterschiedlich die Wege sind, auf denen die fünf Bücher auf die Liste kamen: eine Fernsehsendung, eine Designerin, eine Radiomoderatorin, ein Treffen mit Gleichgesinnten, ein Zufallsfund im Laden. Kein einziger Titel stammt aus einer Bestsellerliste. Das spricht für die Vielfalt der Kanäle, über die Bücher ihre Leser finden, auch in Zeiten, in denen Algorithmen Empfehlungen ausspielen.
Eine Wunschliste ist dabei nicht in Stein gemeißelt. Oft vergehen Monate, bis jemand wieder hineinschaut, und dann wird nachgetragen, gestrichen und bisweilen auch gekauft. Manche Titel verlieren ihren Reiz, andere werden dringender, weil sie inzwischen von einer zweiten Seite empfohlen wurden.
Buchstöckchen haben allerdings eine eingebaute Grenze. Je länger ein Stöckchen unterwegs ist, desto schwieriger wird es, noch acht Blogger zu finden, die es nicht längst beantwortet haben – und irgendwann bleibt nur der offene Aufruf an alle, die gerade mitlesen.
Häufige Fragen
Was ist ein Buchstöckchen?
Ein Buchstöckchen, auch Blogstöckchen oder Book Tag genannt, ist eine Kettenaktion unter Literaturbloggern. Jemand beantwortet eine Reihe von Fragen oder erfüllt eine kleine Aufgabe rund ums Lesen, veröffentlicht das Ergebnis und gibt das Stöckchen an einige andere weiter, die es dann ebenfalls aufnehmen. Beim Stöckchen „Ich möchte unbedingt lesen“ ging es darum, fünf Wunschbücher zu nennen, die keine Fortsetzungen bereits gelesener Titel sind, und danach acht weitere Blogger zu benennen.
Worum geht es in „Fahrenheit 451“?
Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“ erschien 1953 und beschreibt eine Gesellschaft, in der Bücher verboten sind und Feuerwehrleute nicht Brände löschen, sondern Bücher verbrennen. Der Feuerwehrmann Guy Montag beginnt, an seiner Aufgabe zu zweifeln. Der Titel bezieht sich auf die Temperatur, bei der sich Papier entzünden soll. Der Roman gilt als Plädoyer für das freie Denken und liegt auf Deutsch im Diogenes Verlag vor.
Wie führt man eine Bücher-Wunschliste sinnvoll?
Praktisch ist eine einfache Datei oder ein Notizbuch, in das jeder Titel wandert, der Neugier weckt, am besten mit dem Namen der Person oder Sendung, die ihn empfohlen hat. So lässt sich später nachvollziehen, warum ein Buch auf der Liste steht. Hilfreich ist, die Liste regelmäßig durchzusehen, zu streichen, was nicht mehr reizt, und Titel vor dem Kauf in der Bibliothek anzulesen. Eine Wunschliste ist eine Sammlung von Möglichkeiten, kein Pflichtprogramm.
Wer ist Christine Westermann?
Christine Westermann ist Journalistin und Fernsehmoderatorin, bekannt unter anderem aus der WDR-Sendung „Zimmer frei!“, und stellt seit vielen Jahren im Radio Bücher vor, etwa im Programm von WDR 2. Ihre Empfehlungen haben eine treue Hörerschaft, und viele Titel finden über sie den Weg auf private Leselisten. Im Frühjahr 2014 gehörte dazu der Roman „Mittelstadtrauschen“ der österreichischen Autorin Margarita Kinstner.
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